Organismus der Superlative: Eine Neptungraspflanze der Art Posidonia oceanica hat es geschafft, mindestens 80.000 Jahre zu überleben und sich in dieser Zeit auf über 3.500 Kilometern auf dem Boden des Mittelmeers auszubreiten. Damit würde ihr der Titel “ältester lebender Organismus der Welt” zustehen.
Wie sämtliche Seegräser vermehrt sich das ausschließlich im Mittelmeer vorkommende Neptungras Posidonia oceanica über Klone, also eine ungeschlechtliche Fortpflanzung, in der es keine oder kaum Unterschiede im Erbgut von Ursprungspflanze und Nachkommen gibt. Demzufolge besteht die Unterwasserwiese aus vielen genetisch identischen oder nahezu identischen Pflanzen. Jetzt hat ein internationales Forscherteam von insgesamt 40 Stellen zwischen Spanien und Zypern ? also über eine Länge von 3.500 Kilometern ? den Wasserpflanzen DNA entnommen und diese genauer untersucht.
Laut den Wissenschaftlern erstreckt sich die längste genetisch identische Neptungraswiese über 15 Kilometer, sie liegt entlang der Küste vor der Balearen-Insel Formentera. Anhand der jährlichen Wachstumsrate des Seegrases schätzen Sophie Arnaud-Haond vom DEEP-Centre de Brest in Plouzané und ihre Kollegen die Pflanze auf ein Alter zwischen 80.000 und 200.000 Jahren. Damit ist der Organismus fast doppelt so alt wie das Tasmanische Seegras Lomatia tasmannica, das auf 43.600 Jahre geschätzt wird.
Obwohl das stolze Alter des Neptungrases auf eine robuste Art schließen lässt, sehen die Wissenschaftler die Wasserpflanze durch den Klimawandel stark bedroht. Denn die Temperaturen im Mittelmeer steigen dreimal so schnell wie in anderen Meeren. ?Der Organismus hat noch nie einen solch rasanten Klimawandel erlebt?, mutmaßt Studienleiter Carlos Duertes von der University of Western Australia in Perth.
Das Seegras spielt eine wichtige Rolle im globalen Ökosystem, da ein Hektar der Wasserpflanze deutlich mehr Kohlenstoffdioxid in Sauerstoff umwandeln kann als die gleiche Fläche tropischen Regenwaldes. Neben dem Klimawandel wird das Neptungras zunehmend durch den Schiffsverkehr im Mittelmeer zurückgedrängt.
Sophie Arnaud-Haond (DEEP-Centre de Brest, Plouzané) et al.: PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0030454 © wissenschaft.de ? Marion Martin





