Kaum ein Vogel ist emotional so positiv besetzt wie der Weißstorch. Er steht für intakte Natur, Frühling, neues Leben und Glück. Sein Lebensraum sind offene Landschaften – die es oft dort gibt, wo Menschen zugange sind. Forschende haben jetzt Erstaunliches über die Verbreitungsgeschichte des Weißstorchs zutage gebracht.
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Text: Oliver Abraham
Der Storch ist im Naturschutz die Flaggschiff-Art für vielfältige Kulturlandschaften. Institutionen wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU), dessen Wappentier der Storch ist, nutzen seine Popularität, um breite Zustimmung für den Schutz seines Lebensraums – und damit auch den Schutz einer Vielzahl anderer, weniger attraktiver Arten – zu bekommen. Und die Bemühungen zeigen Erfolg: Bis Ende der 80er Jahre war der Weißstorchbestand auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik auf unter 3.000 Paare gesunken, seit den 90er Jahren geht es wieder aufwärts. 2023 wurden in Deutschland mehr als 12.000 Brutpaare gezählt, für 2024 gehen Fachleute von mehr als 13.000 aus, so der NABU.
Das sind die Zahlen, doch über den Storch gibt es viel mehr zu erzählen: Nicht nur in den Märchen, die man sich seit Jahrhunderten vom Storch erzählt – auch aus der aktuellen Forschung gibt es Neues und Überraschendes.
Kommen und Gehen von Arten verstehen
Eine gemeinsame Studie des Leibniz-Zentrums für Archäologie LEIZA am Standort Schleswig mit dem Exzellenzcluster ROOTS der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und dem Michael-Otto-Institut des NABU hat nun neben wichtigen Erkenntnissen für die Archäologie auch solche für den Naturschutz hervorgebracht.
„Wenn wir verstehen wollen, wie Arten sich ausbreiten oder warum sie aus einigen Gebieten wieder verschwinden, können wir uns nicht nur den aktuellen Zustand ansehen. Wir müssen auch langfristige Entwicklungen verstehen“, erklärt Kai-Michael Thomsen, Biologe am Michael-Otto-Institut in Bergenhusen, Schleswig-Holstein, den Ansatz des interdisziplinären Projekts.
Gemeinsam haben die Forschenden anhand archäologischer Funde die Verbreitungsgeschichte des Weißstorchs (Ciconia ciconia) in Europa von der letzten Eiszeit bis heute nachvollzogen. Mit überraschendem Ergebnis: Gerade dort, wo er heute das Sinnbild für eine heile Umwelt ist (Norddeutschland) und wo die meisten Störche leben (Polen) kam er mit als Letztes an. Denn: Der Storch ist – langfristig betrachtet – ein Nutznießer bestimmter Kulturlandschaften.
Erkenntnisse aus der Archäozoologie
Im Rahmen der groß angelegten Studie wurde das Vorkommen von Storchenknochen sowohl in bestehenden als auch in prähistorischen Siedlungen untersucht. Solche Funde sind nicht häufig, so Ulrich Schmölcke, Biologe und Archäozoologe vom Leibniz-Zentrum für Archäologie in Schleswig, weil Störche in Europa nie gezielt gejagt worden seien. Aber man habe wohl wegen ihres schönen Gefieders doch immer wieder mal tote Tiere ins Dorf mitgebracht.
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Aus den Knochenfunden können Forschende – in Verbindung mit dem vorhandenen Wissen über die jeweiligen Fundstätten – die Verbreitungsgeschichte des Storches rekonstruieren. Genutzt wurden für die Studie Daten und Funde von europaweit mehr als 7.500 Ausgrabungsstätten, die bis 12.000 Jahre zurückreichen. In knapp 3.000 Fällen fanden die Forschenden Vogelknochen von Wildvögeln und Hausgeflügel. 89 Ausgrabungsstätten – von steinzeitlichen Siedlungen und mittelalterlichen Palästen bis hin zu Handelsplätzen und Müllgruben – umfassten auch Storchenknochen. „Abbildungen von Störchen auf Münzen und Bildern, Figuren und seltene schriftliche Quellen vervollständigten das Bild“, so Schmölcke.
Schmölckes archäologisches Interesse gilt dem Zusammenspiel von Mensch und Natur. „Wir untersuchen, wie sich das Verhältnis von Mensch und Umwelt in den vergangenen Jahrtausenden entwickelt hat. Dafür müssen wir wissen, wie die Umwelt früher aussah und welche Arten wo überhaupt vorkamen“, erklärt er. „Vor allem durch die Verwandlung der Naturlandschaft in eine Kulturlandschaft haben viele Arten ihren Lebensraum verloren und sind verschwunden, andere jedoch profitierten davon“, so Schmölcke. „Viele dieser Kulturfolger lebten in unmittelbarer Nachbarschaft mit den Menschen, was oftmals zu Konflikten führte. Viele Kulturfolger wurden irgendwann als Schädling abgestempelt. Beim Weißstorch dagegen verlief der enge Kontakt von Mensch und Tier von beiden Seiten entspannt und konfliktfrei.“
Eine besondere Beziehung
Warum aber schätzt der Mensch Störche so besonders? „Einerseits sicher deshalb, weil er ein Nützling ist – Störche fressen neben Fröschen auch Ratten und Mäuse“, erklärt Schmölcke, „andererseits erkennen wir im Verhalten des Storches unsere eigenen Beziehungsmuster wieder, wir fühlen uns dadurch angesprochen: Störche sind gesellig, sie beziehen ihr Nest immer wieder aufs Neue, haben also so etwas wie ein festes Zuhause, und die Menschen haben „ihren“ Storch auf dem Dach, eine persönliche Beziehung zu dem immer gleichen Paar.“ Männliche und weibliche Vögel begrüßen sich nach der Trennung freudig mit Schnabelklappern – all das mache Störche sympathisch und interessant.
„Die Menschen haben sich schon sehr früh um den Schutz der Störche bemüht“, berichtet Ulrich Schmölcke. „Nicht nur, dass sie ihnen Nistmöglichkeiten angeboten haben, man schützte sie auch aktiv. Wer einen Storch getötet hatte, wurde aus dem Dorf gejagt.“ Hinweise auf Letzteres fand Schmölcke in polnischen Überlieferungen aus der frühen Neuzeit. Schmölcke fand nirgends – weder an Knochenüberresten noch in den Chroniken – Hinweise darauf, dass der Storch in Europa gejagt und gegessen wurde. Die Jagd auf den Storch galt hier, so vermutet Schmölcke, wohl seit jeher als Frevel. Diesen Umgang des Menschen mit einer Wildtierart könne man als eine Form des frühen Artenschutzes beschreiben.
Doch mehr noch. Eine sonderbare Spiritualität scheint ihm zugeschrieben worden zu sein, was Forschende daraus ableiten, dass auch außerhalb seines historischen Verbreitungsgebietes seine Knochen gefunden wurden – als Grabbeigaben. „Zum Beispiel in den heutigen Niederlanden. Vor rund 1.200 Jahren wurde dort ein kompletter Vogel gemeinsam mit einem Schwein und einem Fohlen bestattet – wahrscheinlich in einem rituellen Akt“, berichtet Ulrich Schmölcke. „Aus ähnlicher Zeit stammen Storchenknochen aus einer Fundstätte in Deutschland – dort fanden sich zusätzlich Knochen von Mönchsgeier und Habichtskauz. Hier könnte der Wunsch, exotische Vögel zu besitzen, eine Rolle gespielt haben.“ Seltsam? Nicht unbedingt. Der Storch galt und gilt als Glücksbringer, zahlreiche positiv besetzte Sagen und Märchen ranken sich um ihn: Mit seinem Erscheinen im Frühjahr beginnt die warme Jahreszeit, der Zyklus von Wachsen und Gedeihen. Und heute? Die Mythen sind noch immer lebendig.
„Unsere Untersuchungen belegen ein sehr enges Verhältnis zwischen Mensch und Storch über Jahrtausende. Obwohl wir bei diesem klassischen Kulturfolger damit durchaus gerechnet haben, hat mich der eindeutige Zusammenhang zwischen der Intensität menschlicher Landnutzung und dem Verbreitungsgebiet des Storchs doch einigermaßen überrascht“, bekennt Schmölcke. Flussniederungen mit günstigem Nahrungsangebot für Störche habe es in Mittel- und Nordosteuropa immer gegeben. In Siedlungen aber ist der Storch vor Feinden, wie zum Beispiel Greifvögeln, geschützt. Auf Dächern, Schornsteinen oder Leitungsmasten findet er praktische Nistmöglichkeiten als Ersatz für hohe, starke Bäume oder Felsen. Das zog ihn wohl an.
In den Grenzen des Römischen Reiches
Schon im Mittelmeerraum der Antike existierte der Vogel im unmittelbaren Siedlungskontext – so nisteten Störche im frühen 2. Jahrhundert beispielsweise auf dem Tempel der Göttin Concordia im Zentrum Roms. Viele sehr frühe Quellen sprechen davon, dass der Storch bereits im antiken Griechenland und Italien eng mit dem Menschen verbunden war – Nester auf dem Dach, Futtersuche in der Feldflur und jedermann im Reich bekannt.
Bis in die ersten Jahrhunderte nach Christus war der Weißstorch ausschließlich im Südwesten und Südosten Europas verbreitet, vor allem auf der Iberischen Halbinsel, im Oberrheingraben und auf dem südlichen Balkan. Dort waren und wurden Wälder gerodet, es gab Freiflächen mit Landwirtschaft. Am Ende der Antike stimmte die Verbreitungsgrenze des Vogels mit der des Römischen Reiches überein. Sein Vorkommen endete exakt an der Grenze des Imperiums. Im antiken Germanien – dünn besiedelt, fast nur Wald, kaum Landwirtschaft – fanden die Forschenden so gut wie keine Storchenknochen. „Jenseits der Grenzen des Römischen Reiches mit seiner intensiv betriebenen Landwirtschaft und der offenen Landschaft fand der Storch keinen angemessenen Lebensraum“, berichtet Ulrich Schmölcke, „weil der Vogel längst auf den Menschen und sein Wirken angewiesen war.“
Vor 1.000 Jahren dann scheint der Storch in seinem alten Verbreitungsgebiet, dem Römischen Reich, seltener geworden zu sein und auch Territorien verloren zu haben. Warum, ist unbekannt. Auch auf den Britischen Inseln, wo es ihn zu römischen Zeiten gab, verschwand er nach dem Verfall des Römischen Reiches; seit einigen Jahren gibt es dort ein Wiederansiedlungsprojekt.
Erfolgreiche Verbreitung nach Norden und Nordosten
Nordöstlich der vormaligen Grenze des römischen Imperiums wurde in der Folgezeit die Besiedlung immer dichter, Wälder wurden gerodet, immer größere landwirtschaftliche Flächen geschaffen. Vor allem mit der mittelalterlichen Landnahme erweiterte sich das Verbreitungsgebiet des Storches rasant nach Norden und Nordosten. Im 15. Jahrhundert wird er laut Schmölcke in polnischen Schriften bereits als „Mitbewohner ihrer Dörfer“ bezeichnet. „Dort, so berichten es Quellen, standen Störche bald unter aktivem Schutz und verletzte Vögel wurden sogar gepflegt.“
Heute brütet der Weißstorch in weiten Teilen Europas, im Nordwesten Afrikas und dem westlichen Asien. „Die nördliche Verbreitungsgrenze reicht von Dänemark und Schleswig-Holstein über Südschweden, Polen und das Baltikum bis zum Ladogasee in Russland“, erklärt Kai-Michael Thomsen. „Der Weißstorch besiedelt offene und halb offene Landschaften, er bevorzugt extensiv genutztes Feuchtgrünland. Als Kulturfolger verschmäht er weder intensiv genutzte Agrarflächen noch Mülldeponien.“
Zugweg und Winterquartier sind entscheidend
Doch warum hat sich die Zahl der Störche im letzten Jahrhundert in manchen Gegenden Europas teils stark dezimiert? Die Antwort liegt gegebenenfalls auch in der Lebensweise. Störche sind Zugvögel. Sie fliegen auf zwei Routen in ihr Winterquartier – auf der Westroute zur Iberischen Halbinsel oder bis nach Westafrika und auf der Ostroute bis in die östliche Sahelzone, nach Ostafrika und Südafrika. Die Grenze zwischen West und Ost verläuft von den Niederlanden an den Harz, von dort aus nach Süden bis zu den Alpen. Entlang der Zugscheide leben Störche beider Zugrichtungen in unterschiedlichen Anteilen.
„In der heutigen Zeit zieht der Storch auf der Westroute in der Regel nur noch bis auf die Iberische Halbinsel oder nach Marokko und nicht mehr bis nach Westafrika“, berichtet NABU-Experte Kai-Michael Thomsen, „die Störche fliegen nicht mehr über die Sahara in den Sahel – statt 6.000 Kilometer wie vor den 1980er Jahren, legen sie heute nur noch 2.000 Kilometer zurück.“ Auf den früheren langen Routen des Hin- und Rückzuges lauerten große Gefahren, Verdursten gehörte dazu. Der Grund für den Bestandsanstieg der letzten Jahre in Westdeutschland sei die bessere Überlebensrate durch die Überwinterung in Spanien.
Für die West-Störche ist zudem der Tisch über den Winter reichlich gedeckt. „Reisfelder und offene Mülldeponien – die Störche haben in Spanien gute Futtermöglichkeiten“, so Thomsen. „Zwar drohen auf dem innereuropäischen Vogelzug noch immer Gefahren, wie zum Beispiel Stromleitungen, aber die Sterblichkeit hat seit den 90er Jahren deutlich abgenommen“, so Thomsen, „und deshalb sind auch die Bestände im Südwesten Deutschlands, in der Schweiz oder in Frankreich sehr stark angewachsen.“
Die Population der Ost-Zieher, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, ist dagegen labil oder nimmt ab. Bei den Störchen, die über die östliche Route ziehen, ist die Sterblichkeit höher. Denn sie haben einen viel weiteren und daher gefahrvolleren Weg. „Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Dänemark bis zu 10.000 Brutpaare und im südlichen Schweden 5.000. Dann brach der Bestand dort plötzlich zusammen“, berichtet Kai-Michael Thomsen. Vermutlich hing dies mit drastisch verschlechterten Bedingungen auf Zugwegen und in den Überwinterungsgebieten zusammen.
Forschung beleuchtet Vergangenheit und Zukunft
Fazit der Forscher: Der Weißstorch ist eindeutig ein Nutznießer der vom Menschen umgewandelten Landschaft, besonders der Waldrodungen und der Anlage großer extensiv genutzter Äcker und Weiden. „Intakte Lebensräume im Brutgebiet“, sagt Kai-Michael Thomsen, „bleiben wichtig für die langfristige Besiedlung und einen guten Bruterfolg.“ Doch die heute vorherrschenden intensiven Nutzungsformen haben zumeist extreme Biodiversitätsverluste zur Folge, von denen auch die Störche betroffen sind.
Der große Vorteil der Störche gegenüber anderen Arten war und ist, dass sie über die ganze Zeit, den ganzen Raum nie aktiv bejagt wurden. Und dass der Mensch den Storch schon immer bewundert, ja verehrt hat. Deshalb erobert sich der Storch immer wieder neue Lebensräume. Bis zum heutigen Tag. Die Ausbreitung des Storches nach Norden und Nordosten, nach Russland, sei noch nicht abgeschlossen, da sind sich die Forschenden sicher.
„Seit dem Ende der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren gab es mehrere gravierende Veränderung in unserer Vogelwelt“, berichtet Ulrich Schmölcke. Die nacheiszeitliche Erwärmung hatte eine rasche Ausbreitung ermöglicht. Die entstandenen Wälder und deren sich immer wieder verändernde Zusammensetzungen boten verschiedenen Arten Lebensräume.
Die von den Menschen vorgenommenen Rodungen der Wälder für Landwirtschaft und Nutztierhaltung und schließlich die Überführung einer Natur- in eine Kulturlandschaft hätten einschneidende Folgen für das Vorkommen und das Arteninventar von Brut- und Zugvögeln gehabt, so Schmölcke.
„Archäozoologische Untersuchungen erlauben es, die zeitlichen und räumlichen Veränderungen ehemaliger Vogelbestände zu bestimmen und zu verstehen. Daraus ergeben sich für den Naturschutz relevante Fragen wie ,Was ist vom Menschen verursacht, was natürlich?‘“, sagt Schmölcke. In die Natur möchte man nicht eingreifen, in eine menschenverursachte Veränderung vielleicht schon.
„Schließlich ermöglichen diese Erkenntnisse eine Vorhersage möglicher bio-geografischer Veränderungen der Vogelwelt – gerade vor dem Hintergrund der heutigen menschengemachten Klimaveränderung“, so Schmölcke.
„Ornithologen beobachten bereits parallel zum Rückgang vieler Arten die Ausbreitung wärmeliebender Spezies in Mitteleuropa, vom Bienenfresser über den Orpheusspötter bis zum Silberreiher. Zukünftig dürften sich solche Arealveränderungen weiter verstärken. Der Blick in die Geschichte früherer Phasen mit vielen Arealveränderungen kann helfen, die Auswirkungen auf Ökosysteme, Artengemeinschaften und auch das Verhältnis des Menschen zu den Neueinwanderern besser zu verstehen.“ //
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