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Kühe als Landschaftspfleger
Flussschotterheiden sind artenreiche Lebensräume, gut für den Hochwasserschutz und fürs Klima. Allerdings sind sie fast komplett verschwunden. Das Augsburger Land will die Weiden zurückgewinnen und lässt sich dabei von Kühen helfen.
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Text: Vanessa Barisch
Als Theresa Gawronski das Gatter aufschiebt, durchbricht sein Quietschen die Stille des nebelgrauen Wintertages. Auf der Weide kommen die 20 Pinzgauer Rinder in Bewegung. „Gerade sind sie nicht ganz so schnell unterwegs wie sonst, sie haben Angst auszurutschen“, schmunzelt Gawronski, als sie sich an einer Eisplatte vorbei zu ihrer Herde manövriert.
Die ersten Kühe bewegen bereits hoffnungsvoll ihre Schnauze in Richtung des blauen Eimers in ihrer Hand, der Rest der Herde kommt auch neugierig näher. Hinter ihnen erstreckt sich eine 22 Hektar große Weide, die inmitten von Ackerflächen, dem Fluss Wertach und einem Waldgebiet liegt.
Eingriffe in die Natur ausgleichen
Lange Zeit war die Fläche als Maisacker genutzt worden, ehe die Stadt Augsburg sie 2016 erwarb, um sie als Ausgleichsfläche für Bauprojekte wie das Fußballstadium des FC Augsburgs zu nutzen. Das Bundesnaturschutzgesetz verpflichtet bei „Eingriffen in Natur und Landschaft“, beispielsweise durch Bauprojekte, zu deren ordnungsgemäßem Ausgleich. Für die Erarbeitung eines Ausgleichskonzepts wurde der Landschaftspflegeverband Augsburg Stadt ins Boot geholt. Dieser entschied, die 22 Hektar wieder in eine Flussschotterheide – eine seit dem 15. Jahrhundert typische Kulturlandschaft der Augsburger Gegend – zurückzuwandeln.
Bei der Anfahrt mit Gawronskis gelbem Kleintransporter über den nahegelegenen Feldweg fiel es noch nicht ins Auge, aber als sie in ihren grauen Gummistiefeln die Weide betritt, werden auf der teils schneebedeckten Fläche die vielen Rillen, kleinen Hügel, Kiesbänke und Tümpel sichtbar, über deren vereiste Oberflächen die Kühe momentan schlittern.
Dieses Mikrorelief ist das Ergebnis intensiver Baggerarbeiten, erklärt Gawronski. So konnte die ursprüngliche Form des Geländes, das durch die ehemaligen Arme des nahegelegenen Flusses Wertach geformt worden war, nachempfunden werden. Im Anschluss brachte der Landschaftspflegeverein Mähgut und Samenmaterial aus umliegenden Biotopen auf der Fläche aus, um dafür zu sorgen, dass für diesen Naturraum typische Pflanzen Einzug halten. Solche Weiden sind in Südbayern entlang der Flüsse wie dem Lech und auch dem Zufluss Wertach typisch, zeichnen sich durch kiesige Flächen, Flachrasen, aber auch Sträucher und Grundwassertümpel aus. Die Flussschotterheiden zählen zu den artvielfältigsten Lebensräumen Mitteleuropas; seit 1920 haben sie allerdings 99 Prozent ihrer Fläche verloren. Grund dafür ist der Rückgang von Beweidungswirtschaft, die Begradigung der Flüsse und die Aufforstung der Flussauen. Die Kulturlandschaft Flussschotterheide nun wieder herzustellen, ist wegen der Begradigung von Flüssen ein schwieriges Unterfangen, da die Bewässerungsdynamik von Flussarmen, auf die die Flussschotterheiden angewiesen sind, inzwischen fehlt.
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An Wintertagen kommt Theresa Gawronski täglich mit ihrem blauen Eimer, gefüllt mit „Süßem“, wie sie mit einem Augenzwinkern erklärt. Das dient dazu, ihre Schützlinge anzulocken. „So sehe ich, ob es ihnen gut geht, und wir können unsere Beziehung pflegen.“ Wenige Minuten nachdem sie die Wiese betreten hat, ist sie umringt von ihren Pinzgauern, die sich durch ihr rot-braunes Fell mit weißem Rücken und weißem Bauch auszeichnen sowie durch ihre Behornung, die bei einigen anderen Kuhrassen weggezüchtet wurde.
Neben den Leckereien aus dem Eimer bekommen die Kühe im Winter Stroh zugefüttert. Während des restlichen Jahres übernehmen die Pinzgauer dagegen eine Kernaufgabe auf der Weide: Sie sind die Rasenmäher und Heckenscheren der Flussschotterweide, denn sie fressen Baumsprösslinge und – im Gegensatz zu kleineren Weidetieren wie Schafen – auch wuchernde Sträucher wie Brombeeren. Auf diese Weise finden seltene Blumen wie der Kreuzenzian und andere sonnenlicht- sowie wärmebedürftige Pflanzen einen Lebensraum. „Dazu kommt noch, dass Weidetiere, wenn man es richtig macht, auch was ganz Wertvolles hinterlassen, nämlich Dungkot – Kuhfladen“, bemerkt Nicolas Liebig vom Landschaftspflegeverband Augsburg. Das bringt wiederum einen ganz eigenen Mikrokosmos an Insekten hervor.
Gut fürs Klima trotz schlechtem Ruf
Gawronski bewegt sich mit dem Eimer zwischen den Pinzgauern hindurch. Manche sind besonders frech und wollen ihr den Weg versperren, um mehr aus dem Eimer abzubekommen, andere halten sich etwas schüchtern im Hintergrund.
Es dauert keine fünf Minuten und der Eimer ist leer gefressen. Theresa Gawronski macht sich auf den Weg, um auf der weitläufigen Fläche nach dem Rechten zu sehen – zwei Kühe folgen ihr in respektvoller Distanz. „Praktisch ist auch, dass die Kühe nicht alle Stellen gleichmäßig abfressen – es gibt wohl leckeres und weniger leckeres Gras“, sagt sie, während Kuh Resi sie mit der Schnauze anstupst.
An einigen Stellen wachsen so Sträucher wie der Weißdorn, andere Ecken halten die Kühe komplett kurz. Die Pflanzen, die im Gegensatz zu einem nur zeitweise bewachsenen Acker ganzjährig die Weide begrünen, schützen den Boden vor Erosion, nehmen Kohlenstoffdioxid (CO2) aus der Luft auf und speichern diesen. Dadurch können bis zu 176 Tonnen Kohlenstoff pro Jahr dauerhaft gespeichert werden. Zwar stoßen Kühe das ebenfalls klimaschädliche Gas Methan aus, das um einiges klimaschädlicher ist als CO2, und gelten deswegen allgemein als „Klimakiller“, jedoch ist der Methanausstoß der Pinzgauer im Verhältnis mit ihrem Nutzen für das Weideprojekt zu sehen: Die Rinder regen durch das Abgrasen mehr Pflanzenwachstum an und sorgen somit dafür, dass mehr CO2 dauerhaft gespeichert wird. Abgesehen davon senkt die Flussschotterweide mit ihren Tümpeln, Freiflächen und Gehölzen vor Ort die Temperatur.
Die Weide nützt Mensch und Tier
Während Gawronski die Wiese begeht, platscht der Boden unter ihren Gummistiefeln. „Letztes Jahr hat es deutlich mehr geregnet als die Jahre davor – einige der Pfützen sind das ganze Jahr geblieben“, erklärt sie. Die in Baggerarbeiten wieder freigelegten Rillen, die die ehemaligen Flussarme geformt hatten, begünstigen die Bildung dieser Tümpel und stellen gleichzeitig einen natürlichen Hochwasserschutz dar.
Aber nicht nur sie haben bei Starkregen und Hochwasser eine positive Auswirkung: Durch den ganzjährigen Bewuchs der Heide entsteht viel Humus. „Die Krümelstruktur des Oberbodens wird somit verbessert“, erklärt Nicolas Liebig vom Landschaftspflegeverband Augsburg und weist darauf hin, dass so auch die Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens erhöht wird.
Sanfte Stille überzieht die winterliche Nebellandschaft, umliegende Bäume sind in Raureif gehüllt. In der Ferne auf dem Feldweg sieht man einen Fahrradfahrer vorbeiziehen und über Gawronskis Kopf kreist ein Bussard auf Beutesuche. Neben den Pinzgauern bietet die Weide vielen anderen Tieren einen Lebensraum und die Pinzgauer tragen dazu bei. Die Dungfauna eines einzelnen Rinds umfasst um die 100 Kilogramm Insektenmasse. Die Insekten sind wiederum Nahrung von Feldvogelarten wie dem seltenen Neuntöter oder den Küken des Rebhuhns. Beide Arten haben mit dem Aussterben zu kämpfen – Grund hierfür ist sowohl die extensive Ausbreitung von Ackerflächen als auch der Rückgang der Insektenbiomasse, die damit einhergeht. Die Flussschotterheide ist aber mit ihren unterschiedlichen Geländeformen, von der Kiesbank bis zum Grundwassertümpel, förderlich für die Artenvielfalt. So siedelte sich letztes Jahr auch der vor zehn Jahren noch vom Aussterben bedrohte Laubfrosch in den Tümpeln der Weide an.
Theresa Gawronski ist am Ende ihres Kontrollgangs angekommen – so weit ist auf der Fläche alles in Ordnung. Sie hält in der Mitte der Weide noch einmal inne und schaut in die Weite. Der Himmel hat sich etwas aufgelockert und macht Hoffnung auf ein paar Sonnenstrahlen an dem kalten Wintertag. Dann macht sich Gawronski auf den Rückweg zu ihren Kühen. Zwei davon kommen ihr bereits sehnsüchtig entgegen. „Das sind Resi und Gabi, sie sind besonders zutraulich, wahrscheinlich, weil wir uns schon so lange kennen. Sie waren unter den ersten Kälbern, die ich hier großgezogen habe.“ Sie lächelt, als eine der beiden ihr die Hand ableckt.
Naturnahe Haltung
„Ich war gerade fertig mit meiner landwirtschaftlichen Ausbildung, als mein Vater mich auf die Ausschreibung des Landschaftspflegeverbands aufmerksam gemacht hat“, berichtet Theresa Gawronski über ihren Weg zum Projekt der Flussschotterheide. Sie überzeugte in der Ausschreibung – auch wegen ihrer Verwurzelung in der Region. Ab 2018 pachtete sie die Fläche, die nur vier Kilometer von ihrem Heimatort entfernt ist, und kaufte schließlich ihre ersten fünf Pinzgauer von einem Hof in Niederbayern speziell für das Projekt.
Die Pinzgauer selbst sind eine vom Aussterben bedrohte Haustierrasse, die historisch in der Gegend verankert ist, und passen deshalb gut ins Gesamtkonzept der Ausgleichsfläche. Zwar ist bei Pinzgauern, die ehemals als Pflugtiere Einsatz fanden, der Milchertrag geringer als bei speziellen Milchkuhrassen und ihr Fleischertrag ist geringer als bei speziellen Fleischrinderrassen, doch sie haben andere Vorzüge. Sie sind robust und somit geeignet für die ganzjährige Haltung auf der Weide.
„Auch war mir wichtig, dass die Kühe leicht kalben, denn anders als im Stall kann es hier draußen passieren, dass die Geburt einsetzt, ohne dass ich es sofort mitbekomme. Dann müssen sie allein zurechtkommen“, ergänzt Gawronski zur Auswahl der Rasse und weist Resi zurecht, die versucht, mit der Zunge ihre Jackentasche zu durchsuchen. Das Projekt ist auf Mutterkuhhaltung ausgelegt, also eine naturnahe Tierhaltung, die ausschließlich auf die Fleischproduktion abzielt. Bei dieser Haltungsart, die nur auf jede siebte Kuh in Deutschland zutrifft, bleibt das Kalb nach der Geburt bei der Mutter und wird von ihr gesäugt. Zur Deckung der Kühe kauft Theresa jedes Jahr einen Stier, der für ein paar Monate auf der Weide bleibt. Männliche Kälber werden kastriert und können so zwei bis drei Jahre in der Herde verbleiben, ehe sie in die Vermarktung gehen.
„Deswegen haben die männlichen Kälber bei mir auch keine Namen. Das macht das Schlachten emotional etwas leichter“, erklärt Gawronski ernst. Man merkt ihr an, dass es ein schwieriges Thema ist, um das sie sich viele Gedanken gemacht hat. Ihr liegt jedes ihrer Tiere am Herzen. Entsprechend ist es ihr auch sehr wichtig, die Schlachtung möglichst schmerzlos für ihre Tiere zu gestalten, sodass sie den Bolzenschuss auf der Weide durchführt. „So möchte ich verhindern, dass die Tiere dem Stress des Transports zum Schlachter ausgesetzt sind.“ Gelernt hat sie den Weideschuss bei einem befreundeten Landwirt, der zu den wenigen Landwirten und -wirtinnen zählt, die ihre Kühe selbst schlachten. Diese Praxis war in den 1990er Jahren verboten, 2011 jedoch für Rinder, die ganzjährig im Freien leben, wieder gelockert worden.
Wirtschaftlichkeit von Natur- und Klimaschutz?
Theresa Gawronski bleibt noch einige Zeit bei ihren Pinzgauern, krault den Rücken des ein oder anderen Rinds und lässt sich die Hand ablecken. Dabei wirft sie noch mal einen prüfenden Blick in die Runde, um sicherzugehen, dass alle da sind und es allen gut geht.
Gawronski schlachtet drei bis fünf Rinder im Jahr und arbeitet dann die Liste der Vorbestellungen ab, ehe das restliche Fleisch auf dem Verkaufstisch des Bioladens ihrer Familie landet. Dass ihr Fleisch etwas Besonderes ist, weiß sie. Dennoch orientiert sie sich am lokalen Marktpreis für Biorindfleisch und verkauft das Kilo Rückenfilet für 57 Euro. „Mir ist wichtig, dass das Projekt auf dem Boden bleibt und das Fleisch noch erschwinglich ist“, sagt sie. Zusätzlich zu den Einnahmen durch die Rinderzucht bekommt sie von der Stadt Augsburg eine Aufwandsentschädigung für die Instandhaltung der Zäune. Gawronski ist überzeugt vom Konzept der Flussschotterheide mit ihren Pinzgauern und gibt zu bedenken, dass die Haltung auf der Weide weniger arbeitsintensiv ist als im Stall. Außerdem betont sie: „Für die Tiere und für mich ist es schön, dass sie das ganze Jahr auf der Weide verbringen können. Ich bin überzeugt, dass sie ein gutes Leben haben, und das gibt mir auch ein gutes Gefühl.“
Langsam beginnt es zu dämmern und die Eschenallee, die an die Flussschotterheide der Pinzgauer grenzt, verschwindet zunehmend im Nebel. Gawronski reibt sich die Hände, um sie etwas aufzuwärmen, und rückt ihr Stirnband zurecht, ehe sie den Eimer aufhebt und zum Gatter läuft. Ein paar Kühe folgen ihr, aber spätestens bei der Eisplatte kurz vor dem Ausgang bleiben sie zurück – das Risiko auszurutschen wollen sie nicht eingehen. Aber schon morgen gibt es ein Wiedersehen mit Gawronski, die sicher wieder etwas Leckeres dabeihat, und eine willkommene Abwechslung in der stillen Winterroutine der Weide zu bieten scheint. //
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