Müll reduzieren, Ressourcen schonen, Schadstoffe meiden – es gibt verschiedene Gründe, gerade beim Umgang mit Lebensmitteln auf Kunststoff zu verzichten. Wie man für jedes Produkt die richtige Verpackung findet oder sie ganz weglässt
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Text: Edith Luschmann
Noch ist das Jahr jung und die guten Vorsätze vieler Menschen sind noch präsent. Neben den Klassikern wie „mehr Sport“ oder „gesünder ernähren“ nehmen sich manche auch vor, weniger Auto zu fahren. Oder weniger Fleisch zu essen. Oder aber: Plastik einzusparen. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei gute Gründe, sagt die Nachhaltigkeitsberaterin Kerstin Mayer. „Der eine ist das schlechte Gewissen angesichts der Bilder von Müllbergen, für die man mitverantwortlich ist. Dieses Gefühl wollen wir Menschen nicht. Und die zweite Motivation ist die Sorge um die eigene Gesundheit.“
Kunststoffprodukte enthalten oft potenziell schädliche Zusatzstoffe, die sich über die Gebrauchsdauer aus dem Plastik lösen und etwa in Lebensmittel übergehen können (vgl. natur 01/23). Und dann ist da das Mikroplastik. Internationale Studien wiesen die feinen Teilchen im Boden und in Trinkwasser, aber auch im Körper von Menschen nach. Bis zu fünf Gramm Plastik nimmt der Mensch im Durchschnitt in einer Woche zu sich, schätzten australische Forschende in einer Studie für den WWF aus dem Jahr 2019. Was das allerdings konkret für die Gesundheit bedeutet, kann die Wissenschaft noch nicht mit Sicherheit sagen.
Aber warum nicht sich selbst und der Umwelt etwas Gutes tun und den eigenen Plastikverbrauch reduzieren? Und zwar am besten da, wo es sich mit jedem Einkauf ansammelt. „Die Küche ist ein toller erster Baustein; viele Aktionen dort haben eine riesige Hebelwirkung“, sagt Kerstin Mayer. „Wir müssen ständig essen und deswegen auch ständig einkaufen.“ Die Stuttgarterin ist Architektin und ausgebildeter Businesscoach. Sie berät Menschen zu unterschiedlichen Aspekten der Nachhaltigkeit im eigenen Alltag. Und für den privaten Bereich ist das Einsparen von Plastik oder auch Müll im Allgemeinen ein guter Einstieg.
Erster Schritt: Bestandsaufnahme
Zuerst muss man sich dazu bewusst machen, wo sich Plastik in unserem Leben überall verbirgt. „Mir geht es da vor allem um Effizienz: Wo lohnt sich mein Einsatz am meisten? Um das herauszufinden, rate ich immer zu einem Blick in die Mülltonne“, so der Tipp von Beraterin Mayer.
Das heißt konkret: den Gelben Sack oder die Tonne durchforsten und mal eine Zeit lang notieren, was darin alles landet. So findet jeder seinen persönlichen Ansatzpunkt. „Wenn ich dabei feststelle, dass ich jede Woche zehn Tetrapaks wegwerfe, dann kaufe ich in Zukunft vielleicht Milch in der Flasche. Sind es Packungen von Tomatensoße, kann ich zum Beispiel überlegen, wie ich meine Soße mit frischen Zutaten strecke und so Verpackungen einsparen“, so Mayer. Das ist einfach, bringt aber durch den hohen Anteil schnell eine sichtbare Müllreduktion.
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Als zweites, so Mayers Rat, könne man sich überlegen: Wie kommt mein Essen zu mir? Denn die einfachste Möglichkeit, auf Plastik bei Lebensmitteln zu verzichten, ist, so frisch und direkt wie möglich einzukaufen. In der Biokiste vom Bauern oder einer Solidarischen Landwirtschaft ist deutlich weniger verpackt als im Supermarkt, gleiches gilt für den Wochenmarkt. Ansonsten ist der Biosupermarkt auch hinsichtlich der Plastikfrage oft die bessere Wahl.
Denn für alles, was unverpackt verkauft werden kann, ist das die ökologischste Lösung. Das bestätigen auch die Ergebnisse des Projekts Innoredux, durchgeführt vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu), das sich über drei Jahre damit beschäftigt hat, wie Unternehmen ihre Verpackungen nachhaltig verbessern können. Und zumindest Obst und Gemüse sowie trockene Lebensmittel wie Reis, Nudeln oder Haferflocken werden immer öfter lose angeboten.
Gibt es diese Möglichkeit nicht, rät Kerstin Mayer zu Großgebinden. „Man kann Bioware gut in Großhändlermengen bestellen. Das sind dann meistens Papiersäcke mit 2,5 oder fünf Kilogramm, die man auch mit Freunden oder Nachbarn teilen kann.“ Das ist sinnvoll, weil große Verpackungen auf die Einzelportion gerechnet Material sparen. Vergleicht man beispielsweise eine 1-Liter-PET-Flasche mit einer Halbliter-Flasche, so erhöht sich der Packungsmittelverbrauch pro halben Liter schon um 13,7 Prozent, hat das Umweltbundesamt ausgerechnet.
Komplizierter wird es bei Produkten, die sich unverpackt nicht verkaufen lassen. Zumindest, wenn wir uns jetzt ganz auf das Ökologie-Argument beschränken. Denn nicht immer ist Papier oder Glas wirklich die bessere Wahl. Die Biowissenschaftlerin Carola Bick arbeitet am ifeu und verglich im Rahmen des Innoredux-Projektes unter anderem die Ökobilanz, die Verpackungsintensität und das Müllaufkommen verschiedener Verpackungen bei verschiedenen Produkten. Und kam dabei zu teils überraschenden Ergebnissen. „Es ist zum Beispiel so, dass viele Menschen gern zur Tomatenpassata aus dem Einwegglas greifen, weil sie den Tetrapak vermeiden wollen. Aber für die Glasherstellung und das anschließende Recycling wird extrem viel Energie verbraucht. Deshalb ist der CO2-Ausstoß deutlich höher als bei einem Verbundkarton oder einem Mehrwegglas“, erklärt sie. In diesem konkreten Fall wären beide Lösungen ökologisch sinnvoll. Handelt es sich aber um sehr leichte Ware, wie etwa Mandeln, schneidet das Mehrwegglas im Vergleich mit Unverpacktsystemen und einem Plastikbeutel mit Abstand am schlechtesten ab. „Was viele vergessen: Mehrweggläser haben immer Einwegdeckel“, erklärt Bick. „Und dieser Deckel aus energieintensivem Weißblech ist schwerer als der komplette Kunststoffbeutel. Und dann lohnt sich das im Verhältnis einfach nicht.“ Dazu kommen bei Mehrwegsystemen Abfüll- und Waschprozesse, die mit eingerechnet werden müssen.
Die beste nachhaltige Verpackung kann man pauschal nicht benennen. Und das liegt an der Vielfalt der Produkte und den grundsätzlichen Aufgaben einer Verpackung: Diese muss einen sicheren und effizienten Transport sowie einfache Lagerung ermöglichen, hygienisch sein und vor allem das Produkt schützen. Gerade bei leicht verderblichen Lebensmitteln ist letzteres essenziell. Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2011 hat den Umwelteinfluss von Lebensmitteln durch Verlust oder Verderben dem Einfluss der Verpackung gegenübergestellt. Sie konnte zeigen, dass etwa bei Käse der Nutzen der Verpackung durch die Verlängerung der Haltbarkeit ihre negativen Auswirkungen überwiegt.
Diese Komplexität fordert die Verbraucher, aber vor allem auch die herstellenden Firmen: „Es ist schon vorgekommen, dass die nachhaltigste Variante wieder aus dem Sortiment genommen wurde, weil die Kunden sie nicht angenommen haben“, erzählt Bick. „Denn leider kursieren noch viele Verpackungsmythen.“ So werde Papier oft sehr positiv eingeschätzt, ebenso wie das Einwegglas. Kunststoff dagegen kommt generell schlecht weg, obwohl er manchmal durchaus seine Berechtigung hat. „Was die anderen Materialien an Umweltwirkungen mit sich bringen, ist weniger sichtbar und wird oft unterschätzt“, so Bick. „Das gelingt nur mit viel Information.“
Immerhin ein paar Faustregeln kann Carola Bick den Verbrauchern dann aber doch auf den Weg geben: „Bei trockenen Produkten ist unverpackt immer die beste Lösung. Und Glas-Mehrweg für Lebensmittel lohnt sich in der Regel, wenn das Produkt schwerer ist als die Verpackung; umso mehr, je regionaler die Ware produziert beziehungsweise abgefüllt wurde. Das spart Transportwege.“
Kochen und Aufbewahren
Beim Verarbeiten der Lebensmittel sind die Utensilien relevant, die mit unseren Lebensmitteln in Berührung kommen: Rührschüsseln, Schneebesen, Pfannenwender, Schneidebretter. Hier steht der Gesundheitsaspekt im Vordergrund. „Wenn ich auf dem Plastikbrettchen schneide, dann kommt es durch die mechanische Belastung zu Abrieb. Und dann mische ich mir die Plastikkrümel ins Essen“, sagt Kerstin Mayer. „Und wenn Kunststoff heiß wird, lösen sich Bestandteile leichter.“ Dennoch gilt: Bitte nicht in Panik oder Aktionismus verfallen und alles Plastik in die Tonne werfen. Die Mengen der Stoffe, die man so aufnimmt, sind minimal. Lieber erst mal abwarten und beim nächsten Mal zu langlebigen Varianten aus Holz oder Edelstahl greifen.
Ist nach dem Essen noch etwas übrig, geht auch das Aufbewahren problemlos ohne Frischhaltefolie, Plastikboxen und Gefrierbeutel und in den meisten Fällen auch ohne neu einzukaufen. Für Kerstin Mayer ist ein großes Sortiment an Gläsern das wichtigste. „Weck-Gläser eignen sich gut zum Aufbewahren für Soßen oder auch angeschnittenen Käse.“ Auch gespülte Einweggläser eignen sich zum Lagern und verbessern durch die verlängerte Nutzung ihre Ökobilanz. Vor allem aber macht die Nachhaltigkeitsberaterin Mut zum kreativen Denken. „Ich kann überlegen: Wenn ich jetzt keinen Zugriff hätte auf all diese Sachen, was würde ich dann machen? Oder: Was hätte meine Oma denn gemacht?“ Dementsprechend simpel klingen ihre konkreten Tipps: Eine Schüssel über das letzte Kuchenstück auf dem Teller, ein feuchtes Tuch ums Gemüse oder ein Küchentuch mit Gummi über der Salatschüssel. „Wir haben alle so viele Dinge. Man sollte sich da einfach frei fühlen im Denken. Und sich nicht damit aufhalten, dass man vielleicht nicht den Erwartungen von anderen entspricht“, so Mayer.
Bleibt schließlich noch das Thema Putzen, oft ungeliebt, aber unvermeidlich. Spüllappen, Schwämme oder Bürsten enthalten meist Kunststoff, sind aber leicht zu ersetzen, hier gibt es genug Alternativen. Bei den Putzmitteln ist das ein bisschen schwieriger, die findet man selbst im Biomarkt fast ausschließlich in Plastik. Eine Variante ist das Selbermachen: Aus Kernseife, Waschsoda, Natron und ätherischen Ölen lässt sich da schnell was zaubern (siehe Kasten); auch Zitronensäure oder Essig sind Hausmittel, die bei vielen Verschmutzungen Wunder wirken. Es gibt aber auch Firmen, die sich des Problems angenommen haben.
„Wenn man sich einmal umschaut, ist es doch erstaunlich, wie viele Produkte im Haushalt aus in Einwegplastik verpackter Flüssigkeit bestehen. Und da dachten wir uns: Warum nicht aus einer Einwegverpackung ein Mehrwegprodukt machen? Und zwar eins, das jeder braucht.“ So erzählt es David Löwe, einer der Gründer von everdrop. 2019 als kleines Start-up gegründet, hat das Unternehmen ein rasantes Wachstum hingelegt. Heute sieht man die kleinen bunten Papiertütchen auch in vielen Drogerien, das Produktportfolio umfasst inzwischen nahezu jedes Produkt im Haushalt, das sich nachfüllen lässt.
Das Prinzip: Beim ersten Kauf gibt’s beispielsweise die Sprühflasche aus Recyclingplastik oder Glas dazu; ist sie einmal leer, muss nur das Mittel in Form von kleinen Brausedrops nachgekauft werden. Mit Wasser vermischt wird daraus dann Klarspüler, Glas- oder Küchenreiniger. So hat das Unternehmen nach eigenen Angaben schon über acht Millionen Plastikflaschen eingespart sowie Verpackungsmaterial und jede Menge CO2 beim Transport.
Ständige Lernkurve
Das klingt so logisch, dass man sich fragt: Warum hat das so lange gedauert? Auf diese Frage antwortet der Co-Gründer erstmal mit einem Lachen. „Wir waren gar nicht die Ersten. Solche Drops gab es wohl in den 1980er Jahren schon mal, wollte nur keiner haben.“ Heute ist der Zeitgeist ein anderer. Dennoch gibt es vor allem zwei Herausforderungen, erklärt der Geschäftsführer: „Das eine ist die Bequemlichkeit des Menschen. Denn wir arbeiten ja gegen den Convenience-Trend, dass alles immer einfacher werden soll, indem wir einen Produktionsschritt – das Mischen – an die Kunden auslagern. Und dann sind die Konkurrenzprodukte natürlich über Jahre optimiert, wir dagegen müssen da immer noch viel lernen und nachbessern.“
So werden die meisten Everdrop-Produkte in Papier mit einer Beschichtung aus Ernteabfällen verkauft. Diese ist nicht komplett wasserdicht, was Kritiker immer wieder als Gegenargument anführen. Doch da kann Löwe nur die Schultern zucken. „Wie oft kommt so ein Produkt in der Lieferkette denn mit Wasser in Berührung? Und wenn es beim Endverbraucher mal etwas feucht wird und klumpen sollte, dann schadet das dem Produkt nicht.“ Für einzelne Produkte mussten die Produzenten dennoch wieder auf Papierverpackungen mit Kunststoffbeschichtung setzen, weil etwa das Spülmittelpulver zu viel Wasser zog. Immerhin: Auch diese Verpackungen können ins Altpapier. An einer besseren Lösung wird aber intensiv geforscht.
Auch plastikfreie Spülmaschinentabs waren schwierig. Zum einen ist die Folienverpackung ein fester Bestandteil aller gängigen Produktionsmaschinen. Und die nackten Würfel zerbröseln leicht. Die Lösung: Transport im Pappkarton statt in der Tüte. „Das sind eben die Lernkurven, die wir in Kauf nehmen müssen“, so Löwe. „Aber neben der Rezeptur ist das größte technische Problem eigentlich, dass Plastik einfach am billigsten ist.“ Wer der Natur etwas Gutes tun will, zahlt also drauf. Und das ist in Zeiten wie diesen nicht ganz einfach. Dennoch blickt Löwe guter Dinge in die Zukunft und hat dabei ein Bild vor Augen: „Ich denke an ein Regal im Supermarkt, bis zur Decke voll mit Flaschen aus Einwegplastik. Und dann stelle ich mir vor, dass es das in fünf oder zehn Jahren einfach nicht mehr gibt. Weil es viel bessere Systeme gibt. Und wir sind ein Teil dieser Lösung.“
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