Text: Alina Wolf
Sie fristen ein unscheinbares Dasein in Mauerritzen und Pflasterfugen, werden zertrampelt, überrollt, mit Feuer bekämpft – und kommen doch immer wieder. Rund 500 Pflanzenarten haben sich an die städtischen Lebensbedingungen wie Hitze, verdichteter Boden oder Luftverschmutzung angepasst. Sie verwandeln Rinnsteine und Straßenränder in einen Lebensraum für Insekten, während sie gleichzeitig die Auswirkungen des Klimawandels in der Stadt mildern. Doch die meisten Menschen gehen an der überraschenden Artenvielfalt in ihrer Stadt Tag für Tag blind vorüber.
Biologin Nicole Nöske vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels ist eine Ausnahme: „Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich überall verschiedene Pflanzenarten und freue mich über jede, die es geschafft hat, hier zu wachsen“, sagt sie. Ihr Kollege Georg Tschan bestätigt das. Er hat sogar fast immer eine Lupe und ein Bestimmungsbuch dabei, falls er mal nicht auf den ersten Blick weiß, um welche Art es sich handelt. „Das ist wahrscheinlich eine Berufskrankheit“, meint er lachend.
Die Krautschau-Aktion
Heute teilen die beiden Forschenden ihr Wissen mit Interessierten bei einem Krautschau-Spaziergang durch Bonn. Bei der Mitmachaktion werden Pflanzen in der Stadt aufgespürt, benannt und gekennzeichnet. Grundsätzlich geht das mit, aber auch ohne Führung von Experten: Jeder, der will, kann das ganze Jahr über Orte mit städtischen Wildpflanzen mit Malkreide beschriften und Fotos unter den Hashtags #krautschau oder #mehralsunkraut in den sozialen Medien teilen. Wer kein Pflanzenkenner ist, dem helfen Apps wie ObsIdentify, Flora Incognita oder Pl@ntNet identify beim Bestimmen der Arten.
Die Krautschau-Mitmachaktion will das Interesse an Wild- und Stadtpflanzen fördern. Ursprünglich startete die Aktion in Frankreich und Großbritannien, bis sie vor rund fünf Jahren auch nach Deutschland überschwappte. Ins Leben gerufen haben sie hier Julia Krohmer von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und Alexandra-Maria Klein von der Universität Freiburg, die im Mai 2021 den ersten deutschlandweiten Aktionstag organisierten.
Mittlerweile erstreckt sich der Aktionszeitraum meist über mehrere Wochen oder Monate. Verschiedene Veranstalter bieten dann auch auch Krautschau-Spaziergänge an – so wie Nöske und Tschan.
Stadtbienen und Parkplatzkräuter
Mit Straßenmalkreide bewaffnet, steht ihre kleine Gruppe Interessierter auf dem Parkplatz des Leibniz-Forschungsmuseums Koenig in Bonn. Zusammen wollen sie eine Stunde lang Pflanzen in Ecken und Pflasterfugen beschriften und die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Natur lenken, die sich auch hier ihren Weg bahnt.





