Kollabieren dann auch die Nahrungsketten im Meer?
Zumindest die Nahrungsketten in den tropischen Meeren sind bedroht. Grundsätzlich sind aber nur relativ wenige Fische direkt abhängig von den Korallen, Schmetterlingsfische beispielsweise, die sich von ihnen ernähren. Die meisten Fische nutzen Korallen vor allem als Kinderstube und Unterschlupf. Die komplexen Gemeinschaften in Korallenriffen können sich von vielen Störungen schnell erholen. Chronische Störungen wie die Verschlechterung der Wassserqualität oder Überfischung setzen aber die Widerstandsfähigkeit allmählich herab, so dass es oftmals nur des einen Tropfens bedarf, der das Fass zum Überlaufen bringt. So können dann Korallen-dominierte Riffe sehr schnell in Tang-dominierte Hartbodengemeinschaften umkippen. Wenn die Korallen sterben, bleiben ihre Skelette und der darunter liegende Kalkrahmen noch bestehen. Aber mit fortschreitender Erosion nagt der Zahn der Zeit an diesen natürlichen Bauwerken, sie verfallen, ein Lebensraum verschwindet. Es ist damit zu rechnen, dass sich anstelle der Korallen ganz neue Systeme einstellen werden. Wie die aussehen werden, entzieht sich bislang unserem Wissen.
Beschleicht Sie manchmal das Gefühl, eine verschwindende Welt zu beobachten?
Nein, das würde ich nicht sagen. Ich hatte das Glück als Jugendlicher in Ägypten aufzuwachsen und früh die Riffe erkunden zu können. Am Roten Meer gab es damals nur ein paar Zelte – wo heute Hotelburgen stehen. Ich war bereits damals fasziniert von den Riffen. Die Natur kann eine ganze Menge aushalten. Aber es wird ja nicht nur an der Temperatur gedreht. Man muss auch über Abwässer, Versauerung und Überfischung reden. Doch trotz allem gibt es noch immer viele Riffe, die in sehr guten Zustand sind. Es ist noch nicht alles verloren. Möglicherweise kommen Korallen zum Zuge, die heute noch keine wichtige Rolle spielen. In unseren Projektgebieten finden wir Riffabschnitte, die trotz Hitzewelle intakt bleiben. Welche Mechanismen diesen Refugien zugrunde liegen, ist eine Frage, die für die Zukunft der Korallenriffe von zentraler Bedeutung ist. Die Vielfalt der physikalischen und chemischen Prozesse im Meer und die außerordentliche biologische Vielfalt sind unsere Hoffnung, dass es nicht so schlimm kommen muss, wie unsere Modelle es vorhersagen. Dies erfordert aber ein Umdenken vom „weiter so”, um die natürlichen Lebensräume zu erhalten und unsere Korallenriffe konsequent zu schützen.
Das Gespräch führte Dirk Liesemer.
Zum Gesprächspartner
Der Meereswissenschaftler Claudio Richter ist Leiter der Sektion Bentho-Pelagische Prozesse am Alfred Wegener Institut in Bremerhaven und Professor für Ökologie mariner Tiere an der Universität Bremen. Er erforscht das “Darwin Paradoxon”; untersucht wird dabei, wie „Oasen des Lebens” – von antarktischen Schwammgemeinschaften bis zu tropischen Korallenriffen – in nährstoffarmen Meeren existieren können und wie sie auf natürliche und anthropogene Störungen reagieren.


natur: Herr Richter, die Erderwärmung verläuft zunehmend rasant. Die mittleren globalen Temperaturen liegen voraussichtlich schon in wenigen Jahrzehnten zwei Grad Celsius höher als vor der Industrialisierung. Korallen gelten als besonders temperaturempfindlich. Ist mit einem weltweiten Korallensterben zu rechnen?


