Wo sonst viele Menschen oder Fahrzeuge unterwegs sind, wurde es plötzlich gespenstisch still: Die von den Regierungen der Welt durchgesetzten Restriktionen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie im Jahr 2020 führten zu einem Effekt, der in der Wissenschat als „Anthropause“ bezeichnet wird. Es handelte sich dabei um eine Art unfreiwilliges Experiment: Weil der Mensch weniger in der Umwelt präsent war, ließ sein Einfluss auf die Natur nach. Dies ermöglichte verschiedene Rückschlüsse auf sonst schwer erkennbare Zusammenhänge.
Dem Effekt der Anthropause auf der Spur
Was die Auswirkungen der Ausnahme-Phase auf das Bewegungsverhalten von Wildtieren betrifft, gab es bisher jedoch nur anekdotische Hinweise. So wurden beispielsweise Schakale, Pumas oder Bären gesichtet, die sich während der Lockdown-Phasen angeblich ungewöhnlich tief in die normalerweise vom Menschen dominierten Bereiche vorwagten. „Uns hat interessiert: Gibt es für diese erstmal subjektive Wahrnehmung auch wissenschaftliche Belege? Oder waren die Menschen beispielsweise einfach nur aufmerksamer, als sie vermehrt zu Hause bleiben mussten?“, sagt Erst-Autorin Marlee Tucker von der niederländischen Radboud-Universität in Nijmegen.
Um diese Frage zu beantworten, analysierten Tucker und ihr internationales Team Datensätze aus der ganzen Welt. Es handelt sich um durch GPS-Geräte erfasste Bewegungsinformationen von mehr als 2300 Einzeltieren, die 43 Landsäugetierarten angehören: von Elefanten und Giraffen bis hin zu Bären und Hirschen. Die Wissenschaftler konnten dabei die Informationen während des Zeitraums des ersten Lockdowns – von Januar bis Mitte Mai 2020 – mit den Bewegungen in den gleichen Monaten des Vorjahres vergleichen. Wie sie berichten, waren die Effekte bei den einzelnen Arten und den unterschiedlichen Regionen zwar teils speziell, es zeichneten sich aber durchaus übergeordnete Trends ab.
Mehr Bewegungsfreiheit – mit Ausnahmen
„Wir konnten feststellen, dass sich die Wildtiere im Durchschnitt 36 Prozent näher an Straßen aufhielten als im Vorjahr. Das ist sicherlich damit zu erklären, dass es in diesem Zeitraum sehr viel weniger Straßenverkehr gab“, sagt Tucker. „Vor allem zeigen unsere Daten aber, dass die besenderten Tiere während der strengen Lockdowns in einem Zeitraum von zehn Tagen bis zu 73 Prozent längere Strecken zurücklegten als im Jahr zuvor, als es noch keine Beschränkungen gab“, sagt Trucker. Ihr Kollege Thomas Müller vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und der Goethe-Universität Frankfurt erklärt dazu: „Während der strengen Lockdowns hielten sich sehr viel weniger Menschen im Freien auf, was den Tieren die Möglichkeit gab, neue Gebiete zu erkunden“. Diese Ergebnisse passen dabei auch zu wissenschaftlichen Beobachtungsdaten mancher Einzelspezies, berichtet das Team.





