Auswilderung: Kommunikation ohne Worte - wissenschaft.de | natur
natur PlusErde & Umwelt
Auswilderung: Kommunikation ohne Worte
An diesem Morgen ist Julia Bohner angespannt: Würden die Tiere den Transporter verlassen und hinaus ins Freie der zentralkasachischen Steppe traben? Das kasachische Team im Wiederansiedlungszentrum für wilde Huftiere hat den Wildeseln eigens eine Rampe gebaut, damit sie ganz ohne menschliche Hilfe das nun offene Fahrzeug verlassen können. Julia Bohner, Tierärztin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, betreut die Tiere veterinärmedizinisch. Viele Menschen sind am Transport und der Wiederansiedlung in der Steppe beteiligt Wissenschaftler der kasachischen NGO ACBK, die Projektleitung der zoologischen Gesellschaft Frankfurt und natürlich Julia. Das Team hält den Atem an: Eine Zeit lang geschieht nichts. Dann streckt eine Stute langsam den Kopf aus dem Wagen. Sie schaut und schnuppert die Luft des Altyn-Dala-Reservats in Zentralkasachstan. Andere Tiere folgen ihrem Beispiel.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Text: Susanne Donner
An diesem Morgen ist Julia Bohner angespannt: Würden die Tiere den Transporter verlassen und hinaus ins Freie der zentralkasachischen Steppe traben? Das kasachische Team im Wiederansiedlungszentrum für wilde Huftiere hat den Wildeseln eigens eine Rampe gebaut, damit sie ganz ohne menschliche Hilfe das nun offene Fahrzeug verlassen können. Julia Bohner, Tierärztin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, betreut die Tiere veterinärmedizinisch. Viele Menschen sind am Transport und der Wiederansiedlung in der Steppe beteiligt Wissenschaftler der kasachischen NGO ACBK, die Projektleitung der zoologischen Gesellschaft Frankfurt und natürlich Julia. Das Team hält den Atem an: Eine Zeit lang geschieht nichts. Dann streckt eine Stute langsam den Kopf aus dem Wagen. Sie schaut und schnuppert die Luft des Altyn-Dala-Reservats in Zentralkasachstan. Andere Tiere folgen ihrem Beispiel.
Dann setzt sich ein Tier nach dem anderen in Bewegung und trabt aus dem Wagen ins Freie. Die Naturschützer jubeln. Vor den Kulanen dehnen sich 50 Hektar Grasland aus, ein Gelände so groß wie 71 Fußballfelder. Es ist ein Eingewöhnungsgehege, die letzte Etappe für die Wildesel auf dem Weg in die Freiheit.
Im Herbst 2025 hat das Team Kulane im Süden Kasachstans eingefangen. Dort leben noch rund 4.000verblieben Kulane, die einst überall in der ausgedehnten Steppe heimisch waren. Vor rund 100 Jahren verschwanden sie jedoch aus den zentralen Landesteilen, weil Menschen die Wildesel intensiv jagten.
Die kasachische Naturschutzinitiative Altyn Dala versucht nun Kulane wie auch das Przewalski-Pferd wieder in der zentralen Steppenlandschaft anzusiedeln. Die Tiere sind in diesem Lebensraum seit jeher die „Ingenieure des Bodens“. In den langen harten Wintern scharren sie mit den Hufen Löcher in den Schnee und legen verborgene Pflanzen frei. Auf diese Weise verschaffen sie kleineren Tieren Zugang zu Nahrung.
Die Przewalski-Pferde starben bereits vor 200 Jahren in ganz Kasachstan aus, eine Umsiedlung wie bei den Kulanen ist bei ihnen nicht mehr möglich. Neue Tiere kommen inzwischen mit dem Flugzeug aus verschiedenen europäischen Haltungen. Der Zoo Prag leitet ihr Europäisches Erhaltungszuchtprogramm und koordiniert die internationalen Transporte aus Zoos in das ursprüngliche Verbreitungsgebiet in Zentralasien.
Unterstützung schafft Nähe
„Die eigentliche Herausforderung ist“, sagt Bohner, „dass wir beide Tierarten von uns entwöhnen und ausreichend fit für die Freiheit machen müssen.“ In den Zoos, aber auch während der Umsiedlung der Kulane kommt es unvermeidbar zu Kontakt zum Menschen. Im Eingewöhnungsgehege erhalten die Kulane zudem Wasser und, sobald die Temperaturen in die Minusgrade fallen, auch Pellets und Heu – zusätzlich zu dem Futter, dass sie selbst finden.
Mehr aus Erde & Umwelt
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Erde & Umwelt.
Braunbären haben als echte Anpassungskünstler mehrere Eiszeiten überlebt. Eine 3D-Analyse zeigt nun den Grund dafür - er steckt im Unterkiefer.
Erde & Umwelt
Aus Alt mach Neu: Retrofitting macht Dieselbusse zu E-Bussen
8. Juli 2026
Die Verkehrswende ist eine Voraussetzung für die Klimaneutralität. Eine Studie zeigt, wie Dieselbusse klimafreundlich auf Elektroantrieb umgerüstet werden…
Besonders für die Jungtiere unter den Kulanen erleichtert diese Unterstützung die Eingewöhnung in die neue Heimat, betont Bohner. „Die Tiere müssten sonst Schnee essen und diesen im Maul schmelzen, um ausreichend Flüssigkeit zu bekommen. Das kostet sie viel Energie“. Zudem seien die Winter im Inneren Kasachstans mit bis zu minus 30 Grad Celsius und heftigen Schneestürmen viel härter als im Süden.
Die Kulane, obwohl sie nie in Gefangenschaft waren, nahmen das angebotene Futter sofort an, berichtet Bohner. Die Tiere seien hochintelligent. Auf der anderen Seite geben die im Zoo geborenen Przewalski-Pferde Anlass für Optimismus. Sobald der erste Schnell fällt, beginnen sie im ausgedehnten Eingewöhnungsgehege mit den Hufen nach Essbarem zu scharren. „Das haben sie im Zoo nie gemacht. Aber ihr Instinkt ist einfach stärker.“
Entfremdung notwendig
Die Auswilderung von Tieren, ob sie nun verletzt gefunden oder aus Naturschutzgründen in die Freiheit entlassen werden, ist ein schwieriges Unterfangen. Ganz entscheidend für den Erfolg ist, dass die Tiere auf ihr künftiges Leben in der Wildnis vorbereitet und dafür unbedingt vom Menschen entwöhnt werden.
„Sonst kehren sie später in die Nähe von menschlichen Siedlungen zurück – auf der Suche nach Futter. Es kommt dann unausweichlich zu Konflikten, wenn sie Vieh reißen oder Menschen die neu auftauchenden Tiere zu jagen beginnen.“ Die Probleme reichen so weit, dass nicht ausreichend entwöhnte Raubkatzen von wilden Artgenossen mitunter ausgegrenzt und getötet werden, weil ihr Verhalten abweicht.
Ein Trick, den die Pflegenden daher gerade bei Raubkatzen anwenden ist, dass sie ihr Gesicht hinter einer spiegelnden Maske verbergen. Die Tiere erblicken dann nur sich selbst, wenn sie ihrem Gegenüber ins Gesicht schauen. Im besten Fall begreifen sie erst gar nicht, dass sie sich in menschlicher Obhut befinden.
Für das spätere Leben in der Wildnis ist entscheidend, dass der Mensch die Tiere von sich entfremdet, noch während er ihr bedeutendster Helfershelfer ist. „Das ist auch emotional eine große Sache“, sagt Reid Wallis, die seit ihrer Jugend in der Wildtierauffangstation ARC in der kanadischen Provinz Victoria arbeitet und inzwischen eine erfahrene Rehabilitationsspezialistin ist. „Man gewinnt die Tiere lieb und muss sich doch so rar wie möglich machen. Das geht nur, wenn man sich immer wieder vor Augen hält, dass man für die Zukunft der Tiere kämpft.“
Jeden Tag bringen Bürger verletzte Tiere in das Zentrum: Jungotter, die nicht genug Nahrung gefunden haben, verwaiste Hirschkälbchen, verletzte Eichhörnchen und Waschbären und unzählige Sing- und Wasservögel, auf die sich Wallis spezialisiert hat. In Summe beherbergt das Zentrum bis zu 140 Tierarten. „Gerade ist es ruhiger“, erzählt Wallis. Mit ihr sind dort sieben Waschbären, ein Eichhörnchen, drei Möwen, eine Taube, eine Winterammer, ein Flussotter und eine Schneegans, die sie nun über den Winter aufpäppelt. Manche Tiere sind von einem Fahrzeug angefahren worden. „Oft“, sagt Wallis, „sind es aber frei herumziehende Hunde und Katzen, die Vögel fangen und verletzen.“ Sie ärgert sich darüber, weil sich solche Unfälle vermeiden ließen, wenn die Haustierbesitzer nur aufpassen würden.
Sobald die oft jungen oder verletzten Tiere fit genug sind, entlässt sie Wallis wieder ins Freie. Was einfach klingt, ist es nicht, vor allem weil sie, sobald sie Futter gibt, zur Ersatzmutter ihrer Pfleglinge wird. Besonders drastisch sei das bei Gänsen, die ihr sodann am liebsten auf Schritt und Tritt folgen, wie es Konrad Lorenz, der berühmte österreichische Verhaltensforscher, im vergangenen Jahrhundert an Graugänsen vorgemacht hat.
Weniger Mensch, mehr Natur
„Wenn wir Futter geben, sprechen wir nicht mit den Tieren, obwohl das unserem menschlichen Reflex entsprechen würde“, sagt Wallis. Den verschiedenen Vögeln spielt sie vielmehr über einen Lautsprecher die Originalvogelstimmen aus ihrem lokalen Herkunftsgebiet vor. „Sie sollen sich nicht an unsere Stimmen gewöhnen, sondern den ortsüblichen Gesang ihrer Artgenossen hören und weiter erlernen.“
Wenn die Tiere sich die Nahrung bereits selbst einverleiben können, wird diese lebend in das Gehege gegeben, etwa Würmer für Vögel oder Fische in das Becken der Otter, damit sie ihre Beute auch erlegen können. Mitunter verstecken die Pflegenden das Futter auch unter Dosen oder anderen Attrappen, um es ihren Schützlingen schwerer zu machen. Je näher die Entlassung rückt, desto größer sind auch die Gehege, sodass die Suche nach verstecktem Futter schwieriger wird und Flug- und Wegstrecken länger werden.
„Wir tragen auch kein Deo oder Parfum“, damit die Tiere uns nicht am Geruch erkennen und begrüßen. Die Entfremdung vom Menschen gelingt aber auch schlicht durch Ablenkung. Zur Beschäftigung legen die Pfleger dem Otter etwa verschiedene Steine unterschiedlicher Rauigkeit, Rinde und andere Fundstücke aus seiner natürlichen Umgebung in das Gehege.
Besonders schwierig sei die Pflege der Hirschkälber, berichtet Wallis. Sie binden sich ausgesprochen schnell an den Menschen und können dann in der Wildnis von Artgenossen verstoßen werden. Das Risiko, dass sie deshalb nicht durchkommen, wenn sie im Frühjahr entlassen werden, sei groß. Die Rehabilitationsexpertin versteckt sich deshalb immer hinter einer Wand, wenn sie Futter über eine Klappe in einen Trog legt.
Im Allgemeinen bleiben die Tiere nur so lange im Zentrum, bis sie sich erholt haben oder kräftig genug für ein Leben in der Natur sind. Und die meisten stürmen oder flattern aufgeregt aus dem Transportkäfig, wenn sich in ihrer ursprünglichen Umgebung die Türe öffnet. Zu gerne würde Wallis wissen, wie ihr Leben weiter verläuft. Haben sie es geschafft? Können sie Nachwuchs bekommen? Doch die Stationen für hilfsbedürftige Wildtiere finanzieren sich ausschließlich über Spenden. „Das Nachverfolgen ist ausgesprochen aufwendig und kostspielig. Das können wir uns nicht leisten.“ Besonders bei aufgezogenen Jungtieren wäre es aber wichtig, zu wissen, wie gut sie sich später in der Natur zurechtfinden. Ob sie fähig sind, erfolgreich mit Artgenossen zu kommunizieren und ihren Platz in der Gemeinschaft der Tiere zu finden.
Erfolgskontrolle in Kasachstan
Beim Vorzeigeprojekt in Kasachstan ist die Erfolgskontrolle dagegen mit eingeplant. Sie ist für die Forschenden entscheidend, um zu erfahren, ob die Wiederansiedlung der Wildpferde gelungen ist. „Wir besendern einen Teil der Tiere mit einem GPS-Halsband und mit einer solarbetriebenen Ohrmarke.“ Diese sind so konzipiert, dass sie die Tiere möglichst wenig stören. Sie werden mit Solarbatterien betrieben, die eine Lebensdauer von bis zu fünf Jahren haben sollen. Batteriebetriebene Geräte stellen oft schon nach rund zwei Jahren den Dienst ein, erklärt Bohner.
Über die Peilsender können die Wissenschaftler wie auch die Ranger die Tiere orten und ihre Wanderrouten verfolgen. Sie sehen, wie die Tiere die Landschaft nutzen und, noch wichtiger, ob sie in die Nähe von Dörfern und Städten gelangen. In dem Fall kann das Umweltbildungsteam von ACBK dann gezielt Aufklärungsarbeit zur Koexistenz mit den Wildtieren leisten damit die Bevölkerung versteht warum Kulane und Przewalski-Pferde sehr wichtig für das Ökosystem der Steppe sind.“
Die Daten zeigen außerdem einen großen Unterschied zwischen den beiden Pferdeartigen: „Nach dem Öffnen der Gatter sind die Kulane sofort ins Freie gestürmt“, berichtet Julia Bohner. „Sie hatten einen solchen Drang, fortzukommen, und haben sich noch am ersten Tag 20 Kilometer entfernt.“ In ihrem Blut liegt die Freiheit, so hat es den Anschein.
Die Przewalski-Pferde aus den Zoos Prag und Berlin hatten es indes nicht eilig. Sie blieben in der Nähe des Geheges. Schließlich machten sie sich sogar daran, Futter aus dem Vorratslager zu stibitzen. Das Team musste das Gebäude verbarrikadieren. Erst von da an suchten die Tiere das Weite. „Wenn sie keinen Zugang zu Wasser und Futter haben, verwildern sie dann doch recht schnell“, sagt Bohner.
Mithilfe der über die GPS-Halsbänder und Ohrmarken übermittelten Daten sehen die Forschenden, wie sich die ausgewilderten Kulane in Gruppen neue Wanderrouten erschließen. Sie sind die Pioniere einer neuen Heimat und bahnen nachfolgenden Artgenossen den Weg. „Wir hatten auch Angst, dass sich die Tiere in dieser ausgedehnten riesigen Steppenlandschaft gegenseitig nicht finden.“ Aber seit 2017 ausgewilderte Kulane treffen sehr wohl auf die 2025 freigelassenen Artgenossen. Die ersten Tiere haben auch schon Nachwuchs bekommen. Bohner freut sich: „Wir sind zuversichtlich, dass wir wieder eine stabile Population aufbauen können.“
Zu viel Mensch macht Auswilderung unmöglich
Ist es einfacher, Wildtiere umzusiedeln als Zootiere auszuwildern, weil Letztere doch von Geburt an an den Menschen gewöhnt sind? „Das kann man so nicht sagen. Die Tiere aus den Erhaltungsprogrammen der Zoos werden nach sehr strengen Kriterien ausgewählt und sind deshalb ausgesprochen fit und genetisch divers“, antwortet Bohner. Tiere die in Zoos für eine spätere Wiederauswilderung ausgewählt werden, werden schrittweise vom Menschen entwöhnt. So erfolgt die Fütterung zum Beispiel ohne Sichtkontakt und die Tiere werden überwiegend per Kamera beobachtet – möglichst ohne direkten Menschenkontakt. Auf diese Weise können sie sorgfältig auf ein Leben in freier Wildbahn vorbereitet werden.
Ob Umsiedlung oder Auswilderung – der Auswand ist in jedem Fall groß. Das Programm zur Wiederansiedlung der Kulane wird im Rahmen der Altyn Dala Conservation Initiative umgesetzt – einer Partnerschaft zwischen dem Forestry and Wildlife Committee des Ministry of Ecology, Geology and Natural Resources der Republik Kasachstan, der Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan (ACBK), der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) und Fauna & Flora. Praktische Unterstützung für die Kulanwiederansiedlung liefern der Tiergarten Nürnberg und die südafrikanischen Wildtiertransport-Spezialisten Conservation Solutions.
Partner für die Rückkehr der Wildpferde nach Kasachstan sind der Zoo Prag, der Tierpark Berlin, der Tiergarten Nürnberg und der Hortobagy Nationalpark.
Für beide Spezies – Kulane und Przewalski-Pferde – hat das Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung die veterinärmedizinische Leitung und leistet die wissenschaftliche Betreuung. //
Erde & Umwelt
Ozeanerwärmung lässt Meerestiere schrumpfen
6. Juli 2026
Meerestiere werden in Reaktion auf Umweltkrisen kleiner, besonders bei einer Erwärmung der Ozeane. Dadurch könnte der aktuelle Klimawandel den marinen…
natur PlusErde & Umwelt
Schutz der Halligen
6. Juli 2026
Auf der Hallig Nordstrandischmoor wird erprobt, wie Halligen durch vermehrte Einschwemmung von Sediment den Klimawandelfolgen besser trotzen können.