Wenn der Klimawandel Arten mit steigenden Temperaturen in die Enge treibt, haben diese im Prinzip nur drei Möglichkeiten: sich anpassen, abwandern oder aussterben. So wurde bisher vielfach dokumentiert, dass einige Tierarten auf der Suche nach kühleren Gebieten in Richtung Norden umgezogen sind oder höhergelegene Regionen besiedelt haben. Doch wie sich natürliche Barrieren, etwa in Form von Meeren oder Gebirgen, auf diese Wanderbewegungen auswirken, ist bisher noch weitestgehend unbekannt.
Viele europäische Vögel sind „Klimaflüchtlinge“
In einer groß angelegten Langzeitstudie haben Forschende um Emma-Liina Marjakangas von der Universität Helsinki nun das Wanderverhalten von Vogelarten in ganz Europa untersucht. Die umfangreichen Datensätze der Europäischen Brutvogelatlanten erlaubten es dem Team, die Wanderbewegungen von fast allen europäischen Vogelarten nachzuvollziehen. Die frühesten Daten stammen aus der Zeit zwischen 1981 und 1989, die neuesten sind zwischen 2013 und 2017 hinzugekommen. Dadurch konnten Marjakangas und ihre Kollegen insgesamt über drei Jahrzehnte der Lebensraumverschiebung nachzeichnen. Sie untersuchten dabei auch die Einflüsse von natürlichen Hindernissen wie Gebirgen und Küstenlinien.
Das Ergebnis: Zwei Drittel aller europäischen Vogelarten sind zwischen 1981 und 2017 in kühlere Gebiete gezogen und leben heute durchschnittlich 100 Kilometer weiter nördlich oder östlich als noch vor ein paar Jahrzehnten, wie die Forschenden berichten. Doch in einigen Fällen wurde die zurückgelegte Distanz offenbar stark von natürlichen Barrieren begrenzt. „Wir wussten bereits, dass manche Vögel ihren Lebensraum nicht schnell genug verlegen, um sich weiter in den für sie geeigneten Klimabedingungen aufhalten zu können. Jetzt haben wir einen Teil der Erklärung für dieses Phänomen“, erklärt Marjakangas’ Kollegin Laura Bosco, ebenfalls von der Universität Helsinki.
Natürliche Barrieren befeuern Aussterben
Besonders hinderlich bei der „Flucht“ in kühlere Gebiete sind demnach Küstenlinien. Das zeigte sich in den ausgewerteten Daten daran, dass sich das Verbreitungsgebiet der küstennah lebenden Vögel während des Beobachtungszeitraums um deutlich weniger Kilometer verlagerthatte als bei Vögeln fernab der Küste. Und das, obwohl der Klimawandel beide Lebensräume in ähnlichem Maße kontinuierlich aufheizt. Langfristig hat das zur Folge, dass die Vögel der Küste nur schwer den für sie ungünstigen klimatischen Bedingungen entkommen können und einige von ihnen womöglich sogar aussterben. Das wäre ein besonders herber Verlust: „Die Vogelwelt in Küstengebieten besteht oft aus seltenen Arten“, wie Bosco erklärt.
Ähnlich könnte es auch hochspezialisierten Arten in alpinen Lebensräumen ergehen, wie dem Schneesperling, dem Alpenschneehuhn oder dem Bergpieper. Sie können die Gebirge aufgrund ihrer Anpassungen an das Leben in der Höhe nur schwer verlassen und daher womöglich ebenfalls dem Klimawandel zum Opfer fallen. Ein Blick auf die Daten bestätigt diese Befürchtung: „Die Vogelgemeinschaften bewegten sich größtenteils entlang der Richtungen mit den geringsten Höhenveränderungen im Vergleich zu ihrem ursprünglichen Standort“, berichtet das Forschungsteam. Vögel, die an ein Leben im Gebirge angepasst sind, verlagerten ihren Lebensraum also trotz ungünstiger klimatischer Veränderungen nur minimal, wenn überhaupt.





