Auch wenn uns keine Klimakatastrophe droht, sind wir bestens beraten, unsere Zukunft umweltverträglicher zu gestalten. Gefragt ist Innovation statt Irritation. Frank Böttcher ist Leiter des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation GmbH in Hamburg, www.wetterspiegel.de. Der Wettermoderator, 44, organisiert seit 2006 den ExtremWetterKongress, der in diesen Tagen zum siebten Mal stattfindet.
In unregelmässigen Abständen stellt ein Wissenschaftler-Gremium, berufen vom US-Magazin „Bulletin of the Atomic Scientists”, die imaginäre „Doomsday Clock” – die Weltuntergangsuhr – vor oder zurück. Da für das Jahr 2012 mal wieder ein Weltuntergang prophezeit wird, ist es nicht weiter verwunderlich, dass auf dem Cover der Januar-Ausgabe die Weltuntergangsuhr nach zwei Jahren Pause um eine Minute vorgestellt wurde: auf fünf vor zwölf.
Ursprünglich sollte die Uhr anzeigen, wie dicht die Welt vor dem Untergang durch einen Atomkrieg steht. Doch dieses Risiko scheint den Wissenschaftlern, darunter 18 Nobelpreisträger, nicht mehr groß genug zu sein, und so wurde die „Klimakatastrophe” als Weltuntergangsfaktor mit einbezogen. Dass es nun beim Thema Klima fünf vor zwölf ist, hat aber tatsächlich auch sein Gutes. Wäre es zehn vor zwölf, könnte man das Gefühl haben, das Problem sei noch nicht dringend. Wäre es fünf nach zwölf, hieße das, dass wir ohnehin nichts mehr tun können. Der Mensch handelt dann, wenn die Gefahr für ihn ernst genug ist und er gleichzeitig noch eine realistische Chance sieht, sie abzuwenden. Wird eine Gefahr übermächtig, verändern wir unser Verhalten von Verteidigung zu Flucht. Beim Klimawandel ist ein solcher Kipp-Punkt erreicht.
Doch drehen wir die Zeit zunächst einmal zurück ins Jahr 1987, in das Geburtsjahr der „Klimakatastrophe”. Das Wort wurde Ausgangspunkt der deutschen Klimadebatte. Damals befürchtete die Deutsche Physikalische Gesellschaft in einer Erklärung, die „ drohende vollständige Unbewohnbarkeit der Erde”, was nichts anderes wäre als die Katastrophe schlechthin. Empfohlen wurde eine sofortige weltweite Reduzierung der CO2-Emissionen und der schnelle Ausbau der Kernkraft.
Eine mögliche Katastrophe ruft in den Köpfen von Journalisten emotionsgeladene Themen, Schlagzeilen und Bilder hervor – die beste Voraussetzung für Artikel und Sendungen, die viele Leser und Zuschauer finden. Zwar schwächte die Deutsche Meteorologische Gesellschaft noch 1987 die Katastrophenwarnung ab. Doch den Geist, den die Physiker beschworen hatten, wurde Deutschland nicht mehr los. Die Forderung eines „Klimaschutzes” etablierte sich in den Jahren darauf immer massiver als politisches Handlungsfeld. Sicher, es gab auch vorher schon Kongresse und internationale Konferenzen, doch erst mit dem Schlagwort Katastrophe zündete die mediale Aufmerksamkeit. In den Jahren darauf schaukelten sich die Berichte in Fachpublikationen, populären Medien und im politischen Diskurs gegenseitig auf. Der Klimawandel selbst vollzog sich tatsächlich langsamer als die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema. Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre waren die Rollen klar verteilt. Die Wissenschaft genoss höchste Anerkennung und Glaubwürdigkeit. Ihre Unabhängigkeit stand außer Frage. Und die Medien konnten sich bei den Wissenschaftlern bedienen und sich der öffentlichen Aufmerksamkeit bei Themen zum Klimawandel sicher sein. Als Folge der Mahnungen aus der Wissenschaft und der medialen Präsenz kam das Thema zunehmend auf die politische Agenda. Die Prozesse der Gestaltung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen kamen in Gang.
In der Klimaforschung wurden mit höchstem Engagement immer neue Aspekte untersucht und neue Ergebnisse zutage gefördert. So entstanden neben immer voluminöseren Klimakonferenzen auch Hunderte von Ideen, wie man die bevorstehende Klimakatastrophe abwenden könnte. Im Wettbewerb um Forschungsgelder in den 1990er-Jahren war vielen Wissenschaftlern klar, dass sie für ein Forschungsprojekt vor allem dann Fördermittel bekamen, wenn der Satz „in Folge des Klimawandels” hervorgehoben wurde. Die Fördermittel dafür sprudelten geradezu, was „Die Zeit” bereits 1997 zur Aussage brachte: „Die deutlichste Treibhausfolge ist ein warmer Regen: Geld ergießt sich über wissenschaftliche Eliteeinheiten in Deutschland, Großbritannien und den USA.” Abschlussarbeiten im Bereich Klimaforschung sicherten Aufmerksamkeit und den beruflichen Werdegang. Durch die mediale Präsenz wuchs der Druck auf die wissenschaftlichen Autoren. Ergebnis war eine zunehmende Dramatisierung des Themas, der sich auch die Wissenschaft oft nicht entzog.
Doch dieser Sog entwickelte sich für die Wissenschaft bald zum Problem. Die überspitzten und oft auch widersprüchlichen Argumentationen der Wissenschaftler und in deren Folge die mediale Dramatisierung nagte an ihrer Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig wuchs in der Öffentlichkeit der Eindruck, der Konflikt um den weltweiten CO2-Ausstoß sei unlösbar.
Und so kippten irgendwann Glaubwürdigkeit und die Motivation, zu handeln. Denn wenn politische Maßnahmen die Freiheit der Menschen immer weiter einschränken, sinkt deren Motivation, eine Entwicklung – hier den Klimaschutz – gut zu heißen. Dieses Argument zieht vor allem in Staaten, die sich in erster Linie über die Freiheit des Einzelnen definieren – USA, Kanada, Australien. Doch auch bei uns in Deutschland gibt es immer mehr Gegner eines massiven administrativen Klimaschutzes: Wenn man kein Gartenlicht mehr einschalten, kein Rindersteak mehr essen, kein Auto mehr fahren kann, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, steigt die Bereitschaft, den Argumenten von Zweiflern Gehör zu schenken und die eigene Betroffenheit zu überdenken. Genau solche Veränderungen nehmen Medien mit ihrem eintrainierten Entscheidungsraster für „interessante” Geschichten rasch und gerne auf und entwickeln daraus neue Themen, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zweifler am Klimawandel stoßen deshalb neuerdings bei Medien auf gesteigertes Interesse.
„Gegenstand und Auslöser der [Klima]-Skepsis sind nicht zuletzt die Korrekturen und Relativierungen der wissenschaftlichen Klimaszenarien durch die etablierte Klimaforschung selbst. Was in der Wissenschaft ein normaler Vorgang ist, wird in den Medien zum Anlass von Misstrauen”, schreiben die Soziologen Peter Weingart, Anita Engels und Petra Pansegrau in ihrem Buch „Von der Hypothese zur Katastrophe. Der anthropogene Klimawandel im Diskurs zwischen Wissenschaft, Politik und Massenmedien”.
Medial betrachtet ist es beim Klimawandel seit Jahrzehnten fünf vor zwölf. Ein permanenter Alarmzustand führt indes zu Abstumpfung und irgendwann auch zu Ignoranz. Ein Konvolut aus der Vermutung, vor einem unlösbaren Problem zu stehen, der Angst vor Einschränkung und sozialem Abstieg sowie der Erkenntnis, dass einen die Klimakatastrophe bisher nicht persönlich getroffen hat, führt zu der viel zitierten Einstellung „Ja, man müsste etwas tun – aber nicht ich, nicht jetzt und nicht hier.”
Auf die Frage: „Nimmt die Klimadebatte allmählich hysterische Züge an?”, antwortete der Klimaforscher Hans von Storch 2007: „In der Tat. Die Angst vor der Klimakatastrophe ist uralt – ähnlich wie die Angst vor Fremden. Schon in früheren Zeiten glaubten die Menschen, dass sich das Klima fast immer nur zum Schlechteren verändere, aber nur ganz selten zum Besseren.” Im selben Jahr, 2007, wurde „Klimakatastrophe” das Wort des Jahres.
Wir müssen es also anders versuchen als mit Vorwürfen und weiterer Demotivation. Wir sollten Autos bauen, die wir guten Gewissens fahren können und dabei nicht stets an die damit verbundene CO2-Emission denken müssen. Wir brauchen Verpackungen, die CO2-frei entsorgt werden können – ja den Garten umso stärker erblühen lassen, je mehr von ihnen man darin kompostiert. Wir brauchen generell mehr Produkte, die nach der Nutzung ohne Umweltbelastung als Rohstoff wiederverwendet werden können. Das geht nicht, werden jetzt viele argumentieren. Harald Zindler, dem Mitbegründer von Greenpeace Deutschland, ist eine solche keinen Widerspruch duldende Aussage fremd: „Nichts spornt mich mehr an als die drei Worte: Das geht nicht! Wenn ich das höre, tue ich alles, um das Unmögliche möglich zu machen.” In diesem Sinne müssen wir jetzt handeln. Durch dieses Zupacken schonen wir auch Ressourcen. ■





