Die in Deutschland verbreitete Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii) erinnert mit ihren großen Ohren, den schwarzen Knopfaugen und ihrem graubraunen Fell ein wenig an einen niedlichen Waldgeist. Normalerweise erreicht die nachtaktive Jägerin eine Flügelspannweite von 25 bis 30 Zentimetern und ein Gewicht zwischen sieben und zwölf Gramm. Doch es wird immer wieder beobachtet, dass ihre Jungtiere sich in warmen Sommern zu deutlich größeren Erwachsenen entwickeln.
Fledermaus-Höhle mit Heizung
Bisher war allerdings unklar, ob für diesen Wachstumsschub die wärmeren Temperaturen an sich verantwortlich sind, oder ob in warmen Sommern lediglich mehr Nahrung in Form von Insekten verfügbar ist, die die Fledermausjungen wortwörtlich „groß und stark“ macht. Um dieses Rätsel aufzuklären, haben Forschende um Carolin Mundinger von der Universität Greifswald über vier Jahre hinweg für unterschiedliche Temperaturbedingungen in den Quartieren von freilebenden Bechsteinfledermäusen gesorgt und beobachtet, wie diese sich auf die Größe der Jungtiere auswirken.
„Für das Experiment entwickelten wir mobile Heizgeräte, mit denen wir die Temperatur der Fledermauskästen über die ersten acht Wochen nach Geburt der Jungtiere konstant bei etwa 30 bis 35 Grad Celsius halten konnten“, erklärt Mundinger. Bei diesen Temperaturen mussten die Jungtiere anders als sonst kaum Energie investieren, um die eigene Körpertemperatur konstant zu halten, wodurch sie in der Theorie kontinuierlich wachsen konnten.
Große Fledermäuse leben kürzer
Und tatsächlich: In den Höhlen mit Heizstrahlern entwickelten sich im Schnitt größere Fledermäuse als in den unbeheizten Quartieren, wie die Forschenden berichten. „Weibliche Fledermäuse dieser Art sind in der Regel etwa fünf Prozent größer als die Männchen, aber in unserem Experiment erreichten die beheizten Männchen eine Körpergröße ähnlich der unbeheizter Weibchen“, erklärt Mundingers Kollege Gerald Kerth, ebenfalls von der Universität Greifswald. Die Forschenden gehen daher davon aus, dass es die wärmeren Temperaturen sind, die den Wachstumsschub bewirken, und nicht das reichhaltigere Nahrungsangebot überdurchschnittlich warmer Sommer.
Obwohl die Größe der Fledermäuse auf den ersten Blick irrelevant für ihr weiteres Leben erscheint, beeinflusst sie dieses tatsächlich recht stark. So pflanzen sich größere Weibchen zum Beispiel früher fort als kleinere, was zu einem Anstieg des jährlichen Fledermaus-Nachwuchses führt, wie die Forschenden berichten. Doch vor dem Hintergrund des globalen Insektensterbens gibt es dadurch wahrscheinlich nicht immer genug Nahrung für alle. Vor allem dann, wenn die Nachkommen weiterhin so groß werden und somit mehr Insekten brauchen als kleinere Tiere. Diese Umstände könnten in Zukunft dafür sorgen, dass die größeren Bechsteinfledermäuse verfrüht sterben. Und nicht nur sie: Mundinger und ihre Kollegen gehen davon aus, dass der Klimawandel und seine wärmeren Sommer die gesamten Fledermaus-Bestände langfristig dezimieren werden.





