Eine neue Heizung, ein anderes Auto oder höhere Energiepreise: Der Klimaschutz betrifft viele Menschen ganz unmittelbar im Alltag und oft auch den eigenen Geldbeutel. Umgekehrt bekommen wir die Folgen des Klimawandels inzwischen immer deutlicher zu spüren: Waldbrände, Hitzewellen und Dürrephasen häufen sich, Bauern müssen in diesem Sommer bereits mit Missernten rechnen. In den Flüssen Mitteleuropas sind die Pegelstände teilweise auf Rekordtiefstände gesunken.
Mehrheit unterstützt Klimaschutz - noch
Wie die Menschen in Deutschland aktuell über Klimaschutz denken, hat ein Forschungsteam um Benita Ebersbach von der Bertelsmann Stiftung und dem Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am Helmholtz-Zentrum Potsdam untersucht. Dafür werteten sie die Resultate des Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers aus. In dieser jährlichen Panelstudie werden wiederholt dieselben Personen zu ihren Einstellungen, Sorgen und Erwartungen rund um den nachhaltigen Wandel befragt. Für 2026 befragte das Meinungsforschungsinstitut forsa zwischen 23. März und 13. April 2026 insgesamt 6.566 deutschsprachige Menschen ab 18 Jahren. Durch den Vergleich der jährlichen Resultate können die Forschenden Veränderungen über mehrere Jahre verfolgen.
Die Ergebnisse zeigen: Eine Mehrheit in Deutschland unterstützt weiterhin konsequenten Klimaschutz. Demnach machen sich 80 Prozent der Befragten Sorgen wegen des Klimawandels. 54 Prozent fordern mehr staatliche Investitionen in den Klimaschutz, rund 56 Prozent wünschen sich weitere Maßnahmen in der Energie-, Verkehrs- und Wärmewende. Gleichzeitig ist der Rückhalt in einigen Bereichen jedoch geringer als noch vor wenigen Jahren. Besonders deutlich zeigt sich der Rückgang bei der Energiewende: Vor fünf Jahren unterstützten sie noch 69 Prozent der Befragten, vor drei Jahren waren es 65 Prozent, heute sind es 60 Prozent.

Klimapolitische Präferenzen von Menschen in Deutschland — © Soziales Nachhaltigkeitsbarometer der Transformation (2026)
Finanzielle Sorgen schwächen die Zustimmung
Ein wichtiger Grund für den schwindenden Rückhalt könnte nach Einschätzung von Ebersbach und ihrem Team die wirtschaftliche Situation sein: 53 Prozent der in diesem Jahr Befragten sorgen sich um persönliche finanzielle Auswirkungen der Klimapolitik in den kommenden fünf Jahren. 39 Prozent fürchten gesamtwirtschaftliche Wohlstandsverluste. 79 Prozent halten zudem den Umstieg privater Haushalte auf klimafreundliche Technologien ohne staatliche Unterstützung für kaum machbar. Unter denjenigen, für die ein klimaneutrales Heizsystem wie eine Wärmepumpe nicht infrage kommt, nennen 41 Prozent finanzielle Gründe als Hindernis. Bei einer energetischen Gebäudesanierung sind es 52 Prozent. Weitere 26 Prozent sehen für sich keine Möglichkeit, sich künftig umweltfreundlicher fortzubewegen.
„Die durchaus berechtigten Sorgen vor wirtschaftlichen Nachteilen und persönlicher Belastung sind ein Einfallstor für politische Erzählungen, die ambitionierten Klimaschutz ausbremsen wollen. Wer die Transformation jedoch als Sündenbock für wirtschaftliche Sorgen erscheinen lässt, vergibt nicht nur eine Chance – er verstärkt Zweifel an einem Wandel, der auf Zukunftsfähigkeit abzielt“, sagt Co-Autor Jean-Henri Huttarsch vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit.
Trotzdem sind Klimaschutz und wirtschaftlicher Erfolg für die Mehrheit der Menschen in Deutschland offenbar keine Gegensätze. 52 Prozent betrachten Wirtschaftswachstum und Klimaschutz als etwa gleichrangige Ziele. 44 Prozent sehen Investitionen in den Klimaschutz bereits heute als Chance für die Wirtschaft. Nur 23 Prozent teilen diese Einschätzung nicht. „Die Akzeptanz für Klimaschutzmaßnahmen hängt auch davon ab, dass die Menschen sie als praktisch umsetzbar, wirtschaftlich sinnvoll und gerecht wahrnehmen. Daher brauchen wir eine Klimapolitik, die bezahlbare Alternativen, verlässliche Infrastruktur und Versorgungssicherheit bietet, gezielt fördert sowie die Lasten fair verteilt“, sagt Co-Autorin Anne Meisiek von der Bertelsmann Stiftung.
Wenig Vertrauen in die Klimapolitik
Neben finanziellen Belastungen spielt jedoch auch das Vertrauen in die politische Umsetzung eine Rolle. 56 Prozent der Befragten empfinden die Politik zur Energiewende als tendenziell unverständlich, 63 Prozent als bürgerfern. 55 Prozent fehlt das Vertrauen darin, dass die Bundesregierung den nachhaltigen Wandel im Interesse der Allgemeinheit gestaltet. „Die Zustimmung zu den Klimaschutzzielen ist eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für den Erfolg der Transformation. Dauerhaft tragfähiger Klimaschutz gelingt nur, wenn politische Entscheidungen wissenschaftlich fundiert und Menschen glaubwürdig einbezogen werden. Andernfalls gerät selbst ein bestehendes gesellschaftliches Mandat für den Klimaschutz ins Wanken“, sagt Benita Ebersbach.
Das zeigt sich auch beim Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität. Rund 85 Prozent der Befragten fühlen sich darüber schlecht informiert. Menschen, die sich nicht ausreichend informiert fühlen oder der Bundesregierung wenig vertrauen, bewerten auch die politischen Ziele des Sondervermögens kritischer. „Gerade bei komplexen Vorhaben wie der Investition der Mittel aus dem Sondervermögen kommt es nicht nur darauf an, Ziele und Maßnahmen nachvollziehbar zu vermitteln. Entscheidend ist vielmehr das Vertrauen darin, dass die bereitgestellten Mittel transparent, zweckgerecht und wirksam eingesetzt werden. Verlässlichkeit und Nachvollziehbarkeit bilden hierfür die entscheidende Grundlage“, sagt Co-Autorin Luisa Schulze Marquarding von der Bertelsmann Stiftung.
Keine grundsätzliche Abkehr vom Klimaschutz
Trotz der rückläufigen Zustimmung sehen die Forschenden aber keine fundamentale Ablehnung des Klimaschutzes oder der Energiewende. So unterstützen 78 Prozent der Befragten einen höheren Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung. Auch der Ausbau von Windenergie vor Ort findet mehrheitlich Zustimmung. Rund ein Drittel der Menschen, die Windräder ablehnen, können sich zudem durch eine finanzielle Beteiligung an den Erträgen des Windstroms umstimmen lassen. Außerdem sagen rund 59 Prozent, dass jetzt in den Klimaschutz investiert werden muss, um langfristig Kosten zu senken.
Quelle: Bertelsmannstiftung. Bericht: Soziales Nachhaltigkeitsbarometer der Transformation: Jahresbericht 2026.





