Für einen Käfer reiste Biologe Aristide Takoukam Kamla aus Kamerun um die halbe Welt. Nicht, um ein großes Tier zu sehen, nicht wegen einer spektakulären Art – sondern wegen eines etwa zwei Millimeter kleinen Insekts, das auf der Wasseroberfläche über das Schicksal eines Sees mitentscheiden sollte.
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Text: Roman Goergen
Für einen Käfer reiste Biologe Aristide Takoukam Kamla aus Kamerun um die halbe Welt. Nicht, um ein großes Tier zu sehen, nicht wegen einer spektakulären Art – sondern wegen eines etwa zwei Millimeter kleinen Insekts, das auf der Wasseroberfläche über das Schicksal eines Sees mitentscheiden sollte.
In seinem Heimatland erforscht Kamla Afrikanische Manatis (Trichechus senegalensis), die auch als Rundschwanzseekühe bekannt sind – jene drolligen Meeressäuger, welche an eine Mischung aus Walross und winzigem Elefanten erinnern und in manchen westafrikanischen Erzählungen mit Wassergeistern oder Meerjungfrauen in Verbindung gebracht werden.
In seiner Mission zum Schutz der Manatis hatte es Kamla schließlich in den Süden der USA verschlagen, an die Louisiana State University in Baton Rouge. Dort arbeitet der Insektenforscher Rodrigo Diaz an der biologischen Kontrolle invasiver Wasserpflanzen. Denn genau solch ein Gewächs machte auch den Ossa-See in Kamerun, einen der wichtigsten afrikanischen Lebensräume der Manatis, für die Tiere nur noch bedingt bewohnbar.
Ein Insekt als Lösung?
Der Wasserfarn Salvinia molesta verdrängte dort zum einen die bevorzugten Nahrungsquellen der vorwiegenden Pflanzenfresser. 2021 hatte das Gewächs außerdem bereits 60 Prozent der Wasseroberfläche bedeckt. „Eine dicke Pflanzenschicht über dem Kopf zu haben, die das Atmen verhindert, führte dazu, dass viele Manatis den See verließen“, benennt Kamla ein weiteres Problem.
Entomologe Diaz hatte glücklicherweise eine mögliche Lösung parat: Den Salvinia-Rüsselkäfer. Denn Cyrtobagous salviniae frisst, wie der Name bereits vermuten lässt, ausschließlich Salvinia molesta. Er schwächt die Pflanze, indem er ihre Blätter und Knospen zerstört.
Diaz‘ Plan war es also, das invasive Kraut in Westafrika mithilfe der spezialisierten Käfer einzudämmen. „Die Freisetzung eines solchen Organismus ist aber erst der Beginn eines kompletten Programms“, erläutert der amerikanische Insektenkundler das Vorgehen. Eine biologische Kontrolle sei ein lebendes Werkzeug, das nur dann wirke, wenn es kontinuierlich begleitet und an die Bedingungen vor Ort angepasst werde. Mit Kamla diskutierte er, wie dies in Kamerun funktionieren könnte.
2023 beschrieb Diaz mit Kollegen in einer Studie am Beispiel von Puerto Rico, welche Folgen eine Salvinia-Invasion für ein tropisches Gewässer hat: Die Wasserpflanze bilde „dichte, mehrschichtige Matten“, die „den Austausch von Licht und Sauerstoff zwischen Atmosphäre und Wasserkörper nahezu vollständig unterbinden.“ Im Karibikstaat konnte der Rüsselkäfer bereits erfolgreich im Kampf dagegen eingesetzt werden. Erkenntnisse wie diese lieferten Kamla somit die wissenschaftliche Begründung für die weite Reise nach Baton Rouge – und machten ihm Hoffnung, auch den Ossa-See zumindest teilweise wieder vom pflanzlichen Eindringling befreien zu können. Mit rund 2.000 Salvinia-Rüsselkäfern kehrte der Kameruner aus den USA nach Kamerun zurück. 2021 begann er, sie im Ossa-See auszusetzen.
Geheimnisvolle Seekühe
Afrikanische Manatis gehören zu den am wenigsten erforschten großen Säugetieren des Kontinents. Verlässliche Populationszahlen existieren nicht, doch die Weltnaturschutzunion IUCN führt die Art als gefährdet (Vulnerable), der Trend gilt als weiter abnehmend. Die letzte globale Bewertung stammt aus dem Jahr 2015 und wurde von Manati-Forscherin Lucy Keith-Diagne verfasst – eine der wichtigsten wissenschaftlichen Stimmen der Art. Die Expertin verweist auf eklatante Wissenslücken in ihrer Erforschung – trotz der außergewöhnlichen Ausdehnung des Verbreitungsgebiets auf 21 afrikanische Länder, eine größere Fläche als die der USA.
Die anpassungsfähigen Tiere leben dabei in einer außergewöhnlichen Bandbreite von Lebensräumen: von küstennahen Meeresgebieten über Mangrovenkanäle bis hin zu Flüssen und Seen im Binnenland, sogar am Rand der Sahara. Schwer zu beobachten sind sie dennoch. „Ich nenne sie scherzhaft Unterwasser-Schneeleoparden, weil sie so unglaublich schwer zu sehen sind“, sagt die Biologin Keith-Diagne in Anspielung auf die seltene und scheue Raubkatze.
In den meisten Ländern werden Afrikanische Manatis wegen ihres Fleischs gejagt oder von Fischern bekämpft, deren Netze von den Seekühen in Mitleidenschaft gezogen werden, berichtet Keith-Diagne. Deshalb hätten sie gelernt, Menschen zu meiden. Nur wenige Regionen, etwa bestimmte Abschnitte von Senegal- und Niger-Fluss, bilden Ausnahmen, in denen Manatis sogar kulturell respektiert und nicht verfolgt werden. Auch ökologisch spielen die Tiere eine zentrale Rolle. In vielen Flusssystemen Westafrikas gelten sie als indirekte Förderer der Fischbestände. Keith-Diagne hat eine Erklärung: „Manatis scheiden große Mengen pflanzlichen Materials aus, und das zieht Fische an. Manati-Kot ernährt Jungfische, die später zu großen Fischen heranwachsen.“
Als große Pflanzenfresser strukturieren sie also die Unterwasservegetation und reagieren dabei auch sensibel auf Veränderungen der Wasserqualität und -chemie. Verlassen sie bestimmte Gewässerabschnitte, deutet das häufig nicht auf ein lokales Aussterben hin, sondern auf grundlegende Störungen des dortigen Ökosystems. So, wie es beim Salvinia molesta-Befall im Ossa-See der Fall ist.
Der Schwimmfarn bildet dichte mehrschichtige Matten, die das Licht blockieren, den Sauerstoffaustausch mit der Atmosphäre verringern und die Produktivität des gesamten Systems absenken. Für luftatmende Tiere wie die Manatis entsteht zudem eine physische Barriere an der Oberfläche. Effekte wie diese sind aus zahlreichen tropischen und subtropischen Gewässern dokumentiert; Salvinia gilt weltweit als eine der problematischsten invasiven Wasserpflanzen. Und wie so oft, ist ihre Verbreitung und die ähnlicher Eindringlinge auf den Menschen zurückzuführen.
Einsatz einer biologischen Kontrolle
Zur Eindämmung invasiver Arten wird seit mehr als einem Jahrhundert biologische Kontrolle eingesetzt – mit sehr unterschiedlicher Bilanz und keineswegs nur positiven Folgen.
Zu den bekanntesten Fehlschlägen zählt die Einführung der Aga-Kröte in Australien in den 30er Jahren, die als Schädlingsbekämpfer gedacht war, sich selbst aber zu einem massiven ökologischen Problem entwickelt hat. Auch im Falle anderer Programme erwiesen sich ausgesetzte Organismen als unzureichend spezialisiert oder breiteten sich selbst unkontrolliert aus. Bis heute prägen solche Fälle die Skepsis gegenüber einer biologischen Kontrolle.
Doch während frühe Projekte der 70er und 80er teilweise noch unzureichend geprüft worden seien, würden heutige Kontrollorganismen jahrelang getestet, sagt Diaz.
So gibt es mittlerweile auch gut dokumentierte Positivbeispiele: In mehreren Regionen der Welt wurden invasive Wasserpflanzen erfolgreich durch hoch spezialisierte Insekten zurückgedrängt – nicht gänzlich eliminiert, aber dauerhaft reduziert. „Eine biologische Kontrolle wird eine Pflanze mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ausrotten – dafür gibt es keine Beispiele“, betont Rodrigo Diaz, der seit Jahren Verfahren dieser Art erforscht. Eine extreme Wirtsspezialisierung nennt er als Grundregel dabei. „Die Sorge, dass spezialisierte Kontrollorganismen nach dem Rückgang ihrer Zielpflanze auf andere Arten übergehen, ist bei modernen Programmen überzogen“, relativiert der Experte entsprechende Befürchtungen. So sei es auch im Falle des Rüsselkäfers und Salvinia molesta.
Diaz beschreibt biologische Kontrolle als „langfristiges Managementinstrument“, das Systeme entlasten könne, jedoch nie ohne begleitende Überwachung auskomme. Mit den im Ossa-See vorherrschenden Voraussetzungen – einem schwer zu erfassenden Großsäuger, einem invasiven Farn mit hoher Ausbreitungsgeschwindigkeit und einem potenziellen Gegenspieler mit extremer Spezialisierung – war der westafrikanische Fall ein gutes Beispiel, an dem sich Prinzipien der globalen Forschung konkret überprüfen ließen.
Ursprünglich in Brasilien beheimatet, wurde Salvinia molesta erstmals 2016 als invasiver Neuankömmling im Ossa-See entdeckt. Es ist nicht genau bekannt, wie er nach Kamerun gelangt war, doch weltweit gilt besonders sein Handel als Zierpflanze für Aquarien als problematisch. Vor zehn Jahren konnte sich noch niemand vorstellen, wie weit sich der Wasserfarn einmal in Afrika ausbreiten würde. „Am Anfang war es sehr subtil“, erinnert sich Aristide Kamla. „Wir dachten, vielleicht ist es nur etwas Vorübergehendes.“ Doch der ungebetene Gast war gekommen, um zu bleiben. Er wuchs entlang der Ufer, schob sich in die Sumpfzonen und erreichte schließlich das offene Wasser. Von den Menschen am See erhielt der Eindringling bald einen Namen, der zeigt, wie sehr die Pflanze ihren Alltag beherrschte: Boko Haram, benannt nach der islamistischen Terrorgruppe in Westafrika. Fischer konnten ihre Netze nicht mehr auswerfen, Boote blieben in den Matten stecken, manche Bereiche waren kaum noch erreichbar. „Die Pflanze hat sie terrorisiert“, sagt Kamla.
Auch den Manatis erging es nicht besser. Unter der Oberfläche griff Salvinia in die Struktur des Sees ein. Die wichtigste Nahrungspflanze der Seekühe, Echinochloa pyramidalis, ist als Gras fest im Sediment verwurzelt und schwimmt auch bei steigendem Wasserspiegel während der Regenzeit nicht an der Oberfläche. Salvinia dagegen schon. Die Folge war eine großflächige Beschattung der Unterwasserweiden. „Wenn der Wasserstand wieder sank, sahen wir an der Oberfläche bereits totes Echinochloa“, sagt Kamla. „Es ist, als hätte Salvinia das Gras erstickt.” Auf Salvinia selbst wichen die Tiere beim Fressen offenbar kaum aus. In einer Ernährungsanalyse der Säuger von 2016 fand Kamla keinerlei Fragmente des Farns. Er vermutet, dass sein hoher Gerbstoffgehalt die Verdauung der Seekühe beeinträchtigen könnte. „Außerdem haben Manatis individuelle Vorlieben. Salvinia gehört zu den Pflanzen, die sie nicht besonders mögen“, ergänzt Lucy Keith-Diagne.
Beobachtungen aus Monitoringprogrammen zeigten, dass sich die Tiere daher zunehmend aus den stark bewachsenen Zonen zurückzogen. Viele von ihnen wichen in den nicht von Tierschützern überwachten Sanaga-Fluss aus. „Außerhalb des Sees sind Manatis noch sehr stark von Wilderei betroffen“, sagt Kamla. Ihr unfreiwilliger Rückzug war für den Biologen somit ein Zeichen, dass sich der Zustand des Sees grundlegend verändert hatte.
So folgte der Ossa-See demselben Grundmuster, welches auch international infolge von Salvinia-Invasionen bekannt und dokumentiert ist: dem Verlust heimischer Vegetation und eine dadurch ausgelöste Habitatverschiebung großer Pflanzenfresser. Das westafrikanische Gewässer ist eines von vielen Beispielen für ein Ökosystem, das unter dem Druck invasiver Arten kippen kann.
Die Käfer kamen langsam, aber gewaltig
Als Kamla mit nur 2.000 Salvinia-Rüsselkäfern aus den USA zur Rettung des Gewässers antrat, war die Zukunft des Sees ungewiss. Denn diese kleine Ausgangspopulation reichte noch nicht aus, um im See eine stabile Wirkung entfalten zu können. In der Tat geschah zunächst wenig, was auf einen Erfolg hindeutete. Bevor die Käfer überhaupt in den See entlassen werden und dort einen nachhaltigen Effekt erzeugen konnten, mussten sie in großer Zahl vermehrt werden. Das Ziel waren rund 30.000 Individuen. Doch der Aufbau dieser Population erwies sich als schwierig. Viele Käfer starben in der Anfangsphase, vermutlich wegen mangelnder Akklimatisierung. „Es war unser erstes Mal, und wir machten Fehler“, räumt Kamla ein. Erst eine weitere importierte Charge brachte die Zucht in Gang: Die Käfer überlebten und vermehrten sich nun deutlich besser. Die Populationsvergrößerung fand nicht im See selbst statt, sondern in einem eigens errichteten Zelt mit Wassertanks. Parallel dazu musste Kamla ein zweites Problem lösen: die Überzeugungsarbeit. Behörden und lokale Gemeinden reagierten anfangs sehr skeptisch auf die Einführung eines fremden Insekts. Es folgten Informationsveranstaltungen, Risikobewertungen und technische Prüfungen. „Viele Treffen, viele Analysen. Erst als alle Ergebnisse positiv waren, bekamen wir die Genehmigung“, sagt Kamla.
Nach Freisetzung der biologischen Kontrollorganismen schien sich jedoch zunächst nichts zu verändern. Die Wochen vergingen ohne sichtbare Wirkung. „Nach drei, vier Monaten konnten wir die Käfer nicht einmal mehr finden“, erinnert sich Kamla. „Wir dachten, vielleicht funktioniert es nicht.“ Doch dann zeigten sich die ersten braunen Flecken in der zuvor sattgrünen Farndecke. Absterbende Blätter, kleine Lücken. Und zwischen ihnen schließlich: die gesuchten Käfer. „Das war der Moment, in dem wir Hoffnung hatten.“
Von dem Moment an beschleunigte sich der Prozess und nach rund einem Jahr waren die Effekte deutlich sichtbar: ausgedünnte Matten, kollabierende Pflanzeninseln, eine steigende Anzahl befallener Bereiche. Weitere zwei bis drei Jahre später war Salvinia weitgehend verschwunden. Mit dem Rückzug der Pflanze verschwanden auch die Käfer. Ohne Nahrung starben die eingesetzten Insekten – ein erwartbares Ergebnis biologischer Kontrolle.
Rückkehr der Seekühe
Auch der See veränderte sich spürbar. Wasserflächen öffneten sich, zuvor unpassierbare Zonen wurden wieder zugänglich. Und die Manatis kehrten schließlich zurück. Doch damit nicht genug: „In den letzten zwei Jahren haben wir eine Manati-Präsenz erlebt, wie wir sie zuvor nicht kannten“, berichtet Kamla. Bei einer Erhebung wurden 14 Tiere innerhalb eines halben Tages gesichtet – ein neuer Rekord. Für Kamla ist dies ein klares Zeichen: „Die Manatis haben gemerkt, dass sich etwas verändert hat.“
Ihre Rückkehr in zuvor gemiedene Bereiche scheint also ein deutlich sichtbares Zeichen für die Erholung des Ökosystems zu sein. Doch was bedeutet sie wirklich? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, hat Clinton Factheu, ein kamerunischer Biologe, am Ossa-See ein akustisches Monitoringprogramm aufgebaut. Er untersucht, wie zuverlässig Manatis akustisch erfasst werden können und wie sie sich im See bewegen.
Er warnt vor vorschnellen Schlüssen. „Unsere Ergebnisse zeigten, dass die passive Akustik effizienter ist, um Manatis nachzuweisen.“ Während der ausgeprägten Salvinia-Phase war es schwer, die Tiere überhaupt mit den Augen auszumachen; akustische Daten lieferten dagegen ein klareres Bild. Die Befunde erzählen deshalb keine bloße Fluchtgeschichte. Manche Manatis mieden offenbar stark bewachsene Bereiche, zugleich blieben Tiere im Seesystem akustisch nachweisbar – nur nicht immer dort und nicht so offensichtlich, wie klassische Beobachtungen es vermuten ließen.
Trotzdem ist die Lage im Ossa-See nun insgesamt eindeutig besser als früher. Wasserflächen liegen wieder offen und Manati-Sichtungen nehmen zu. Doch Factheu mahnt, diese Dynamik nicht als dauerhaften Trend zu verstehen: „Das unterstreicht erneut die Gefahr, wenige Sichtungen mit geringer Bestandsgröße gleichzusetzen.“ Für Monitoring und Management wäre eine solche Fehlinterpretation problematisch. Sicher sei lediglich, dass der See wieder ein stabiles Habitat für die Säuger ist. „Wir wissen, dass sich mindestens 50 Manatis im oder um den Ossa-See aufhalten.“ Wie oft sie das Gewässer über die Flüsse verlassen, welche Zonen sie langfristig nutzen – das könne nur Telemetrie klären, also die Besenderung einzelner Tiere über längere Zeit.
Herausforderungen
Im Vergleich zu anderen Regionen Westafrikas ist der Ossa-See heute ein vergleichsweise sicherer Ort für die sanften Unterwassertiere. Das ist vor allem das Ergebnis jahrzehntelanger Aufklärungsarbeit. „Es ist jetzt fast fünf Jahre her, dass ich gehört habe, dass ein Manati hier getötet wurde“, sagt Kamla. Doch außerhalb des Sees steigt die Gefahr für die Tiere. In den umliegenden Flusssystemen bleibt Beifang ein Hauptproblem. „Wenn Menschen einen Manati fangen, lassen sie ihn oft nicht frei – sie essen ihn“, sagt Lucy Keith-Diagne. Das Fleisch der Tiere habe vielerorts einen höheren Wert als Fisch.
Langfristig bleiben jedoch auch am Ossa-See weitere Herausforderungen für die Seekühe und das Ökosystem bestehen. Eine zentrale Ursache der Salvinia-Ausbreitung ist nicht verschwunden: der hohe Eintrag von Stickstoff und Phosphor. Ein Staudamm am Oberlauf des Sanaga-Flusses sorgte für die Überflutung großer Waldflächen; bei der Zersetzung der Biomasse wurden über Jahre diese Verbindungen freigesetzt. Messreihen zeigen zwei deutliche Sprünge: Von 1985 bis 2016 verdoppelten sich die Konzentrationen, zwischen 2016 und 2019 erneut. Über den Sanaga gelangen sie weiterhin in den Ossa-See und begünstigen dort schnellwüchsige Pflanzen wie Salvinia.
Daneben gibt es weitere externe Belastungen für das Ökosystem. Durch die Nähe zur größten Stadt Kameruns, Douala sowie neue Hafen- und Infrastrukturprojekte steigt der Landnutzungsdruck. Abholzung und Erosion verschlechtern die Wasserqualität – mit Folgen für die Pflanzen und damit auch für die Manatis.
Kamla plädiert deshalb für eine strengere Schutzkategorie. Sein Ziel ist es, den Ossa-See offiziell als Manati-Schutzgebiet ausweisen zu lassen und eine zwei Kilometer breite Waldzone um das Gewässer zu bewahren. „Wenn wir diesen Waldgürtel sichern, sichern wir die Zukunft des Ossa-Sees, der Manatis und der lokalen Gemeinschaften, die von diesem See abhängen“, sagt er.
Für Lucy Keith-Diagne fügt sich all das in eine größere Perspektive: „Seekühe sind nur ein Teil dieses großen Netzes des Lebens, das wir schützen müssen.“ Wer verstehen wolle, wie es den Manatis geht, müsse das gesamte System betrachten – auch dort, wo der Erfolg weniger sichtbar ist. //
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