Raub der Borstenwürmer: Kleine Würmer, große Folgen - wissenschaft.de | natur
natur Plus
Raub der Borstenwürmer: Kleine Würmer, große Folgen
Im seichten Wasser des Pulicat-Sees sammeln die Fischerinnen Krabben und Garnelen. · Foto: mauritius images / nature picture library / Staffan Widstrand
Borstenwürmer leben im Schlick des Pulicat-Sees im Südosten Indiens und sind ein wichtiges Element im Gefüge aus Mangroven, Meerestieren und Vögeln. Als Wilderer sie dezimierten und dabei auch einheimische Fischerinnen gefährdeten, machten die Frauen den Raubbau öffentlich und zwangen die Behörden zum Handeln. Doch die Lagune bleibt verletzlich.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Text: Roman Goergen
Im ersten Licht des Tages liegt der Pulicat-See im Südosten Indiens flach und still – eine glitzernde Lagune, die sich direkt an den Golf von Bengalen schmiegt. Mit mehr als 700 Quadratkilometern ist sie das zweitgrößte Brackwassergebiet des Landes und Heimat eines einzigartigen Ökosystems.
Reiher und Flamingos ziehen über das Wasser, während Frauen mit hochgekrempelten Saris durch den Schlamm waten, tief gebückt ziehen sie mit den Händen Garnelen oder Krabben aus dem Schlick. Für die Mitglieder der Thiruvallur District Fish Worker Welfare Association ist das Bild von Mangrovenwurzeln, brackigem Wasser und gleißender Sonne vertraut – und doch ist es erst seit wenigen Monaten wieder ungefährlich, hier zu arbeiten. „Jetzt sind wir sicher, weil unser Handerntegebiet eben ist und es keine Gruben mehr gibt. Früher waren die Gruben ein großes Problem für uns, und oft sind wir hineingefallen“, erzählt Sammlerin Roopavathi.
Folgen der Wurm-Wilderei
Die Gruben, von denen Roopavathi spricht, waren Hinterlassenschaften von Wilderern. Diese hatten sie während der Trockenmonate Januar bis Mai – wenn durch den gesunkenen Wasserstand größere Teile des Seegrunds zugänglich waren – in das Sediment gegraben, um an die Borstenwürmer zu kommen. „Früher wurden jeden Tag Hunderte von Kisten voller Würmer aus dem See geholt“, berichtet Silar Meerasa. Der Gründer der Mangrove Foundation of India ist am See aufgewachsen und kennt das Treiben der Wilderer: Männer, meist aus umliegenden, manchmal auch aus weiter entfernten Dörfern, gruben mit einfachen Schaufeln und Hacken bis zu einem Meter tiefe Gruben und durchsiebten das Sediment nach den Würmern. Das lose Sediment ließen sie neben den Gruben zurück und bei Flut wurde das Material teilweise wieder eingespült; es blieben jedoch dauerhaft destabilisierte Bereiche am Seegrund.
Abnehmer der unscheinbaren, wenige Zentimeter großen Borstenwürmer waren die Aquafarmen, die in den letzten zwei Jahrzehnten in der Region immer zahlreicher geworden waren. Die Betreiber zahlten den Wilderern für das begehrte Futter zwischen 1.000 und 4.000 indische Rupien pro Kilo – etwa 10 bis 40 Euro. Zum Vergleich: Ein Tagelöhner im Bundesstaat Tamil Nadu verdient im Durchschnitt um die 300 Rupien pro Tag. So brachte schon ein einziges Kilo ein Vielfaches des üblichen Einkommens ein.
Doch was für die einen ein lohnendes Geschäft war, bedeutete für die Gemeinschaft am See Verwüstung. Wo die Gruben am Seegrund klafften, konnten die Frauen kaum noch gefahrlos die Meerestiere für ihren Lebensunterhalt sammeln, manche verletzten sich schwer. Und mehr noch: Mit dem Verschwinden der Würmer wurden auch die Garnelen und Krabben weniger, da ihnen die Nahrung fehlte. Viele Familien verloren ihr wichtigstes Einkommen.
Weitere Artikel
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik dieser Kategorie.
Erde & Umwelt
Der Mensch war nicht immer schlecht für die Artenvielfalt – im Gegenteil
17. Juli 2026
Die Landwirtschaft gilt heute als Bedrohung für die Artenvielfalt. Doch das war nicht immer so. Jahrtausendelang hat der Mensch die Pflanzenvielfalt dadurch…
Nachhaltigkeit
Essbare Ballaststoffe aus Hülsenfruchtresten
15. Juli 2026
Bei der Herstellung von Proteinen aus Hülsenfrüchten bleiben Rückstände übrig. Ein neues Verfahren zeigt: Daraus lassen sich wertvolle Ballaststoffe für…
Schließlich begannen sich die Frauen des Sees zu wehren. Aktivisten wie Meerasa halfen ihnen, ihre Anliegen öffentlich zu machen. „Sie sagten uns: Dies ist euer Land, ihr seid die Eigentümer“, erinnert sich Sammlerin Madha. Mit fast 1.000 Frauen und ihren Familien bauten sie ein Netzwerk auf, dokumentierten Schäden, nutzten soziale Medien und suchten die Aufmerksamkeit von Nachrichtensendern. „Obwohl wir Lokalpolitik und Widerstand von Männern überwinden mussten, konnten wir schließlich unsere Ziele erreichen“, so die Fischerin.
Ausschlaggebend war die Kombination aus öffentlicher Aufmerksamkeit, Petitionen an das Forest Department und verstärkten lokalen Kontrollen, sagt Silar Meerasa. Mit wachsendem Druck durch die Behörden und Dorfgemeinschaften wurde die Wilderei zunehmend unterbunden; im letzten Jahr sei die Wurm-Wilderei vollständig gestoppt worden. Doch sicher sei die Lage noch nicht. Der Markt für Würmer existiere weiter, die Nachfrage aus der Aquakultur sei ungebrochen.
Doch eine Rückkehr der Wilderer wäre nicht nur ein erneutes Problem für die Frauen. Auch Ökologen warnen vehement. Die Würmer seien ein überlebenswichtiger Baustein für das Ökosystem der Lagune, sie weiterhin zu verlieren, wäre verheerend.
Es geht um die ganze Lagune
Der Pulicat-See gilt als eines der artenreichsten Feuchtgebiete Indiens. Über 60.000 Wasservögel nutzen die Lagune als Rast- und Brutgebiet, darunter viele Zugvögel aus Zentralasien. In diesem Ökoton – einem Übergangsraum zwischen zwei Ökosystemen – mit wechselnden Salzgehalten und komplexem Austausch zwischen Süß- und Meerwasser übernehmen Borstenwürmer eine zentrale Rolle.
„So wie das Vorhandensein von Regenwürmern anzeigt, dass ein Boden gesund ist, zeigen Borstenwürmer die Funktionsfähigkeit eines Feuchtgebiets“, erklärt der Bodenökologe Sultan Ismail von der Ecoscience Research Foundation. „Würmer schaffen eine Umwelt, in der das ganze System funktionieren kann.“ Indem sie röhrenartige Gänge graben, belüften sie den Schlick, fördern mikrobielle Prozesse und halten so den Stoffkreislauf in Gang. Fehlen sie, bricht das System nicht sofort zusammen, verliert aber an Leistungsfähigkeit. „Es ist wie in einer Küche ohne Koch – das Essen kommt vielleicht auf den Tisch, aber es hat nicht dieselbe Qualität“, sagt Ismail und beschreibt einen Teufelskreis: Je seltener die Würmer werden, desto weniger fruchtbar bleibt der Boden – und je unfruchtbarer er wird, desto weniger Würmer können in ihm überleben.
Den Verkauf der Würmer als Futtermittel für eine Aquafarm sieht er im krassen Gegensatz zu ihrer bedeutenden ökologischen Rolle im See: „Die Würmer sind keine bloße Handelsware, sondern Schlüsselfiguren des Ökosystems.“
Dies unterstreicht auch der Meeresökologe Sesh Serebiah vom Jehovah Shammah Centre for Marine and Wildlife. Serebiah hat die am Seegrund lebenden Benthos-Gemeinschaften – also die Gesamtheit der dort siedelnden wirbellosen Tiere – des Pulicat-Sees über Jahre hinweg untersucht. Seine Erhebungen zeigten stellenweise mehr als 200 Individuen pro Quadratmeter, verteilt auf zehn Arten. „Borstenwürmer sind im See die beste Nahrung“, sagt er, „sie steigern sogar die Fruchtbarkeit von Garnelen und Fischen.“ Sie transportieren organische Energie und Pigmente wie Carotinoide in höhere Nahrungsebenen und tragen entscheidend zur Produktivität des Gewässers bei. Vielen Vögeln sowie Jungfischen und Krabben dienen sie zudem direkt als Nahrungsquelle.
Hotspot Mangroven
Auch Silar Meerasa weiß um diese Zusammenhänge und blickt mit Sorge auf das empfindliche ökologische Gleichgewicht des Sees. Er selbst hat sich mit seiner Organisation dem Schutz von Mangroven verschrieben, da in den vergangenen Jahrzehnten durch Siedlungsdruck und Verschmutzung große Flächen davon in der Lagune verloren gegangen sind – Schätzungen zufolge rund ein Drittel.
Seine Entscheidung für die Mangroven erwies sich allerdings auch förderlich für die Wurmpopulationen, wie Untersuchungen in Meerasas Projektgebieten zeigten. „Es gibt mehr Borstenwürmer in den Mangroven-Wiederaufforstungsgebieten als in Bereichen ohne Mangroven“, sagt Meerasa. Beide Lebensgemeinschaften sind offensichtlich eng verknüpft – und nicht nur sie. Der Biologe Vaithianathan Kannan sieht die Küstenwälder als das ökologische Rückgrat des Pulicat-Sees. Sie liefern Nährstoffe, dienen als Kinderstube für unzählige Arten, schützen die Küstenbereiche vor Überflutungen und binden große Mengen Kohlenstoff.
Gemeinsam mit den Würmern, Fischen und Vögeln am Pulicat-See bilden die Mangroven ein komplexes System von lokaler und globaler Bedeutung. Wie leicht dieses jedoch zu stören ist, zeigte die Zeit der Wilderei am Pulicat-See. Schon durch das Abtragen der Würmer kam es ins Wanken. Die Gruben gefährdeten nicht nur die Fischerinnen bei ihrer Arbeit, sie veränderten den ganzen Lebensraum. Wo Schlick aufgerissen wurde und Würmer entnommen wurden, verschwanden Garnelen und Jungfische, wurden Mangrovenwurzeln freigelegt und geschwächt. Die Wilderei hat Leben zerstört und Wachstum verhindert. Ihr Stopp ist daher in vieler Hinsicht ein Erfolg – doch die Herausforderungen sind größer.
Mangroven unter doppeltem Druck
In der Brackwasserlagune Pulicat-See entstand über die letzten Jahre ein weiteres Problem: ihr Wasserhaushalt ist in Schieflage geraten. „Die Mündungen zum Meer, die früher über längere Zeiträume offen standen, haben einen kontinuierlichen Austausch von Süß- und Meerwasser ermöglicht“, erklärt die Ökologin Riddhika Ramesh vom Salim Ali Centre for Ornithology and Natural History.
„Heute öffnen sich die Seemünder nur noch während starker Monsune. Dazwischen bleibt die Lagune weitgehend abgeschnitten.“ Das hängt laut Ramesh vor allem damit zusammen, dass es infolge zunehmender Dürren weniger Süßwasserzuflüsse gibt und die Seemündungen immer mehr versanden. Das führt zu Hypersalinität – einer Salzkonzentration, die Mangroven kaum ertragen. Ihr Rückgang hat jedoch weitreichende Folgen für den See. „Über die Jahre ist die Artenzusammensetzung deutlich verarmt“, so Ramesh. Besonders betroffen sind Arten wie die essbare Auster Crassostrea madrasensis und verschiedene Kurzschwanzkrebse, die im Wurzelgeflecht der Mangroven laichen. „Wenn Mangroven verschwinden, sinkt die Vielfalt rapide – und die Stabilität des Ökosystems bricht ein“, warnt auch der Biologe Kannan. Vor diesem Hintergrund wirken die Aufforstungsprojekte am See wie ein Wettlauf gegen die Zeit.
Meerasa, dessen Mangrove Foundation daran stark beteiligt ist, sieht die Wiederanpflanzungen zwar als wichtigen Hoffnungsschimmer. Doch er weiß, dass Aufforstung allein nicht reicht. Seiner Einschätzung nach können die Setzlinge nur dann dauerhaft überleben, wenn sich die Wasserqualität verbessert. Dazu gehört, dass die Süßwasserzuflüsse wiederbelebt werden – aber nicht nur das. Es gibt in der Lagune auch eine illegale Abwasser-Ableitung. Solche Abwässer führen zu einer Eutrophierung – einem übermäßigen Nährstoffeintrag, der die Artenzusammensetzung verändert und Sauerstoffmangel im Wasser verursacht.
Die Sammlerin Punitha berichtet zudem von Öl im Wasser ihrer Fanggebiete sowie von heißem Wasser, das aus einem nahegelegenen Kraftwerk in den See geleitet wird. All das müsste für das Wachstum gesunder Mangrovenwälder unterbunden werden. Und die Flächen, die in den letzten Jahren durch die Ausbreitung von Siedlungs- und Industriegebieten für Mangroven verloren gingen, müssten zurückgegeben werden. Lange ein Bollwerk gegen Stürme sowie Kinderstube und Lebensraum für Garnelen, Krabben und Fische, stehen die Mangroven heute unter doppeltem Druck: Durch die veränderte Hydrologie des Sees und den wachsenden menschlichen Zugriff droht das ökologische Rückgrat der Lagune irgendwann zu brechen.
Indiens bedrohte Feuchtgebiete
Die Krise des Pulicat-Sees steht exemplarisch für die Lage vieler Feuchtgebiete in Indien. Ob Chilika in Odisha, Vembanad in Kerala oder Kolleru in Andhra Pradesh – überall zeigen sich ähnliche Muster: verschlossene Seemündungen, abnehmende Süßwasserzuflüsse, zunehmende Verschmutzung und der Druck von Industrie und Siedlungen. Die Parallelen bei den Problemen sind frappierend.
In Chilika führte die Verlandung in den 1990er Jahren fast zum Kollaps der Fischerei. Damals brachen Fischbestände und mit ihnen die Fangerträge um mehr als die Hälfte ein, Vögel blieben aus. Erst ein groß angelegtes Projekt öffnete die Lagune wieder zum Meer, wodurch Salzgehalt und Nährstoffhaushalt stabilisiert wurden. Heute gilt Chilika als Erfolgsbeispiel – ein Beleg, wie hydrologische Restaurierung Fischbestände und Vogelzüge zurückbringen und die Wasserqualität verbessern kann.
Kolleru dagegen wurde von unregulierter Aquakultur überwuchert. Innerhalb weniger Jahre entstanden Zehntausende Fisch- und Garnelenbecken, die das offene Wasser fast verschwinden ließen. Der ökologische Kollaps war so umfassend, dass die indische Regierung 2006 ein massives Räumungsprogramm starten musste. Doch die ursprüngliche Artenvielfalt hat sich bis heute nicht erholt. Kolleru ist ein warnendes Beispiel dafür, wie schnell eine Lagune kippen kann, wenn Profitinteressen Vorrang haben.
Vembanad leidet bis heute unter hohen Nährstoffeinträgen, intensivem Bootstourismus und Uferbebauung. Der See ist ein UNESCO-Biosphärenreservat, und doch sind dort mehrere Fischarten verschwunden, während invasive Tilapia überhandnehmen. Wie am Pulicat, schwinden auch dort die klassischen Kinderstuben für Fische und Krabben.
Es fehlt an Weitsicht
„Das Problem ist, dass wir nicht öko-zentrisch denken. Wir sind spezies-zentriert – wir konzentrieren uns darauf, was uns nützt, und versuchen, es aus der Natur zu gewinnen“, klagt der Bodenexperte Ismail. Langsam begänne zwar ein Umdenken, doch vielerorts sei der Schaden schon angerichtet. „Wir sehen viele Menschen mit Ferngläsern, die Vögel beobachten. Aber kaum jemand denkt daran, was unter seinen Füßen geschieht. Da stimmt etwas nicht in unserem ökologischen Blick: Wir lassen uns von dem tragen, was sichtbar ist, statt von dem, was tatsächlich funktioniert”, so Ismail.
Die Dimension der Bedrohung von Feuchtgebieten reicht inzwischen weit über Indien hinaus. Laut UN-Weltbiodiversitätsrat (IPBES) sind seit 1900 bereits mehr als 50 Prozent der weltweiten Feuchtgebiete verschwunden – ein Rückgang schneller als bei Wäldern oder Korallenriffen. Ursachen sind Landnahme, Staudämme, Verschmutzung, Überfischung und zunehmend auch die Folgen des Klimawandels. Mit den Flächen verschwinden zugleich ihre Leistungen: Kohlenstoffspeicherung, Schutz vor Stürmen, Filtration von Schadstoffen und Nahrung für Millionen Menschen und Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten.
Der Biologe Vaithianathan Kannan warnt, dass ohne integriertes Management der Feuchtgebiete ein schleichender, aber umfassender Verlust von Biodiversität und Resilienz droht. Die Zukunft von Pulicat sei ein Prüfstein für die Zukunft vieler anderer Lagunen – und ein Weckruf, dass lokale Kämpfe um Mangroven oder Borstenwürmer globale Relevanz haben. //
Biologie
Wie sich die ersten Landpflanzen vor Sonne schützten
13. Juli 2026
Eine Grünalge könnte erklären, wie die ersten Pflanzen vor 500 Millionen Jahren an Land überleben konnten und der UV-Strahlung widerstanden.
natur PlusBiologie
Entspannt im Wasser dümpeln
10. Juli 2026
Seekühe sind die einzigen marinen Säugetiere, die sich pflanzenbasiert ernähren. Wichtige Details über ihre Ernährung hat die Forschung nun ans Licht gebracht.