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Kein Platz für Zoo-Nachwuchs
Aus Platzgründen dürfen sich Tiere in Zoos nicht ungehindert vermehren. Infolge von Verhütung einerseits und guter Pflege andererseits sind die Bestände mittlerweile überaltert. Einige Fachleute schlagen deshalb die freie Fortpflanzung in Kombination mit der Schlachtung vor.
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Text: Susanne Donner
Zeta war eine der berühmten Greisinnen Europas. Die Löwin wurde 24 Jahre alt und damit dank menschlicher Obhut und verlässlicher Fütterung im Tierpark in Münster doppelt so alt wie in freier Wildbahn.
Es könnte ein Beweis für gute Pflege sein. Aber für die Einrichtungen ist es auch ein Dilemma: „Wir haben mittlerweile viele geriatrische Tiere in den Gehegen und deshalb leider keinen Platz für Nachwuchs“, kommentiert die Tierärztin Imke Wiemann. Ihr Spezialgebiet ist die Reproduktion von Zoo- und Wildtieren. Sie arbeitet vor allem am Zoo in Münster, aber auch weltweit.
Wenig Forschung
Frei fortpflanzen dürfen sich die Pfleglinge des Menschen in keinem Tierpark der Welt. Als Menschen anfingen, die exotischen Wildtiere vor etwas mehr als 270 Jahren im ersten Zoo in Wien (1752) zur Schau zu stellen, begannen auch die Probleme mit der Vermehrung der Zootiere. Alle Zoos müssen sich um die Verhütung bei Giraffen, Elefanten, Affen und Erdmännchen kümmern. Kontrazeptionsmethoden sind bei Wildtieren aber nie nennenswert erforscht worden. Entsprechende Studien an Tieren in freier Wildbahn sind nicht nur schwierig, sondern wären auch ethisch fragwürdig, da ihr Bestand dadurch dezimiert würde.
„Wir greifen deshalb oft auf Mittel aus der Nutztierzucht zurück, die aber nicht immer gut und ohne Nebenwirkungen funktionieren“, sagt Wiemann. Für Menschen entwickelte Kontrazeptiva von der Antibabypille bis zur Spirale lassen sich allenfalls bei Primaten anwenden. Gorilla- und Schimpansenweibchen bekommen beispielsweise oft die Pille in einem Löffelchen Pflaumenmus durch das Gitter gereicht. Bei anderen Tieren weiche das Reproduktionssystem aber zu sehr vom Menschen ab, stellt Wiemann klar.
Entgegen dem Bildungsauftrag
Wie folgenreich es tatsächlich ist, Nachwuchs in den Zoos zu verhindern, verdeutlicht das Beispiel der Löwen. Die Raubkatzen können zweimal im Jahr trächtig werden. Kastriert man das Löwenmännchen, würde es seine Mähne verlieren. „Es sieht dann aus wie ein großes Weibchen, was man nicht möchte.“ Ebenso würden Hirsch, Antilope und andere Geweihträger ihren Kopfschmuck einbüßen, wenn man ihnen die Hoden entfernen würde. Ein Löwenmann ohne Mähne würde dem Bildungsauftrag der Zoos entgegenstehen und den menschlichen Eingriff vor Augen führen.
Würde man nur den Samenleiter des Löwen durchtrennen, damit er keine Spermien mehr produziert, dann deckt er weiterhin die Weibchen im Gehege. Diese bekommen nach jedem Akt einen Eisprung, da erst die Kopulation bei den Raubkatzen die Ovulation auslöst. Die Weibchen entwickeln in der Folge eine sogenannte Pseudoträchtigkeit. Ihr Körper imitiert eine Schwangerschaft. „Wenn sich dieser Zustand wiederholt, vereitert die Gebärmutter der Weibchen“, schildert Wiemann. Damit ist auch diese Verhütungsmethode tierethisch inakzeptabel.
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Bis heute ist es in vielen Zoos vor diesem Hintergrund übliche Praxis, den Löwenkatzen zwei bis drei Hormonimplantate einzusetzen. Diese wurden ursprünglich für Hunde entwickelt. Sie enthalten den Wirkstoff Deslorin, der das körpereigene Gonadotropin-Releasing-Hormon nachahmt und darüber die Bildung von Östrogenen und die normale Eierstocksfunktion hemmt. Die Implantate müssen bei den Löwinnen jedoch jedes Jahr unter Vollnarkose erneuert werden.
Unfruchtbare Löwinnen
„Das Problem ist: Wenn man dann doch möchte, dass ein Löwenweibchen trächtig wird, klappt es oft mit dem Nachwuchs nicht mehr. Wir haben durch die Hormonimplantate sehr viele unfruchtbare Großkatzen in den Zoos geschaffen“, sagt Wiemann.
Und nicht nur das: Als die Tiermedizinerin Linda Monsun an der University of California in Davis in den 80er und 90er Jahren verstorbene Raubkatzen obduzierte, stellte sie fest, dass sie häufig Gebärmutter- und Brustkrebs hatten. Das führte Monsun auf die Hormone zurück. Doch bis heute ist hormonelle Verhütung bei Raubkatzen weiterhin Standard: „Wir bräuchten eine bessere und schonendere Kontrazeption für Zootiere“, findet Thomas Hildebrandt, Leiter der Abteilung Reproduktionsmanagement am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Eine finanzstarke Pharmabranche gäbe es aber nicht.
Das Verhütungsdebakel bei Löwen ist kein Sonderfall: „Für Giraffen haben wir eine Antikörperspritze, die ich mit einem Gewehr abfeuern muss“, erzählt Wiemann. Die Tiere bilden dann Antikörper gegen das Gonadotropin-Releasing-Hormon GnRH. Dieses Hormon steuert die Bildung weiterer Fruchtbarkeitshormone. Die Impfung gegen die Fruchtbarkeit sei momentan bei Elefanten, Nashörnern und anderen Zootieren noch das Vertretbarste, findet Hildebrandt. Aber Wiemann hat auch damit schon grenzwertige Erfahrungen gemacht: „Giraffen muss ich das Medikament alle zwei Monate geben: Das heißt, ich muss sie alle zwei Monate mit einem Gewehr ärgern. Wenn eine Giraffe ein Gewehr sieht, kann sie so panisch werden, dass sie sich schon mal auf die Nase legt und verletzt.“
Überalterter Bestand
Auch in anderer Hinsicht fällt die suboptimale Verhütung der letzten Jahrzehnte den Zooleitungen nun mehr und mehr auf die Füße: „Die Tiere werden älter und älter, pflegebedürftiger und pflegebedürftiger. Der Anteil, der sich fortpflanzen darf, wird kleiner und kleiner“, sagt Tierphysiologe Marcus Clauss von der Universität Zürich. In einer Veröffentlichung im renommierten Journal PNAS forderte er im März 2025 deshalb einen radikalen Kurswechsel: Zoos sollten ihren Tieren das Recht auf Fortpflanzung gewähren und keine Verhütung anwenden. Überzählige Jungtiere und sehr alte Tiere sollten vielmehr gezielt getötet sowie geschlachtet werden. Das Fleisch könne an die Raubtiere im Zoo verfüttert werden. Das sei nachhaltig und die Qualität des Futters ließe sich so sogar kontrollieren. Die Tierpopulationen im Gehege blieben vital und jung, statt überaltert und pflegebedürftig. Nur aus solch gesunden Beständen ließen sich auch wieder Tiere für die freie Wildbahn züchten, falls die Tierart in der Natur vom Aussterben bedroht sei.
Als dänisches Modell kursiert das Konzept der freien Vermehrung und gezielten Tötung: Der Kopenhagener Zoo erlegte 2014 unter breitem aber kritischem Medienecho die anderthalbjährige Giraffe Marius mit einem Bolzenschuss und ließ sie vor Publikum öffentlich obduzieren. Tierschützer wetterten. Und einige Medien fragten nach. Der Direktor erklärte, so habe man Inzucht unter den Tieren vermieden. Für die junge Giraffe habe es weder in diesem noch in anderen Zoos Platz gegeben. „Es ist doch in der Natur ganz normal, dass Löwen Giraffen und Zebras fressen“, kommentiert Clauss und spielt die ethische Dimension herunter. „Wenn man daraus etwas Besonderes macht, dann hat man irgendetwas nicht verstanden.“
Dass es aber der Mensch ist, der beim dänischen Modell darüber entscheidet, welches Tier stirbt und es dann auch niederstreckt, kommt im Artikel in PNAS nicht unumwunden zur Sprache. Wiemann hegt dennoch eine gewisse Sympathie für den Vorschlag: „Die Tiere sind ja nicht freiwillig in den Zoo gekommen. Wir entscheiden jeden Tag, wo sie leben, was sie essen, einfach alles. Und für die Gesundheit einer Population wäre die Strategie der freien Fortpflanzung und gezielten Tötung fraglos das Beste“, sagt sie, gibt aber zu bedenken: „Jedes Tier, besonders jedes Großtier, betrachten wir doch auch als ein Individuum. Sie tragen Namen wie Marius und Zeta. Und wir würden natürlich auch nicht wollen, dass unsere Oma sterben muss, nur weil sie humpelt.“ Hildebrandt geht noch weiter: „Ich bin überrascht, dass PNAS diesen Vorschlag veröffentlicht hat. Der Ansatz birgt ethisch Sprengstoff. Ich persönlich glaube nicht, dass man das Euthanasieren bei charismatischen Großtieren wie Gorillas oder Elefanten verfolgen sollte. Im Übrigen ist die Tötung von Jungtieren aus Platzgründen nicht mit dem deutschen Tierschutzrecht vereinbar.“
Vermehrung nach Regeln
Es ist ein schier unauflösbares Dilemma. Harte Zookritiker leiten daraus ab, dass die Tieranstalten doch abgeschafft gehören, da die Haltung in Gefangenschaft ohnehin nie artgerecht sei. Die Reproduktion besser zu managen, verlangen andere, wobei die Vorstellungen in den Details dann weit auseinandergehen. Recherchen zeigen, dass die Realität in den Tierparks hierzulande bereits zwischen dem dänischen Modell und der gezielten Verhütung liegt. „Wir dürfen die meisten Tierarten im Zoo sich nicht einfach vermehren lassen“, berichtet Wiemann. „Wir sind an das sogenannte Europäische Zuchtbuch der jeweiligen Art gebunden, das der Europäische Zoo- und Aquarienverband betreut. Dort sind die Genomdaten und die Abstammung aller Zootiere erfasst. Ehe alle Exemplare einer Tierart zu alt werden, um sich fortpflanzen zu können, entscheidet der Zuchtbuchführer dieser Organisation, welche Tierpaare Nachwuchs geben dürfen – sobald Platz in einem Zoo weltweit ist und abhängig von der Genetik der Tiere.
Über diese Kontrolle wird verhindert, dass es innerhalb der Zoopopulation zur Inzucht kommt. Denn der Bestand an Säugetieren in den Gehegen erhält sich seit vielen Jahren selbst. „Wildtiere werden dafür nicht mehr gefangen“, betont Clauss. Wiemann erklärt: „Es ist noch nicht vorgekommen, dass sich eine Tierart aus Platzmangel gar nicht mehr vermehren durfte. Aber Fortpflanzung unter vielen Zootieren ist ein seltenes und streng kontrolliertes Ereignis.“
Zoos halten jedoch auch weniger charismatische Tiere und bei diesen erlauben sie oft auch die unkontrollierte Vermehrung: „Etwa bei Mäusen, Warzenschweinen, Meerschweinchen oder auch bei Antilopen. Die Zahl begrenzen wir bei diesen Tieren, indem wir dann ausgewachsene Tiere schlachten und deren Fleisch an Raubtiere verfüttern“, berichtet Wiemann.
Erfahrungsberichte aus anderen Zoos bestätigen diese Praktik. In jeder Einrichtung gibt es Personal, das den Bolzenschuss oder den gezielten Kugelschuss als einzig erlaubte Tötungsmethoden beherrscht. Die Veterinärämter begleiten die Schlachtung. Clauss befragte jüngst 36 Zoos und erfuhr ebenfalls, dass das Schlachten in allen Einrichtungen üblich ist.
Bei den getöteten und anschließend verfütterten Tieren handelte es sich meist um mittelgroße, nicht domestizierte Wiederkäuer, gefolgt von mittelgroßen Nutztieren, etwa Ziegen aus dem Streichelzoo, berichtet Clauss in einem Fachaufsatz. Als „ungeeignet für die Fütterung“ wurden Menschenaffen angesehen. Das zeigt einmal mehr die moralischen Bedenken, unsere nächsten Verwandten im gesunden Zustand zu töten.
Wer leidet, kann eingeschläfert werden
Eine dritte Strategie zum Management der Zootierbestände kommt schon heute hinzu: Im Fall alter Tiere finden regelmäßig Begutachtungen durch eine Gruppe von Tierpflegern, Tierärzten und weiteren Experten statt. Tiere, die zwei Drittel der Lebensspanne erreicht haben, werden in dieses Verfahren, das sogenannte life cycle assessment, aufgenommen, erklärt Wiemann. Dabei versuchen die Fachleute, die Vitalität der Tiere objektiv zu bewerten. Diskutiert wird etwa, wie viel Futter sie noch zu sich nehmen und wie viel Urin und Kot sie abgeben. Gesunde vitale Tiere fressen gut. Nutzt das Tier alle Liegebretter? Pflegt es sein Fell? Interagiert es mit den Gehegegenossen? Apathisch im Käfig zu liegen und vielleicht sogar von anderen angegriffen zu werden, schlägt mit Minuspunkten zu Buche. Chronische Erkrankungen wie Krebs- oder Nierenleiden wirken sich ebenfalls negativ aus. „Wenn wir im Gremium gemeinsam zu dem Entschluss kommen, dass das alte Tier sehr leidet, schläfern wir es ein, wie es bei Hunden oder Katzen auch passieren darf“, sagt Wiemann. Das Tier erhält dann das Standard-Betäubungsmittel Pentobarbital. Ein so verstorbenes älteres Tier darf aber nicht verfüttert werden, da es sonst aufgrund der Arznei in seinem Gewebe andere Tiere vergiften würde.
Auswildern hat Grenzen
Besonders edel mutet es an, wenn Zoos überzählige Tiere dahin zurückgeben, woher sie ursprünglich gekommen sind: in die Natur. Dem Auswildern sind jedoch Grenzen gesetzt, und zwar zunächst einmal administrative: „Kenia möchte nicht einige Hundert Elefanten aus den Zoos geliefert bekommen“, berichtet Clauss. Genauso gibt es finanzielle Hürden: Schon die Veterinärauflagen, der Transport und dann die Begleitung der Auswilderung sind ausgesprochen kostenintensiv.
Auch an praktische Hemmnisse muss gedacht werden: „Man kann nicht ein einzelnes Löwenweibchen in der Savanne aussetzen. Das muss im Familienverband passieren, also mit zwei, drei Geschwistern zusammen“, gibt Wiemann zu bedenken.
Und doch sind Zoos die Wiege der Wiederansiedlung bei einigen Tierarten. Dem Tierpark Hellabrunn in München und dem Zoo in Prag gelang es, das in den 60er Jahren ausgestorbene Przewalski-Pferd mit zwölf Tieren in Gefangenschaft nachzuzüchten. Sie leben mittlerweile wieder in kleiner Zahl in der Mongolei.
Im vergangenen Jahr konnte der Schutzstatus der Säbelantilope auf „gefährdet“ statt „vom Aussterben bedroht“ herabgestuft werden. Die Tiere waren ebenfalls aus dem Bestand in europäischen Zoos nachgezüchtet und über Jahre im zentralafrikanischen Tschad auf ihr Leben in Freiheit vorbereitet worden. Inzwischen vermehren sie sich dort eigenständig.
Auch das Wisent, das bis zum Anfang des vergangenen Jahrtausends in Europa graste, weidet nun wieder in einzelnen Regionen – auch in Deutschland. Naturschutzorganisationen feiern die Rückkehr. Doch die Koexistenz mit dem Menschen ist nicht unverbrüchlich. Waldbesitzer beklagen Baumschäden durch die drei Meter langen Wiederkäuer und fordern Schadensersatz, so wie es Viehhalter beim Wolf tun. Der Auswilderung sind Grenzen der Akzeptanz in der Bevölkerung gesetzt.
Kompromiss gesucht
Freie Fortpflanzung und Schlachtung sind nur ein besonders aktueller Vorschlag des Reproduktionsmanagements. Für Hildebrandt greift dieser zu kurz: „Da braucht es eine breite Debatte und auch mehr Forschung, was bei welcher Art eigentlich die schonendste Praxis ist“, findet er. Denn die Vorstellungen gehen im Konkreten doch weit auseinander.
Der Europäische Zoo- und Aquarienverband sammelt immerhin Daten über die Verhütungserfahrungen in verschiedenen Tierparks. Nachzulesen ist auf ihren Websites etwa, dass sich Affenweibchen die Spirale – ein mechanisches Verhütungsmittel – schon mal selbst wieder entfernen.
Die Besuchenden erfahren in aller Regel wenig über das Dilemma mit der Fortpflanzung hinter Gittern. Löwendame Zeta litt unter typischen Altersleiden, nämlich unter Arthrose und Nierenproblemen, als sie 2014 eingeschläfert wurde. Der Zoo umschrieb es so: „Aufgrund des hohen Alters und der deutlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes haben wir uns gemeinsam entschieden, sie gehen zu lassen.“ //
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