Text: Kurt de Swaaf
Den Ersten hört man meistens Anfang April – irgendwo im Gebüsch ertönt plötzlich eine schmetternde Vogelstimme. Der Gesang ist durchaus melodiös, kann aber mit bis zu 95 Dezibel Lautstärke nicht wirklich als lieblich gelten. Der Urheber, ein Nachtigall-Männchen, tut damit unmissverständlich den Besitzanspruch auf sein Revier kund und hofft gleichzeitig, eine attraktive Partnerin für die anstehende Brutsaison anzulocken. Letztere dauert normalerweise bis Ende Juni. Schon im August machen sich die Nachtigallen wieder auf den Rückweg zu ihren Winterquartieren, weit weg im tropischen Afrika. Tausende Kilometer Flug, unter anderem quer über die Sahara: eine unglaubliche Leistung für diese im Schnitt nur 20 Gramm schweren Tiere.
Die auf den zoologischen Namen Luscinia megarhynchos getaufte Nachtigall gilt gemeinhin als europäische Art, die Frühlingsreise zu ihren Brutgebieten wird deshalb auch „Heimzug“ genannt.
Doch stimmt das überhaupt? Handelt es sich nicht viel eher um einen afrikanischen Vogel auf Wanderschaft? Vielleicht sollten wir einmal die Perspektive wechseln. „Sie sind nur vier Monate wirklich bei uns“, weiß der Biologe Valentin Amrein von der Universität Basel in Bezug auf die Nachtigallen. Den Rest des Jahres seien diese Fernflieger in ihren Überwinterungsgebieten oder auf dem Durchzug. Und solche Nomaden gibt es viele. Hochrechnungen zufolge brechen jeden Herbst bis zu zwei Milliarden Vögel von Europa aus gen Süden auf – eine echte Massenbewegung.
Zwei Wohnsitze
Valentin Amrein hat die Nachtigallen und deren Reisetätigkeit jahrelang intensiv erforscht. Hinsichtlich ihrer Brutreviere sind die Tiere extrem standorttreu, betont der Experte. Sie kehren immer wieder in dasselbe Gebiet zurück, mitunter sogar zur gleichen Hecke. Auch beim Aufenthalt südlich der Sahara neigen die Vögel offenbar zu Beständigkeit. „Jede Population hat ihre eigenen Winterareale“, erklärt Amrein. Die in der Schweiz und Süddeutschland brütenden Nachtigallen ziehe es stets nach Ghana oder an die Elfenbeinküste, während die aus Bulgarien in Zentralafrika überwintern. Um mehr über das Leben seiner Studienobjekte am westafrikanischen Wohnsitz zu erfahren, ist ihnen der Wissenschaftler hinterhergereist. Vor Ort entdeckte er Luscinia megarhynchos nur in Gebüschlandschaften, die denen der europäischen Brutgebiete recht ähnlich sahen, berichtet Amrein. Vertrautes schafft vermutlich Sicherheit. Junge Nachtigallen verbringen die Winterzeit übrigens häufig mit Singübungen, erzählt Amrein. Sie bereiten sich so auf ihren ersten Auftritt in Europa vor.
Der Zug ist für die Tiere mit enormen Anstrengungen verbunden. Von Stuttgart aus zum Beispiel muss eine Nachtigall mindestens 4.600 Kilometer zurücklegen, um ihr Winterquartier in Zentral-Ghana zu erreichen. Und im nächsten Frühling das Ganze wieder retour. Es braucht also sehr gute Gründe für einen solchen Kraftakt, sonst würde die Evolution dieses Verhalten schnellstens wieder aussortieren.





