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Invasive Eindringlinge im Mittelmeer
In der Nacht ist im Mittelmeer ein Räuber unterwegs, mit seinen imposanten Brustflossen treibt er seine Beute vor sich her und saugt sie schließlich blitzschnell ein: der invasive Rotfeuerfisch. Die Art stammt ursprünglich aus dem Indischen Ozean und fand vor etwa 15 Jahren durch den Suezkanal hierher.
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Text: Paula Sträter
In der Nacht ist im Mittelmeer ein Räuber unterwegs, mit seinen imposanten Brustflossen treibt er seine Beute vor sich her und saugt sie schließlich blitzschnell ein: der invasive Rotfeuerfisch. Die Art stammt ursprünglich aus dem Indischen Ozean und fand vor etwa 15 Jahren durch den Suezkanal hierher.
Heute ist der Rotfeuerfisch längst nicht mehr die einzige gebietsfremde Art im Mittelmeer. Gebietsfremd bedeutet, dass sich eine Art durch den Einfluss des Menschen in einem Gebiet außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets angesiedelt hat. Verursacht sie dort Schäden, gilt sie als invasiv.
Der Rotfeuerfisch gehört zu den rund 500 Tier- und Pflanzenarten, die durch den Suezkanal ins Mittelmeer kamen. Und es werden immer mehr. Das Mittelmeer ist laut dem World Wide Fund For Nature (WWF) das Meer, das sich in den letzten Jahren am schnellsten erwärmt hat. Manche einheimischen Arten wie Haie oder Rochen sind bereits nach Norden ausgewichen. Andere, etwa der Adriatische Stör und der Tiefsee-Kardinalfisch, stehen am Rande des Aussterbens. Im Gegenzug wandern zunehmend tropische Arten aus dem Osten ins Mittelmeer ein und erhöhen als Fressfeinde oder Nahrungskonkurrenten den Druck auf die verbliebenen einheimischen Arten.
Lessepssche Invasion
Seit der Suezkanal im Jahr 1869 eröffnet wurde, verbindet er das östliche Mittelmeer mit dem Roten Meer und dem Indischen Ozean. Anfangs nahmen nur wenige Pflanzen und Tiere den Weg durch den schmalen Kanal. Sie wurden vom hohen Salzgehalt des kleinen und großen Bittersees aufgehalten – zwei Salzwasserseen, die einen Teil des Suezkanals bilden. Doch durch mehrfache Kanalerweiterungen wurde von beiden Seiten immer mehr Meerwasser in die Seen gespült. Der dadurch verringerte Salzgehalt machte den Weg für die invasiven Arten frei. Ihre Bewegung durch den etwa 165 Kilometer langen Suezkanal wird als Lessepssche Migration bezeichnet – benannt nach dem französischen Planer des Kanals. Die Hauptrichtung ist dabei vom sehr nährstoffarmen Roten Meer ins nährstoffreichere Mittelmeer.
Auch Exemplare des orange-weiß gestreiften Rotfeuerfischs (Pterois miles) schwammen vor einigen Jahren durch den Suezkanal ins Mittelmeer. Der Fisch kann bis zu 40 Zentimeter lang werden und verfügt über 18 Giftstacheln. Er hat im Mittelmeer keine Fressfeinde, verfügt aber selbst über eine höchst effiziente Jagdtechnik: Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde kann er eine Verlängerung seines Mauls ausfahren. Dadurch erzeugt er einen Unterdruck, durch den kleine Fische und Krebstiere blitzschnell eingesogen werden. Zudem kann der Rotfeuerfisch einen Wasserstrahl ausspucken und so seine Beute verwirren. Dem haben heimische Tiere nichts entgegenzusetzen.
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Zu den Einwanderungen aus eigener Kraft gesellt sich noch die Invasion als blinder Passagier. Manche Arten heften sich an Schiffsrümpfe und fahren so über weite Strecken mit, andere werden über Ballastwasser eingeführt. Das Ballastwasser pumpen Schiffe vor Beginn ihrer Reise aus dem Meer, um ihre Stabilität zu erhöhen und die Beladung auszugleichen. Im Zielhafen wird dieses Wasser mitsamt allen darin enthaltenen Lebewesen wieder entladen. So können gebietsfremde Arten selbst Regionen am anderen Ende der Welt erreichen.
Das Beispiel der Blaukrabbe (Callinectes sapidus) zeigt, welch verheerende Folgen dies haben kann: Die bläulich glänzende Krabbe kam von der Atlantikküste Nordamerikas durch den Schiffsverkehr ins Mittelmeer und hat dort wie der Rotfeuerfisch keine natürlichen Fressfeinde. Sie selbst wiederum ist eine Allesfresserin. Mit ihren Scheren knackt sie die Panzer und Schalen von Krustentieren und Muscheln. Sie hat so überhandgenommen, dass Fischer vieler Mittelmeeranrainerstaaten berichten, ständig nur noch Blaukrabben zu fangen – vor allem Muscheln ließe sie ihnen immer weniger übrig. Etwa 50 Prozent der italienischen Muschelproduktion waren 2023 durch die Blaukrabbe beeinträchtigt, was einen wirtschaftlichen Schaden von etwa 100 Millionen Euro verursachte. Daher werden in Italien nun täglich mehrere Tonnen Blaukrabben gefangen und entsorgt. Daneben gibt es auch Bestrebungen, die Blaukrabbe wie in den USA und in Asien als Delikatesse zu vermarkten – statt Pasta Vongole dann Pasta Callinectes.
Verlust heimischer Arten
Vor allem im östlichen Mittelmeer bricht die Biodiversität der heimischen Arten zunehmend ein. In den wärmsten Bereichen des Mittelmeeres betragen heute im Sommer die Meereoberflächentemperaturen teils über 30 Grad Celsius. „Einerseits kommt es zu klimatischen Bedingungen, die die Toleranz der heimischen Arten überschreiten, und andererseits zu einer Simplifizierung der Strukturen des marinen Lebensraums“, sagt der italienische Meeresbiologe Paolo Albano.
Für die Veränderung der marinen Strukturen ist unter anderem der Kaninchenfisch verantwortlich. Der Fisch kam ebenfalls durch den Suezkanal und ernährt sich ausschließlich von Algen. Er vermindert dadurch den Algenbewuchs und verhindert das Nachwachsen der Pflanzen. Dadurch verödet die Unterwasserlandschaft und bietet anderen Arten keine Verstecke oder Orte für den Nachwuchs mehr.
Paolo Albano forscht am Institut Stazione Zoologica Anton Dohrn in Neapel. Im Jahr 2021 veröffentlichte er ein Paper zum Bestand heimischer Weichtierarten im östlichen Mittelmeer: Gemeinsam mit seinem Team hatte er zuerst mit paläontologischen Methoden – mittels Auswertung von Weichtierschalen und ihrer Schichtung am Meeresboden – rekonstruiert, welche Biodiversität in der Vergangenheit in einem warmen Wasserbereich vor der israelischen Küste bestanden hatte. Anschließend untersuchten die Forschenden, welche heimischen Weichtierarten aktuell in der Region vorkommen. Das Ergebnis war erschreckend: 85 bis 90 Prozent der früher in der Region verbreiteten Arten waren verschwunden.
„Selbstverständlich kommt es in natürlichen Systemen immer zu einer gewissen Variation. Man erwartet also nie, 100 Prozent der Arten zu finden“, sagt Albano. „Dieses Ergebnis ist jedoch das absolute Gegenteil: Wir fanden fast 100 Prozent nicht. Das verdeutlicht das Ausmaß der Veränderung und ist der Grund, warum wir von einem Kollaps der heimischen Arten sprechen.“ In den warmen Gewässern nördlich von Zypern entdeckten die Wissenschaftler eine ähnliche Entwicklung. Die wärmsten Meeresbereiche vor der Türkei, dem Libanon und anderen östlichen Mittelmeeranrainerstaaten haben sie zwar noch nicht untersucht, Paolo Albano ist jedoch davon überzeugt, dass die Ergebnisse dort ähnlich wären.
Stabilere Situation im Westen
Das westliche Mittelmeer wiederum befindet sich noch in einem vergleichsweise guten Zustand. Albano untersuchte auch Gewässer vor der französischen Insel Korsika und der italienischen Insel Ischia vor Neapel: Dort ließ sich weiterhin eine hohe heimische Biodiversität beobachten. Der Meeresbiologe ist sich jedoch sicher: „Solange die Temperaturen weiterhin steigen, wird sich das Muster aus dem östlichen Mittelmeer auch in die westlichen Gewässer verschieben.“
Invasion atlantischer Arten
Zudem könnte in wenigen Jahrzehnten eine weitere Art der Invasion zu den bestehenden hinzukommen: Die Invasion tropischer atlantischer Arten durch die Straße von Gibraltar. Da das Mittelmeer und der Atlantik auf natürliche Weise miteinander verbunden sind, finden sich um Gibraltar immer auch Arten – vor allem Fische – aus dem Atlantik im Mittelmeer. Das ist normal in Gebieten, in denen biogeografische Regionen ineinander übergehen. „Was wir nun jedoch erwarten, ist das Eindringen eines ganzen Pools aus rein tropischen Arten aus den Wassergebieten westlich Afrikas“, berichtet Paolo Albano.
Aktuell sind die atlantischen Gewässer vor Mauretanien und Marokko noch relativ kühl. Dadurch ist die Verbreitung tropischer atlantischer Arten gen Norden blockiert. Paolo Albano und sein Team erwarten jedoch, dass diese natürliche Barriere in wenigen Jahrzehnten einbrechen wird und sich den tropischen Arten dann der Weg ins Mittelmeer öffnen wird. Zu dieser Vermutung veranlasst die Wissenschaftler auch der Blick auf Fossilienfunde: Als es vor 135.000 bis 116.000 Jahren zu ähnlichen klimatischen Verschiebungen kam wie jenen, die in einigen Jahrzehnten zu erwarten sind, kamen tatsächlich tropische Arten aus dem Atlantik ins Mittelmeer.
Die Wissenschaftler haben auch versucht vorherzusagen, wann diese Rückkehr der tropischen Arten ins Mittelmeer etwa stattfinden könnte. „Unsere Modelle ergaben, dass diese Invasion wahrscheinlich bis 2050 zu erwarten ist“, sagt Albano. Je stärker die globalen Treibhausgasemissionen der kommenden Jahrzehnte ausfallen werden, desto schneller und umfangreicher wird auch diese neue Art der biologischen Invasion vonstattengehen.
Politische Maßnahmen
Die tropischen atlantischen Arten werden vermutlich genau wie die indopazifischen im Mittelmeer gut gedeihen, sobald sie dort eintreffen. Was also lässt sich gegen die biologischen Invasionen unternehmen? Viele Mittelmeeranrainerstaaten versuchen, der Entwicklung über die Fischerei oder das Sporttauchen entgegenzuwirken: Die Türkei setzte 2021 beispielsweise ein Kopfgeld auf den invasiven Hasenkopf-Kugelfisch aus. Doch das wird die Arten nicht effektiv zurückdrängen. So etwas geht bei marinen Arten ausschließlich in lokal begrenzten Gebieten, darüber hinaus bremst die Aktion nur etwas.
„Das einzige, was wirklich hilft, ist Prävention“, sagt der Biologe Hanno Seebens von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Man müsse vermeiden, dass die Arten überhaupt ins Mittelmeer gelangen. Seebens war Leitautor eines Kapitels über gebietsfremde invasive Arten im 2023 erschienenen Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES. Gemeinsam mit Experten aus 49 Ländern hat er über 20.000 wissenschaftliche Quellen ausgewertet und durch seine Zusammenfassung die Aufmerksamkeit der politischen Entscheidungsträger auf die Gefahren biologischer Invasionen gelenkt. „Das Assessment hat dazu geführt, dass die globale Biodiversitätskrise in der Politik immer häufiger thematisiert wird“, so Seebens. „Es ist jedoch ein langer Prozess, bis sich Staaten zusammenfinden und sich über einen gemeinsamen Gesetzesentwurf einig werden.“
So wie bei der bereits 2017 in Kraft getretenen Ballastwasserkonvention: Die Regelung schreibt vor, wie viele Individuen im Ballastwasser eines Schiffes maximal enthalten sein dürfen, und verringert dadurch die Gefahr weiterer biologischer Invasionen durch den Schiffsverkehr. Praktisch bedeutet das: Filtration, UV-Bestrahlung und Einsatz von Chemikalien. Mittlerweile sind 65 Staaten Vertragsparteien des Übereinkommens, die insgesamt etwa 74 Prozent des Seefrachtaufkommens repräsentieren.
Neben dem Ballastwasser sollte man laut Seebens aber auch den Bewuchs an Schiffsrümpfen stärker kontrollieren. „Daran sind sogar die Schiffseigner interessiert, da die Schiffe durch den Bewuchs langsamer fahren und so mehr Energie verbrauchen“, sagt Seebens. Die Schiffsrümpfe zu reinigen, ist jedoch finanziell und technisch ein großer Aufwand – nicht zuletzt weil die Schiffe dafür häufig aufs Trockendock gelegt werden müssen.
Refugien zum Erhalt der heimischen Biodiversität
Für Paolo Albano besteht die größte Hoffnung für den Erhalt der heimischen Biodiversität im Schutz spezieller Regionen des Mittelmeeres, in denen sich das Wasser langsamer erwärmt und die daher als Refugien für heimische Arten dienen können. So etwa der südliche Teil Zyperns. Während die Gewässer im Norden besonders warm sind, sind sie im Süden des Inselstaats verhältnismäßig kühl. Denn Winde, die vom Land aus gen Süden über das Meer ziehen, drücken die obere Wasserschicht weg. Dadurch steigt kaltes Wasser aus den Tiefen nach oben und die Wassertemperatur ist dauerhaft niedriger als in den meisten anderen Regionen des östlichen Mittelmeeres.
Paolo Albano hat mit seinem Team das Gebiet untersucht und dort eine deutlich gesündere Zusammensetzung heimischer Arten vorgefunden als in den warmen nördlichen Gewässern Zyperns. Regionen wie diese könnten daher als Zufluchtsorte für heimische Arten dienen und so die heimische Biodiversität schützen, sagt Albano und fordert: „Die Gebiete sollten unbedingt identifiziert und ihr Schutz sollte von der Politik priorisiert werden.“
Doch was auch immer jetzt unternommen wird: Da sich alle Treiber der biologischen Invasion ausweiten, wird auch die biologische Invasion im Mittelmeer weiter zunehmen. Einzelne Maßnahmen können die Invasionen vielleicht etwas eindämmen, „trotzdem sollten wir uns darauf einstellen, dass sich verändern wird, was wir fischen, was wir im mediterranen Raum essen und was wir im Mittelmeer sehen“, sagt Paolo Albano. Wer gerne Schnorcheln geht, kann sich also künftig darauf einstellen, dabei immer häufiger invasiven Rotfeuerfischen und anderen neuen Arten zu begegnen.
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