Auf beiden Seiten rauscht der stinkende Stadtverkehr an ihnen vorbei: Die Straßenmittelstreifen gehören zu den unwirtlichsten Grünflächen, die Städte zu bieten haben. Doch auch an diesen Extremstandorten sind die Bemühungen, wieder mehr Natur in Siedlungsgebiete zu bringen, offenbar nicht vergebens: Seit ein paar Jahren loten Forscher im Projekt „Stadtgrün“ in Berlin aus, inwieweit sich die Straßenmittelstreifen der Stadt mit heimischen Pflanzenarten begrünen lassen. Dabei zeigte sich, dass einige Gewächse auch mit den enormen Herausforderungen dieses Lebensraums zurechtkommen: Sie können Schadstoffen, Streusalz, Trockenheit und geringer Bodenqualität trotzen.
Es kreucht und fleucht divers
Zumindest was die Flora betrifft, lassen sich diese Extrem-Flächen dadurch natürlicher gestalten. Doch inwieweit können sie auch Insekten ein Zuhause bieten? Dieser Frage ist ein Team um Frank Koch vom Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung in Berlin (MfN) nachgegangen. Seit 2017 haben die Forschenden die sechsbeinigen Bewohner auf drei Versuchsflächen des Projekts unter die Lupe genommen: Im zwei-wöchentlichen Turnus haben sie auf dem Mittelstreifen in der Frankfurter Allee, Adlergestell und Heerstraße die dort lebenden Insekten erfasst.

Wie das MfN nun berichtet, fanden die Forschenden an allen drei Standorten eine Artenvielfalt vor, die ihre Erwartungen deutlich übertraf. Sie konnten insgesamt rund 400 verschiedene Insektenarten aus sechs verschiedenen Ordnungen nachweisen. Darunter waren nicht etwa nur bekannte Überlebenskünstler. Auf den naturnah bepflanzten Flächen konnten sich offenbar sogar einige Spezies ansiedeln, die auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehen. Sogar die in Berlin und Brandenburg ausgestorben geglaubte Heuschreckensandwespe (Sphex funerarius) entdeckte das Team auf den Mittelstreifen. Ein weiterer unerwarteter Fund glückte den Forschenden in der Heerstraße: Dort konnte auf dem Mittelstreifen die Wildbienenart Hylaeus intermedius erstmals für Deutschland nachgewiesen werden.
Isolierte Biotope
Warum sich die Grünflächen zwischen den Fahrspuren zu derart belebten Biotopen entwickeln konnten, hat neben der Pflanzenmischung mit ihrer isolierten Lage zu tun, erklärt Koch: „Mittelstreifen werden von Fußgängern und bestimmten Tieren gemieden und konnten so zu geschützten Habitaten werden“, so der Wissenschaftler. Offenbar kommen diese Lebenswelten mit den Schadstoffbelastungen, der heißen Asphalt-Luft im Sommer und dem Streusalz im Winter zurecht. Weitere menschliche Störquellen könnten allerdings problematisch sein, betont Koch. Eine Gefahr für die Mittelstreifen-Habitate sieht er dabei vor allem in der Pflege der Grünstreifen: Nicht nur würde den Insekten durch übertriebenes Mähen die Nahrungsgrundlage entzogen werden, mahnt der Insektenforscher, „es ändern sich auch schlagartig die bevorzugten abiotischen Faktoren wie etwa Temperatur, Feuchtigkeit und Licht“, so Koch.





