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Mirasaura: »In der Trias war einfach alles möglich«
Mirasaura grauvogeli lebte vor 247 Millionen Jahren. Der Saurier zeigt neuartige, komplexe Hautauswüchse, die andere Strukturen aufweisen als Federn bei Dinosauriern und Vögeln. Stephan Spiekman erklärt, warum dieser Fossilienfund aus dem Elsass von herausragender Bedeutung für das Verständnis der Evolution ist.
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Interview: Salome Berblinger
natur: Herr Dr. Spiekman, wo ist Mirasaura im Stammbaum der Reptilien denn einzuordnen?
Spiekman: Mirasaura gehört zu den Drepanosauriern. Sie kennen wir nur aus der Trias – und sie alle haben eine besondere Anatomie. Sie sind perfekt angepasst an ihr Leben in den Bäumen. So haben sie zum Beispiel einen langen Schwanz, dessen Ende gekrümmt ist. Damit konnten sich die Tiere an den Ästen festhalten. In der aktuellen Studie zeigen meine Kollegen und ich, dass sich die Drepanosaurier in der Evolution schon sehr früh von anderen Reptilien abgezweigt haben – und zwar noch vor dem Ursprung von allen heute lebenden Reptilien wie Schildkröten oder Krokodilen. Das haben wir allein durch anatomische Vergleiche herausgefunden. Wir verwendeten dazu eine Analyse mit 340 Merkmalen, untersucht bei 64 Arten.
Was sagt der Fund über das „Comeback“ nach dem Massensterben an der Perm-Trias-Grenze und die damaligen Ökosysteme aus?
Die Welt nach dem Massensterben zu Beginn der Trias war nahezu leer. Reptilien haben die Chance für Innovation genutzt und die ökologischen Lücken neu gefüllt. Es haben sich viele Arten entwickelt: neben Schildkröten und Krokodilen zum Beispiel auch Eidechsen. Sehr wahrscheinlich war diese Diversität entscheidend dafür, dass Reptilien in der Lage waren, verschiedene Umgebungen einzunehmen, vom Meer bis zur Wüste. Ich denke außerdem, dass Reptilien in ihrer Physiologie divers waren: Das Bild von kaltblütigen Reptilien, wie wir es heute haben, gilt für damals nicht. In der Trias-Zeit hatten die ersten Krokodile einen viel höheren Metabolismus und so einen hohen Energieverbrauch. Sie mussten viel essen, um schnell zu wachsen. Diese evolutionäre Flexibilität, sich an neue Umweltbedingungen anzupassen, ist meiner Meinung nach die Hauptursache für ihren Erfolg. Der Fund von Mirasaura unterstreicht diese These.
Auffällig ist der Rückenkamm von Mirasaura grauvogeli. Ihr Team hat diese Hautauswüchse erstmals erklärt. Wozu dienten sie dem Reptil?
Es gab mehrere Vermutungen: zum Fliegen oder Gleiten etwa. Das haben wir aber ausgeschlossen, weil ein mittig auf dem Rücken platzierter Kamm dafür unpraktisch ist. Außerdem fehlen an der Stelle unterstützende Arm- oder Rippenknochen, wie wir es von anderen fliegenden Lebewesen kennen. Ähnlich wie bei Spinosaurus oder anderen berühmten Dinosauriern könnte der Kamm wiederum auch zur Thermoregulation dienen, also um Hitze abzugeben. Da es sich bei Mirasaura allerdings um einen Hautauswuchs vergleichbar zu Haaren oder Federn handelt, durch die kein Blut fließt, entfällt auch diese Option. Auch zur Isolation ist die Struktur nicht geeignet, dafür steht sie zu weit vom Körper ab. Dann bleibt nur die Möglichkeit, dass der Kamm zur Schau da war. Zum Beispiel könnte Mirasaura damit Partner beeindruckt oder Konkurrenz abgeschreckt haben. Da wir bislang keine Fressfeinde am Fundort entdeckt haben, halten wir Letzteres für am wahrscheinlichsten.
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Stephan Spiekman erforscht am Naturkundemuseum Stuttgart Reptilien aus der Trias. Der Paläontologe ist Hauptautor der im Juli 2025 in der Fachzeitschrift Nature erschienenen Studie über den Wundersaurier Mirasaura grauvogeli.
Die Fossilien des Urzeittieres sind bis zum 7. Juni 2026 in der Sonderausstellung „Triassic Life – Aufbruch in die Welt der Saurer“ im Naturkundemuseum am Löwentor in Stuttgart zu sehen.
Was unterscheidet die Hautauswüchse von Federn und Haaren?
Federn und auch Haare wachsen aus einem Follikel. Bei Haaren handelt es sich um einen relativ einfachen Haufen toter Zellen. Bei Federn ist die Struktur viel komplizierter: Im Follikel wird ein Ring geformt, aus dem ein Zylinder wächst. Dieser Zylinder verzweigt sich dann, und es entsteht der Schaft mit Federästen und Bogenstrahlen auf beiden Seiten. Beim Hautauswuchs von Mirasaura gibt es auch eine zentrale Struktur, an beiden Seiten umgeben von einer Membran. Der große Unterschied sind die vielen Verzweigungen, die es bei Federn gibt, beim Rückenkamm aber nicht. Das ist in zweifacher Hinsicht interessant: Erstens, dass sich mehrfach in der Evolution solche komplexen Strukturen entwickelt haben. Das ist eine riesige neue Entdeckung. Zuvor war das nur für die Linie der Dinosaurier bekannt. Und zweitens, dass der Werkzeugkasten, um solche Strukturen auszubilden, folglich schon viel früher in der Evolution von Reptilien vorhanden war als bislang gedacht.
Könnten ähnliche Strukturen wie bei Mirasaura auch bei anderen fossilen Tiergruppen existiert haben – vielleicht sogar bei Arten, die wir bisher als unspektakulär einordnen?
Wir wissen nun, dass es wahrscheinlich bei allen Reptilien die Möglichkeit für solche komplexen Hautauswüchse gibt. Ich hoffe, dass die Forschung dem ab jetzt mehr Aufmerksamkeit schenkt. Wenn man weiß, dass es etwas geben könnte, dann sucht man danach und findet es auch. In der Trias war einfach alles möglich, es war ein evolutionäres Experiment. Es gab sogar zweibeinige Krokodil-Vorfahren. Der Ursprung aller jetzt lebenden Reptiliengruppen liegt in der Trias – und hinzu kommen merkwürdige Wesen wie Mirasaura. Bei nur einer einzigen weiteren Art sind bislang vergleichbare Hautauswüchse bekannt: Longisquama insignis, was übersetzt so viel bedeutet wie „auffallend lange Schuppe“. Die Fossilien des Reptils wurden vor Jahrzehnten entdeckt und beschrieben. In der Studie über Mirasaura konnten wir Longisquama aufgrund der Ähnlichkeiten nun ebenfalls sicher den Drepanosauriern zuordnen und klarstellen, dass – anders als es der Name vermuten lässt – der Kamm dieses Tieres weder aus Schuppen noch aus Federn besteht.
Für die Studie haben Sie sogenannte Melanosomen untersucht. Was ist das?
Melanosomen sind winzige Zellorganellen. Mit bloßem Auge betrachtet lässt die braune Schicht auf den Fossilien sie erahnen. Unter einem Rasterelektronenmikroskop erkennen wir dann langförmige Strukturen. Das verrät uns ein weiteres Detail über das Aussehen von Mirasaura: Melanosomen speichern nämlich das Pigment Melanin. Das gibt es hauptsächlich in zwei Varianten, und bei Mirasaura scheint vor allem Eumelanin bestimmend gewesen zu sein: Je mehr davon auch in menschlicher Haut ist, desto dunkler ist sie. Ob allerdings die Farbgebung unseres Paläoartists für die Bilder von Mirasaura treffend ist, können wir nur vermuten, denn weitere Pigmente sind nicht erhalten. Ein dunkles Grün als Tarnfarbe im Dickicht liegt nahe – und ein bunter Kamm zur Schaustellung ebenfalls. Wir haben außerdem herausgefunden, dass die Melanosomen des Rückenkamms von Mirasaura denen in Federn ähnelten. Auch wenn es sich bei den Hautauswüchsen nicht um Federn handelte, könnten sie also immerhin durch vergleichbare evolutionäre Prozesse entstanden sein.
Heute gibt es keine Reptilien mit Hautauswüchsen mehr, wie sie bei Mirasaura und Longisquama gefunden wurden. Warum?
Leider wissen wir noch nicht genug über Drepanosaurier, um diese Frage sinnvoll beantworten zu können. Am Ende der Trias kam es zu einem weiteren Massenaussterben – nicht so groß wie das am Ende des Perms, aber dennoch eines der Big Five. Daher ist es keine Überraschung, dass die Drepanosaurier nicht überlebten. Trotzdem kann man nicht sagen, dass sie ein erfolgloses Experiment der Evolution waren. Mirasaura ist mit 247 Millionen Jahren der älteste bekannte Drepanosaurier. Avicranium ist der jüngste bekannte Drepanosaurier, er ist zwischen 200 und 210 Millionen Jahre alt. Das bedeutet, dass die Gattung, vorsichtig geschätzt, mindestens 37 Millionen Jahre existiert hat – viele, viele Jahre mehr also als etwa der Mensch bisher.
Sie haben insgesamt 82 Fossilienstücke von Mirasaura analysiert. Welche weiteren Methoden kamen dabei zum Einsatz?
Nur in einem der Fossilien ist der Schädel komplett erhalten, allerdings unglaublich klein. Er hat eine Länge von nur eineinhalb Zentimetern, so groß wie mein Daumennagel. Und weil er natürlich im Gestein platt gedrückt wurde, ist er weniger als einen Millimeter dünn. Um den Schädel zu rekonstruieren, haben wir deshalb Mikro-Computertomografie genutzt. Mit dem Teilchenbeschleuniger The European Synchrotron Radiation Facility im französischen Grenoble sind 3D-Bilder in sehr hoher Auflösung entstanden, die wir nach Belieben rotieren und so den Schädel von allen Seiten betrachten können. Die Schnauze von Mirasaura ist lang und spitz. Sie diente ihr vermutlich dazu, in engen Baumhöhlen nach Insekten zu suchen. Bei der Analyse des Schädels haben wir außerdem eine Fontanelle entdeckt, wie wir sie von menschlichen Babys kennen. Es muss sich also um ein Jungtier handeln. Wie groß Mirasaura ausgewachsen war, können wir auf Basis der aktuell vorhandenen Fossilien noch nicht sicher sagen. Als Art in der Gruppe der Drepanosaurier könnte sie bis zu einem halben Meter lang gewesen sein.
Wie geht die Forschung an Mirasaura weiter?
Als Nächstes werden sich vor allem meine Kollegen mit geologischem Fachwissen verstärkt mit Mirasauras Fundort im Elsass beschäftigen. Fragestellungen sind zum Beispiel: Wie ist es möglich, dass Weichteile wie der Rückenkamm so gut erhalten sind? Warum finden wir an diesem Ort so viele Pflanzen und Insekten, die normalerweise schlecht erhalten sind? Wir wollen noch besser analysieren, wie Mirasauras Umgebung aussah und sich über die Hunderttausende Jahre verändert hat. Ich persönlich werde mich in nächster Zeit voraussichtlich aber einem anderen Fund widmen: der Urschildkröte Pappochelys. Anders als heutige Schildkröten hatte sie noch keinen Panzer. Ich werde ihre Anatomie mit der anderer Reptiliengruppen vergleichen, um mehr über die Verwandtschaftsverhältnisse zu erfahren.
Grauvogels Wunderreptil
Die Fossilien von Mirasaura grauvogeli wurden bereits Ende der 1930er Jahre von Louis Grauvogel gefunden. Erst vor wenigen Jahren bei der Präparation seiner Sammlung durch das Naturkundemuseum Stuttgart wurde das kleine Reptil entdeckt, erforscht und nach seinem Finder benannt: Grauvogels Wunderreptil. Bei den Untersuchungen haben die Forschenden eine riesige Entdeckung gemacht: Im Fokus stehen die sonderbaren Hautauswüchse auf dem Rücken des Tieres (im Bild illustriert).
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