Text: Klaus Sieg, Fotos: Martin Egbert
Früher Morgen in Ugandas Hauptstadt Kampala. Die eben erst aufgegangene Sonne schafft noch nicht mehr als ein milchig blaues Licht. Schon bald aber wird sie grell und stechend aus dem Zenit brennen. Auch Abgase, Lärm und Verkehrschaos halten sich noch in Grenzen.
Jeniffer Ayebare und die anderen Frauen vom Uganda Women Birders Club warten bereits an einem Kleinbus. Die Polster im klapprigen Gefährt, das die Frauen für die Exkursion gemietet haben, sind schmutzig und zerschlissen, die Seitentür verbeult. Der ausgelassenen Stimmung tut das keinen Abbruch. „Woher hast du denn das neue Fernglas“, ruft eine der Frauen voller Bewunderung. „Da muss ich wohl heute besonders drauf aufpassen“, antwortet Machline Komujuni und wirft lachend den Kopf zurück. Dann drückt sie demonstrativ das neue Fernglas gegen ihr T-Shirt.
Mit Fernglas zum Victoriasee
Seit drei Jahren ist die 28-Jährige Mitglied in dem nach eigenen Angaben ersten Ornithologinnen-Klub Afrikas. „Ich war immer schon sehr interessiert an der Natur und an der Vogelbeachtung“, sagt sie und faltet die Hände, um ein Gebet für das Gelingen der Exkursion zu sprechen. Die anderen Frauen bedanken sich mit Klatschen. Dann ruckelt der Kleinbus los und fädelt sich in den mittlerweile vollends erwachten Verkehr auf der vierspurigen Jinja Road.
Ein Gebet kann auf den Straßen Kampalas nicht schaden. Unzählige überbelegte Kleinbusse kämpfen sich durch das Chaos. Jeder Zentimeter vorwärts zählt. Übertroffen werden sie in ihrem riskanten Fahrstil nur von den halsbrecherischen Manövern der Motorradtaxis. Auf der Sitzbank so eines Bodabodas quetschen sich nicht selten drei Personen. Häufig wird auf den Zweirädern auch noch etwas transportiert, eine Leiter, ein Regal oder das Gewehr eines Wachmanns auf dem Weg zur Arbeit.
Für die Frauen im Kleinbus gehört das zum Alltag. Sie beachten das Chaos nicht weiter. Lieber tauschen sie Neuigkeiten aus, fachsimpeln über Kameras, Ferngläser und die Bestimmungs-App E-Bird oder blättern im dicken Nachschlagewerk über die Vögel Ostafrikas. Regelmäßig treffen sie sich zu Exkursionen, um die einmalige Vogelwelt Ugandas zu erkunden: in Savannen von Nationalparks, im Gebirge oder an Flussauen. Heute geht es auf den Victoriasee, dessen Nordufer von der Hauptstadt in nur einer halben Stunde Autofahrt zu erreichen ist. Der größte See Afrikas ist die Heimat zahlreicher Vogelarten.
Ornithologinnen aus Leidenschaft
„Wir haben in Uganda insgesamt 1.088 verschiedene Vogelarten“, erklärt Jeniffer Ayebare. „Das sind über dreimal so viele wie in Deutschland – autsch!“, fährt sie mit einem frechen Lachen fort. Die 23-Jährige hat die Exkursion organisiert und ist vogelverrückt im besten Sinn. Klingelt ihr Mobiltelefon, ist der Ruf der Hochland-Grasmücke (Sylvia abyssinica) zu hören. Das melodiöse, manchmal etwas kratzige Trillern mit den häufigen Tonwechseln ähnelt den Gesängen von Drosseln. Gerne trägt Jeniffer Ayebare ein T-Shirt, auf dem ihr Lieblingsvogel zu sehen ist, der Riesenturako (Corythaeola cristata) – ein singfreudiger, sehr großer Vogel mit schwarzem Kamm und oberseits bläulichem, unterseits rot-gelbem Gefieder. „Als ich ihn das erste Mal in einem Baum entdeckt habe, hielt ich ihn für einen Affen“, räumt sie ein.





