Text: Oliver Abraham
Der Anblick ist fantastisch und unbegreiflich zugleich: riesige Säle mit gigantischen Eisfiguren, meterhohe Vorhänge aus gefrorenem Wasser, glitzernde Eisflächen, die im Nirgendwo zu enden scheinen. Mehrere Tausend Eishöhlen sind weltweit dokumentiert, immer wieder werden neue entdeckt. Doch die Klimaerwärmung bedroht diese magischen wie spektakulären Naturwunder. Historische Fotos und Kupferstiche zeigen Schlittschuhläufer und Spaziergänger auf dem Eis unterirdischer Seen, wo es heute längst keine mehr gibt.
Eishöhlen entstehen typischerweise in Regionen mit einem kalten Klima und ausreichend Niederschlag – wie den Alpen. Eine weitere Voraussetzung ist Kalkgestein, denn es ist weich genug, dass Wasser in Risse und Spalten eindringen kann und durch Erosion Höhlen entstehen. Rund 1200 Eishöhlen gibt es in Österreich. Mehr als drei Viertel von ihnen und zugleich die größten wie die touristisch erschlossene „Eisriesenwelt“, wo 11.000 Quadratmeter Fläche mit Eis bedeckt sind, sind deshalb in den Nördlichen Kalkalpen in Höhen zwischen 1600 und 2200 Metern zu finden, konzentriert auf die Bundesländer Salzburg, Oberösterreich und Steiermark. Weiter oben – zum Beispiel in den Hohen Tauern – wäre es zwar noch kälter, doch herrschen dort andere, nicht zur Höhlenbildung neigende Gesteine wie Gneise oder Schiefer vor.
In Eishöhlen herrscht auch im Hochsommer eine Temperatur knapp am Nullpunkt. Das Prinzip ist Folgendes: Das Gestein speichert die Kälte, dadurch liegen die Temperaturen in der Höhle auch dann noch unter dem Gefrierpunkt, wenn es im Frühjahr draußen bereits taut und Schmelzwasser eindringt. Die eisigen Temperaturen sorgen dafür, dass Wasser gefriert und Skulpturen wie zum Beispiel Eisstalaktiten und Eisstalagmiten bildet. Das größte Eiswachstum dieser Art findet im Frühjahr statt, wenn das Schmelzwasser des Winterschnees in die maximal gekühlte Höhle sickert – also sehr kaltes Wasser, und nicht bereits wärmeres Sickerwasser aus Regenfällen.
Wobei zwei Typen von Eishöhlen zu unterscheiden sind. Statische Eishöhlen (mit wenig Luftbewegung) funktionieren nach dem Prinzip einer Kältefalle. Sie haben nur einen Eingang und führen steil oder schräg nach unten. Da kalte Luft schwerer ist als warme, fließt sie wie Wasser nach unten, während warme Luft aufsteigt. So sinkt im Winter die kalte Luft, die durch den Eingang eindringt, nach unten und kühlt die Höhle so stark ab, dass sich das Eis das ganze Jahr über hält. In der Hochscheid-Eishöhle im Höllengebirge in Oberösterreich und dem Kraterschacht im oberösterreichischen Sengsengebirge haben sich so Eisschichten von bis zu 70 Metern Dicke gebildet.
Etwas komplizierter sind die Prozesse in dynamischen Eishöhlen, in denen ein intensiver Austausch der Luftmassen stattfindet, so dass Besucher den Luftzug oft deutlich spüren. „Diese Systeme haben mindestens zwei Eingänge, die sich auf verschiedenen Höhen befinden“, erklärt der Geologe Christoph Spötl von der Universität Innsbruck. Da die Luft im Inneren der Höhle im Winter wärmer ist als die Außenluft, kommt es zum sogenannten Kamineffekt. „Die Höhlenluft steigt im Berginneren auf und entweicht am oberen Eingang, während die kalte Luft von außen durch den tiefer gelegenen Eingang gewissermaßen eingesaugt wird.“ Tritt nun durch Risse und Spalten im Fels Sickerwasser in diesen heruntergekühlten Höhlenteil ein, bilden sich Eisformationen, die das ganze Jahr bestehen bleiben können.





