In Leipzig arbeiten Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit der Stadtverwaltung an der Verkehrswende. In einem Stadtteil versuchen sie nun, den Autoverkehr zu reduzieren und mehr Raum für Mensch und Natur zu schaffen.
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Text: Stephanie Eichler
Leipzig-Volkmarsdorf, ein belebtes Wohnviertel im Osten der Stadt: Auf der Hildegardstraße läuft eine Frau mitten auf der Fahrbahn. Bis vor Kurzem wäre das lebensgefährlich gewesen, aber nun stehen hier Sitzbänke, in großen Kübeln wachsen Kräuter, Blumen und Bäume. Bunte Kreise und Zacken auf dem Asphalt sollen Kinder zum Spielen einladen. Autos dürfen nur mit Schritttempo vorbeirollen. Mitten auf der Straße zu laufen oder zu spielen sei inzwischen möglich, sagt die Frau. Ihr Name ist Ariane Jedlitschka. Sie wohnt in der Hildegardstraße und ist Mitglied des Vereins SUPERBLOCKS Leipzig e. V. Jedlitschka läuft auf eine Kreuzung zu, über die diagonal Pfeiler in den Boden gerammt sind. Autos und Mopeds müssen dort in die Seitenstraße abbiegen. „Früher hatte ich Angst, wenn meine Tochter auf dem Schulweg Straßen überqueren musste, doch jetzt mache ich mir keine Sorgen, wenn sie hier quer über die Kreuzung spaziert“, erläutert Ariane Jedlitschka.
Die Hildegardstraße ist Teil des Superblocks, mit dem Jedlitschka, Mitstreiterinnen und Mitstreiter sowie die öffentliche Verwaltung – zunächst in einem Verkehrsversuch und mittlerweile dauerhaft – das Viertel für Passanten und Anwohnerinnen zurückerobern wollen. Für gewöhnlich sieht es in Deutschland anders aus, Autos dominieren den Straßenverkehr und den öffentlichen Raum zwischen den Häusern. Als Vorbild dient den Menschen in Leipzig das Superblock-Konzept Barcelonas: Dort sind seit 2017 mehrere Wohnblöcke zu Vierteln mit stark reduziertem Autoverkehr zusammengefasst. Viele Kreuzungen wurden begrünt, Bänke und Tische aufgestellt, die zum Verweilen einladen. Diese Gestaltung der Straßen hat dazu geführt, dass es zum Beispiel im Bezirk Poblenou in Barcelona seit der Einführung des Superblocks so gut wie keine Verkehrsunfälle mehr gibt, wie das Umweltbundesamt informiert; die Menschen sind gesünder und ihre Lebenserwartung ist um rund 200 Tage gestiegen.
Zwischen Zustimmung und Kritik
Doch der Superblock in Leipzig erhitzt die Gemüter, berichtet Ariane Jedlitschka. Aus Befragungen weiß sie, dass viele Anwohnerinnen und Anwohner es schätzen, dass sie sich nun direkt vor der Haustür die Füße vertreten können und ein wenig Grün sehen. „Diese Bedürfnisse sind hier besonders ausgeprägt, denn die Hinterhöfe sind grau, die Wohnungen sind klein, aber die Familien oft recht groß“, sagt die engagierte Frau. „Doch viele, die weiterhin wie gewohnt ihr Auto vor dem Haus abstellen wollen, lehnen die Verkehrsberuhigung ab.“
Seit 2021 arbeitet Jedlitschka hartnäckig an der Umsetzung des Superblocks. Damals bewarb sich der Verein SUPERBLOCKS Leipzig e.V. beim Projekt Post-Corona-Stadt des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen mit einer „Vision für ein verkehrsberuhigtes Stadtgebiet“, wie Jedlitschka erzählt. Wie auch Vereine in Berlin, Darmstadt, München oder Stuttgart, setzte er sich zur Europäischen Mobilitätswoche 2022 dafür ein, die Vision einer nachhaltigeren und gerechteren Stadt vor Ort umzusetzen. „Die Verwaltung der Stadt Leipzig hat das Projekt von Anfang an unterstützt“, sagt sie. Und so erhielt Volkmarsdorf schließlich den Zuschlag für einen einjährigen Versuch. Doch um das Verkehrsberuhigungsprojekt wie geplant umzusetzen, mussten die Beteiligten es mit rechtlichen Vorgaben aufnehmen, wie der Straßenverkehrsordnung, die Eingriffe in den fließenden Autoverkehr erschwert: In Zusammenarbeit mit einem Planungsbüro erarbeitete die Stadtverwaltung ein umfassendes Verkehrskonzept für das umliegende Gebiet, das schließlich den Anforderungen entsprach. Die Mühe hat sich gelohnt.
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Im Mai 2023 war es dann so weit: Der Superblock startete als einjähriger Verkehrsversuch. Ein Straßenabschnitt in der Hildegardstraße sowie die angrenzende Kreuzung wurden gesperrt, um die Auswirkungen auf Verkehr und Lebensqualität zu testen. Im April 2024 beschloss der Stadtrat, den Versuch in eine Spielstraße zu überführen. Zudem wurde entschieden, das Projektgebiet um zwei zusätzliche Kreuzungssperren zu erweitern, was im September 2024 erfolgte.
Und es geht noch mehr: Geplant ist, im Frühjahr 2025 einen 40-Meter-Abschnitt vor einer nahe gelegenen Grundschule vollständig für den Durchgangsverkehr zu sperren, um die Sicherheit der Schulkinder zu erhöhen. Auch im benachbarten Stadtviertel Neustadt-Neuschönefeld sind Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung angedacht. Dort sollen vier Diagonalsperren den Autoverkehr einschränken. Zusätzlich wird eine neue Fahrradstraße beide Stadtviertel verbinden und die nachhaltige Mobilität fördern.
Mit den Beschlüssen einher geht ein neuer rechtlicher Rahmen: „In unserem Wohngebiet wird es für Bürgerinnen und Bürger leichter werden, Veränderungen im Straßenraum anzustoßen und durchzusetzen“, erläutert Ariane Jedlitschka. Statt bürokratischer Hürden, die sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter überwinden mussten, gibt es nun direkte Ansprechpersonen bei der Stadt sowie klar definierte Prozesse der Beteiligung.
Verkehrsberuhigt, aber nicht abgeschnitten
Trotz weitreichender Verkehrsberuhigung bleibt der Autoverkehr in den Wohnvierteln weiterhin möglich. Jeder kann weiterhin das eigene Auto nutzen, erläutert Friedemann Goerl, der als Leipzigs offizieller Fußverkehrsverantwortlicher an der Umsetzung des Superblocks beteiligt ist. Er betont, dass jedes Haus im Viertel weiterhin mit dem Auto erreichbar ist. Das sei insbesondere für alte, kranke oder gehbehinderte Menschen wichtig, weil sie nicht einfach aufs Fahrrad umsteigen können. Das Feedback der Seniorinnen und Senioren sei sehr positiv. Sie fühlen sich nun sicherer, wenn sie die Straße überqueren. „Auch diejenigen, die den Großteil der Care-Arbeit verrichten, meist Frauen, darunter viele Migrantinnen, befürworten den Superblock“, erläutert Goerl.
Anwohner Leonhard Leichsenring zählt sich ebenfalls zu den Gewinnern des Projekts: „Ich habe eine neue Routine entwickelt“, berichtet der angehende Student. Fast jeden Abend setzt er sich mit einem Getränk draußen auf die bunten Bänke – mal allein, mal mit Freunden. „Auch Bekannte, die ein paar Straßen weiter weg wohnen, nutzen den Superblock als Treffpunkt“, erzählt er. Manchmal wird es dann etwas lauter, was Anwohner, die früh schlafen gehen, stören kann. „Lärm ist ein Thema, aber die Lösung kann nicht sein, Sitzgelegenheiten zu entfernen, weil sie Menschen anziehen“, erklärt Friedemann Goerl. Das Problem liege nicht am Superblock, sondern daran, dass es zu wenig einladende öffentliche Räume gibt. Mehr Superblocks könnten eine Lösung sein.
Ein weiterer Gewinner ist die Müllabfuhr. „Durch die Verkehrsberuhigung gibt es nun grundsätzlich freiere Fahrtwege, was die Sicherheit und Effizienz bei der Leerung der Abfallbehälter verbessert“, sagt Kristin Kolditz von der Stadtreinigung Leipzig. Doch an den Diagonalsperren müssen die Fahrer der Abfallbeseitigungsfahrzeuge aussteigen, Poller entriegeln, umklappen und nach der Durchfahrt wieder aufstellen. „Wir prüfen derzeit, ob sich dieser Aufwand optimieren lässt“, so Kolditz. Auch für Rettungseinsätze ist es jetzt etwas schwieriger – Navigationssysteme müssen die aktuellen Zufahrtswege zeigen, und es muss gut kommuniziert werden, wie sich die neuen Barrieren im Notfall öffnen lassen.
Wiederum ein Gewinner ist der Artenschutz, denn die Bepflanzung in den Kübeln bietet vielen Insekten einen Lebensraum. Dieser ist zwar nur sehr klein, gilt in der Forschung aber als Trittsteinbiotop, das heißt als verbindendes Element zwischen voneinander getrennten größeren Lebensräumen. Im Leipziger Superblock hilft er Schmetterlingen und Wildbienen, besser vom Stadtteilpark Rabet zum Kleingartenverein Buren zu gelangen, und trägt somit zum Arterhalt bei.
Kritik aus der Gastronomie
Bundesweit sind laut Sozialem Nachhaltigkeitsbarometer knapp 55 Prozent der Bürgerinnen und Bürger für Maßnahmen, die zur Verkehrswende beitragen, doch Kritiker verschaffen sich oft mehr Gehör.
Im Leipziger Superblock ist das anders, auch wenn längst nicht alle mit dem Superblock zufrieden sind. „Die Gastronomen kritisierten das Parkverbot“, erzählt Goerl. Gegnerinnen und Gegner des Projekts sammelten 1.200 Unterschriften für eine Petition, um den Stadtrat zum Abbruch zu bewegen. Sie wurden aber von fast doppelt so vielen Unterzeichnern mit einer Petition für die Umsetzung überstimmt.
Die Befürworterinnen und Befürworter sind in Leipzig gut organisiert und werben mit Veranstaltungen wie Bürgergesprächen und Stadtteilrundgängen für das Projekt. Zudem sind die Verantwortlichen bereit, Kompromisse einzugehen: „Nach dem einjährigen Verkehrsversuch haben wir 30 Meter Straße wieder umsortiert“, so Goerl, „um die Bedürfnisse der Gastronomen zu berücksichtigen.“ Vor drei Restaurants richtete das Mobilitäts- und Tiefbauamt Ladelieferzonen sowie 16 neue Kurzzeitparkplätze ein. „Der Wirtschaftsverkehr funktioniert nun sogar besser als bisher, weil der Raum nicht mehr dauerhaft zugeparkt wird“, hat Goerl beobachtet.
Doch Ikram Ocakbaşı, Inhaber des Restaurants Holzkohle, das an die Hildegardstraße grenzt, beklagt, dass Kundinnen und Kunden weiterhin keinen Parkplatz finden. „Sie fahren wieder weg und kommen nie wieder“, berichtet er. Sein Umsatz, der seit der Einrichtung des Superblocks um 20 Prozent geschrumpft ist, sei nicht wieder gestiegen. Er findet, dass Superblocks nur dort umgesetzt werden sollten, wo es keine Restaurants oder Geschäfte gibt.
Auch Anna Vonnemann ist mit der Verkehrsberuhigung nicht einverstanden. Wenn sie zu ihrer Wohnung im Blockgebiet möchte, die sie vermietet, muss sie wegen der Diagonalsperren auf Umwegen in Form von Schleifen durch die Straßen fahren. „Das trägt nicht dazu bei, den Verkehr zu reduzieren“, kritisiert sie. Ihr eigenes Auto hat die Rentnerin zwar bereits abgeschafft. Bei Bedarf borgt sie sich aber einen Wagen eines Carsharing Anbieters. „Die aufwendigen Maßnahmen hätte man sich sparen können, sie sind viel Lärm um nichts“, so Vonnemann.
Studien aus England zeigen aber, dass Maßnahmen wie Blumenkübel auf den Straßen, um das Stadtbild zu verschönern, Kübel mit Bäumen, um das Mikroklima zu verbessern, mehr Radwege und ein verbesserter öffentlicher Personennahverkehr den Autoverkehr in Wohngebieten sogar halbieren können. Doch die Frage, ob der Autoverkehr insgesamt abnimmt oder nur auf die Hauptstraßen umgeleitet wird, ist offen. Der Fußverkehrsverantwortliche Friedemann Goerl sieht das so: „Wenn es unbequem wird, mit dem Auto zum Bäcker zu fahren, um Brötchen zu holen, lassen Menschen es eher stehen“, argumentiert er.
Ins Gespräch kommen
Superblocks sollen die Verkehrswende unterstützen. „Wir brauchen viele Mosaiksteine, um die Kohlendioxidemissionen aus dem Straßenverkehr zu senken“, so Goerl. „Der Verkehr ist der Sektor, der es bisher nicht schafft, seine Emissionen zu reduzieren. Es reicht nicht aus, von Benziner und Diesel auf Strom umzusteigen. Es muss deutlich mehr passieren.“ Goerl will weiterhin das Gespräch mit den Kritikern suchen.
Auch Ariane Jedlitschka möchte direkt auf sie zugehen. Sie sitzt im Superblock auf einer Rundbank, in deren Mitte sich eine Straßenlaterne mit einem solarbetriebenen Lampenschirm befindet – vielleicht ein Symbol für eine umweltfreundlichere Lebensweise, die hier Raum greift. Schon Kindern beizubringen, wie sie sich an gesellschaftlichen Prozessen beteiligen können, ist Jedlitschkas großer Traum – damit es in Zukunft noch öfter gelingt, Kompromisse zu finden und Entscheidungen für nachhaltigere Lebensformen gemeinsam zu treffen.
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