Text: Bettina Wurche
Mit beiden Händen grabe ich eine Handvoll sonnenwarmen Sandes aus dem Boden und lasse ihn zwischen meinen Fingern hindurchrieseln. Auf meiner Handfläche bleibt ein drei Zentimeter langer Knochen mit ovalem Querschnitt zurück: Es ist ein Stückchen Seekuh-Rippe!
Urzeitliche Landschaft
Ich sitze in einer Sandgrube nahe Alzey, 30 Kilometer entfernt von Mainz. Hier sind solche Funde nichts Ungewöhnliches, denn im Oligozän und frühen Miozän erstreckte sich ein Meeresarm der Ur-Nordsee über das Gebiet. Die Wassertemperaturen waren damals deutlich höher und eine Vielzahl wärmeliebender Meeresbewohner bevölkerte das Wasser. Eine bis zu 200 Meter tiefe Meeresstraße erstreckte sich von der Ur-Nordsee bis zum heutigen Schwarzen Meer, in ihr lebten große Hochseetiere. Häufige Funde in den Sandgruben sind darum auch lange, spitze Haifischzähne – hier lebten einst 22 Haiarten, darunter Verwandte der heutigen Weißen Haie.
Da, wo ich heute bin, war damals Strand. Die Bereiche um Mainz, Basel, Kassel und Frankfurt am Main waren sand- und tongefüllte warme Meeresbuchten mit seichten Rändern. An ihnen tummelten sich die Seekühe, die vor rund 30 Millionen Jahren aus dem Südosten in den Meeresarm bei Mainz einwanderten. Entsprechende Fossilienfunde der Tiere sind aus Sandgruben und Weinbergen hier aus dem „Mainzer Becken“ bekannt.

Ansicht auf das Schädeldach von K. bronni. · Foto: © M. Voss (2021): Das Mainzer Becken – Hotspot für Seekühe vor 30 Millionen Jahren, Alzeyer Geschichtsblätter Heft 45: 5–22
Die große Seegrasliebe der Seekühe lässt Paläontologen vermuten, dass Unterwasserwiesen die flachen Küsten um Mainz säumten. Die Theorie verfestigte sich, als sie in Kalkschalen lebende Einzeller, winzige Foraminiferen, fanden: Manche der Arten aus dem Mainzer Becken haben gewellte Unterseiten – bei ihren heutigen Verwandten entsteht dies, weil sie auf Seegräsern sitzen. Ein weiteres Indiz lieferten fossile Wurzelböden, die die Paläontologen entdeckten. Während die oberen Teile der Pflanzen verwesten, wurde ihr Wurzelgeflecht im Meeresboden stellenweise fossilisiert.
Nicht nur die Nahrung, sondern auch die natürlichen Feinde waren vor 30 Millionen Jahren dieselben wie heute: Markante Kratzer und Bissspuren zeigen, dass Raubfische auch Seekühe fraßen. Ob die Spuren von größeren Haien, deren Zähne ebenfalls im Mainzer Becken gefunden werden können, oder von anderen Tieren wie Thunfischen stammen, lässt sich aber heute nicht mehr bestimmen.







