OPERATIONEN GEHEN AM KÖRPER nicht spurlos vorüber. Nach fast allen Eingriffen bilden sich Gewebewucherungen, die schmerzhaft und teilweise sogar lebensgefährlich sein können. Mit modernen Biomaterialen ließe sich dieses Risiko deutlich senken. Aber bislang werden sie selten verwendet.
Wenn der Operationsschnitt zusammenheilt und sich Narben bilden, kommt es im Inneren des Körpers leicht zu Wucherungen und Verwachsungen. Am stärksten neigt das Bauchfell zu solchen „ Adhäsionen”. Dabei werden Gewebeschichten miteinander verbunden, die sonst streng getrennt sind, zum Beispiel das Bauchfell und die Darmwand. Wie die Adhäsionen genau entstehen, ist bisher nicht bekannt. Sicher ist nur, dass Entzündungen eine wichtige Rolle spielen.
Je nachdem, in welcher Region operiert wurde, findet sich wucherndes Narbengewebe bei 50 bis 90 Prozent aller Eingriffe. Am häufigsten nach Darm- oder gynäkologischen Operationen, beispielsweise bei Gebärmuttermyomen oder einem Kaiserschnitt. Matthias Korell, Gynäkologe am Klinikum Duisburg, schätzt, dass jeder dritte Patient nach einer Bauchoperation in den folgenden 10 Jahren wegen Adhäsionen behandelt, oft sogar erneut operiert werden muss. Blähungen und Probleme beim Stuhlgang sind noch die geringeren Folgen. Viele Patienten leiden an ständigen Unterleibsschmerzen. Adhäsionen sind die häufigste Ursache für einen Darmverschluss – akute Notfälle, die bei 10 bis 15 Prozent der Patienten tödlich enden. Auch als Auslöser von Unfruchtbarkeit spielen postoperative Verklebungen im Beckenbereich eine wesentliche Rolle. Hier schnüren die Wucherungen Ei- oder Samenleiter ab.
Seit mehreren Jahren gibt es moderne Methoden, um Adhäsionen zu verhindern:
• Hochvisköse Flüssigkeiten halten das Bauchfell während der Wundheilung von den inneren Organen fern.
• Entzündungshemmende Mittel wie Kortison dämmen den Wucherungsprozess ein.
• Folien, die bei der Operation als Trennschicht eingelegt werden, erzielten bislang die besten Ergebnisse: Durch sie kommt es nur noch halb so oft zu Verklebungen.
Aber, kritisiert Matthias Korell, „im klinischen Alltag werden sie nur sehr sporadisch genutzt”. Einen Grund sieht der Mediziner darin, dass in unserem Gesundheitssystem die Folgekosten, die durch Adhäsionen entstehen, nicht erfasst werden. Deshalb bringe ein erneuter operativer Eingriff dem Arzt mehr Geld ein als die Vorbeugung.
Auch Kai Deusch, Geschäftsführer von MAST-Biosurgery im schweizerischen Zug, kennt das Problem. Seine Firma vertreibt europaweit Anti-Adhäsions-Folien aus polymerer Milchsäure (SurgiWrap). Diese Folien zerfallen im Körper langsam zu Milchsäure, die rückstandslos abgebaut wird. „In Ländern wie Italien oder der Türkei sind unsere Produkte viel weiter verbreitet als in Deutschland.” Viele Chirurgen würden das Problem schlichtweg ignorieren – mit fatalen Konsequenzen für die Patienten, gesundheitlich wie wirtschaftlich. In den USA hat man die Folgekosten von Adhäsionen berechnet: Es sind mindestens drei Milliarden Dollar jährlich. Dr. Ulrich Fricke
MEDINFO im Januar: Alzheimer
COMMUNITY Internet
Entstehung und Verhütung von Adhäsionen (in Englisch):
www.adhesions.org
Internetseite von MAST-Biosurgery:
www.mastbio.com
Lesen
Atul Gawande
Die Schere im Bauch
Aufzeichnungen eines Chirurgen
Goldmann 2003, € 9,90
Eckhard Nagel, Michael Niechzial
Bewertung chirurgischer Therapien
Angemessen – Notwendig – Zweckmäßig Springer 1999, € 54,95
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