Für kleine Kinder ist Hören wichtiger als Sehen: Bekommen sie gleichzeitig Geräusche vorgespielt und Bilder gezeigt, registrieren sie fast ausschließlich die Töne. Je älter sie jedoch werden, desto mehr gewinnt der Sehsinn an Bedeutung, bis er im Erwachsenenalter schließlich die Wahrnehmung dominiert. Diesen Zusammenhang beobachteten Vladimir Sloutsky und seine Kollegen von der Staats-Universität von Ohio in Columbus. Ihre Studien stellen sie in der Fachzeitschrift Child Development (Bd. 75, S. 1387 und S. 1850) vor.
Die Forscher spielten Kindern im Alter von acht Monaten immer wieder die gleichen Bild-Ton-Paare vor, um sie an die Kombinationen zu gewöhnen. Dann veränderten die Wissenschaftler die gewohnten Paare und kombinierten entweder ein neues Bild mit einem bekannten Ton oder einen neuen Ton mit einem bekannten Bild. Die Reaktion der Kinder war eindeutig: Die Veränderung irritierte sie nur dann, wenn der gehörte Ton vom Gewohnten abwich. Veränderte Bilder wurden dagegen vollständig ignoriert.
Ein ähnlicher Test bei Vierjährigen zeigte, dass auch sie sich prinzipiell eher auf Gehörtes als auf Gesehenes konzentrieren. Eine Ausnahme bildeten Darstellungen vertrauter Gegenstände, die die Aufmerksamkeit der Kinder stärker fesselten als unbekannte Töne. Offenbar können Kinder immer nur eine Sinneswahrnehmung verarbeiten, schließen Sloutsky und seine Kollegen aus diesen Ergebnissen. Bei jüngeren Kindern sind das ausschließlich akustische Reize, während etwas ältere zwischen akustischen und visuellen Wahrnehmungen hin- und herschalten können. Erwachsene schließlich können beide Arten von Reizen gleichzeitig wahrnehmen, konzentrieren sich aber eher auf die visuellen.
Die Vorliebe für Geräusche hat sich bei Kindern wahrscheinlich deswegen entwickelt, weil Töne im Gegensatz zu den meisten visuellen Reizen nur kurzfristig existieren, vermuten die Forscher: Wenn ein Ton ignoriert wird, ist er häufig unwiederbringlich verschwunden. Um Sprache zu lernen, müssen Kinder jedoch so viele verschiedene Laute wie möglich aufnehmen, was durch die bevorzugte Verarbeitung von Tönen erleichtert wird.
ddp/bdw ? Ilka Lehnen-Beyel





