Honigbienen legen auf ihren Sammelflügen erstaunliche Strecken zurück. Zwischen Stock und Futterquelle können es mehrere hundert Meter oder sogar Kilometer sein. Damit sie diese Wege zuverlässig bewältigen, nutzen sie verschiedene Formen der Orientierung. Sie beziehen Informationen aus ihrer Umgebung, merken sich zurückgelegte Distanzen und behalten ihre Flugrichtung im Blick. Trotz jahrzehntelanger Forschung ist aber noch immer nicht vollständig verstanden, wie genau diese Navigation funktioniert, vor allem, weil sich die Flugwege einzelner Bienen in freier Landschaft nur schwer präzise verfolgen lassen.

Jede Biene fliegt ihre eigene Route
Ein Forschungsteam um Rachael Stentiford von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg hat das nun genauer untersucht. Um die Bienen auf ihrer jeweiligen Route gezielt beobachten zu können, verwendeten die Forschenden das „Fast Lock-On (FLO) Tracking“. Dabei wird ein kleiner, stark reflektierender Marker am Insekt befestigt. Ein Bildsensor richtet sich darauf aus und beleuchtet ihn mit Infrarotlicht. So kann eine einfache Bildauswertung die Biene innerhalb weniger Millisekunden zuverlässig finden und im Blick behalten. „Unser Trackingsystem macht es erstmals möglich, hochaufgelöste 3D-Flugbahnen von Honigbienen in natürlichen Landschaften aufzuzeichnen“, erklärt Seniorautor Andrew Straw von der Universität Freiburg.
Die Analysen ergaben: „Unsere Aufnahmen lassen erkennen, dass jede Biene ihre eigene bevorzugte Route hat und diese sehr genau abfliegt. Man könnte fast sagen, jede Biene besitzt ihre eigene Persönlichkeit.“ Die analysierten 255 Flugrouten führten durch eine Landschaft am Kaiserstuhl, mit Hecken, einem Maisfeld und einem Baum, der den direkten Weg zwischen Bienenstock und Futterquelle blockierte. „Wir konnten eine sehr hohe Präzision der Flugbahnen innerhalb der gewählten Wege ermitteln. Einzelne Bienen haben ihre individuellen Flugwege bei mehreren Flügen genau wiederholt. Oft fliegen sie nur wenige Zentimeter von ihren vorherigen Routen entfernt vorbei“, erklärt Straw.
Am treffsichersten flogen die Bienen dort, wo es in der Landschaft etwas gut Wiedererkennbares gab, zum Beispiel in der Nähe eines markanten Baumes. Über dem Maisfeld sah das anders aus, denn weil dort alles ziemlich gleich aussieht, variierten die Flugrouten deutlich stärker. Klare Orientierungspunkte helfen den Bienen demnach, ihren Weg genau zu treffen. Wo die Umgebung eintönig ist, wird das Navigieren für sie schwieriger.
Gute Orientierung trotz ungenauem Schwänzeltanz
Die Studie liefert zudem neue Hinweise zur Interpretation des Schwänzeltanzes, mit dem Honigbienen ihren Artgenossinnen Futterquellen anzeigen. „Bisher war bekannt, dass die Richtungsangaben im Schwänzeltanz nicht ganz präzise sind“, erläutert Straw. Für Futterquellen in etwa 100 Metern Entfernung können die Richtungsangaben des Schwänzeltanzes um rund 30 Grad abweichen.
Die neuen Ergebnisse zeigen jedoch, dass einzelne Bienen viel genauer navigieren können, wenn sie ein bekanntes Ziel anfliegen. Selbst dort, wo ihre Flugrouten am stärksten variieren, weichen sie im Durchschnitt nur wenige Grad von ihrem gewohnten Weg ab. Die vergleichsweise ungenauen Angaben im Schwänzeltanz liegen also offenbar nicht daran, dass Bienen schlecht orientiert sind – tatsächlich bewegen sie sich deutlich präziser durch ihre Umgebung, als es ihre Tänze vermuten lassen.
Quelle: Universität Freiburg; Fachartikel: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2026.01.045





