Washington. Mäuse besitzen offensichtlich ein Gen, das die Lern- und Gedächtnisleistung verschlechtert. Das haben US-Forscher in Experimenten mit den Nagetieren herausgefunden. Wurde das Gen RGS14 experimentell ausgeschaltet, erinnerten sich die Tiere besser an Objekte und lernten schneller, sich in einem Labyrinth zurechtzufinden. Es ist ein Wunschtraum vieler Wissenschaftler, durch das gezielte An- oder Ausschalten eines Gens auch die menschliche Intelligenz zu steigern, sagen John Hepler von der Emory University in Atlanta und sein Team. Sie verweisen allerdings auch auf die Gefahren bei einem solchen Experiment: Im Fall von RGS14 etwa sei bislang noch unklar, ob es auch andere, nützliche Funktionen erfülle.
Die Forscher um John Hepler untersuchten Mäuse, bei denen sie das Gen namens RGS14 experimentell ausgeschaltet hatten. Dieses Gen ist seit etwa zehn Jahren bekannt und reguliert verschiedene Signalübertragungen im Gehirn, die im Zusammenhang mit der Lern- und der Gedächtnisleistung stehen. Dabei übt RGS14 seine Funktion vor allem in der so genannten CA2-Region aus, einem bestimmten Teil des Hippocampus. Der Hippocampus spielt eine wichtige Rolle beim Lernen und bei der Bildung neuer Erinnerungen.
Wie bisherige Forschungsarbeiten bereits gezeigt hatten, trägt in anderen Regionen des Hippocampus die sogenannte Langzeit-Potenzierung zur Verfestigung von Erinnerungen bei. Bei diesem Vorgang verstärkt eine lang anhaltende elektrische Erregung zwischen Nervenzellen die Verbindung zwischen den einzelnen Zellen. Allerdings unterscheidet sich die CA2-Region vom übrigen Hippocampus unter anderem eben dadurch, dass hier keine Langzeit-Potenzierung stattfindet.
Überraschenderweise zeigten Mäuse, deren RGS14-Gen ausgeschaltet war, jedoch auf einmal eine stabile Langzeit-Potenzierung in der CA2-Region. Die dortigen Nervenzellen waren nun also in der Lage, bei entsprechender Stimulation stärkere Verbindungen zu entwickeln. Tatsächlich konnten die Mäuse nun Objekte, die sie zuvor in ihrem Käfig gesehen hatten, besser wiedererkennen. Außerdem lernten sie schneller, sich in einem Wasserlabyrinth zurechtzufinden und zu einer versteckten Plattform zu gelangen.
?Das RGS14-Gen wirft die Mäuse offenbar geistig zurück?, sagt Hepler. ?Deshalb haben wir es scherzhaft “Homer-Simpson-Gen” getauft.? Die große Frage sei nun, warum Mäuse oder auch Menschen ein Gen besäßen, das sie dümmer mache. ?Ich glaube, dass wir bisher noch nicht das ganze Bild sehen?, mutmaßt Hepler. RGS14 könne ein wichtiges Kontrollgen für Teile des Gehirns sein. Wenn es fehlt, könnte es sein, dass Gehirnsignale für Lernen und Gedächtnis aus dem Gleichgewicht geraten, so der Forscher.
Die Nervenzellen in der CA2-Region sind zudem besser als Neuronen in anderen Hippocampus-Gebieten in der Lage, bei einem epileptischen Anfall oder einem Schlaganfall zu überleben ? eine Schutzfunktion, die möglicherweise auf RGS14 zurückgeht. ?Außerdem wissen wir, dass das Abschalten eines anderen Gens, das vor allem in der CA2-Region aktiv ist, zu Veränderungen im sozialen Verhalten führt?, so Hepler. Die Forscher wollen daher in weiteren Tierstudien überprüfen, ob das Ausknocken des RGS14-Gens eine höhere Anfälligkeit für epileptische Anfälle oder ein verändertes Sozialverhalten nach sich ziehen kann.
John Hepler (Emory University, Atlanta ) et al.: PNAS, Onlineveröffentlichung, doi:10.1073/pnas.1005362107. dapd/wissenschaft.de – Christine Amrhein





