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Hilfe für die Opfer des Drachenkampfs
An Indiens Unabhängigkeitstag lassen die Menschen in Delhi Tausende Papierdrachen steigen. Doch oft werden deren Schnüre einheimischen Greifvogelarten zum Verhängnis. Um den verletzten Tieren zu helfen, gründeten zwei Brüder eine Vogelauffangstation.
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Text: Laura Fornell | Fotos: Oscar Espinosa
Jedes Jahr am 15. August ist der Himmel über Delhi erfüllt von Farben. An Indiens Unabhängigkeitstag schweben Tausende Papierdrachen über der Stadt. Die Bewohner lassen sie von ihren Dächern steigen und wetteifern in diesem Jahr bereits zum 77. Mal darum, ihre Drachen möglichst lange hoch oben in der Luft zu halten.
Doch so harmlos, wie dieses Vergnügen zunächst erscheint, ist es häufig nicht. Viele verwenden für ihren Drachen einen Baumwoll- oder Nylonfaden, der mit zerstoßenem Glas ummantelt ist. Dieser Manja genannte Faden dient dazu, die Schnüre anderer Flugdrachen zu kappen und diese abstürzen zu lassen. Der Drachenkampf hat Tradition in Asien und der Feiertag ist eine willkommene Gelegenheit dafür. Wenn aber solche zerschnittenen Schnüre herabfallen, führt dies immer wieder zu Unfällen – auch tödlichen, etwa wenn sie sich um den Hals eines Motorrad- oder Rikscha-Fahrers wickeln.
Verbotene Schnüre gefährden Greifvögel
„2017 wurde diese Art der Drachenschnüre verboten“, sagt Mohammad Saud von „Wildlife Rescue“, einer Auffangstation für Vögel, die er vor über 20 Jahren zusammen mit seinem Bruder Nadeem Shehzad gegründet hat. Er weiß, wie sehr auch die Vögel der Stadt durch Manja bedroht sind. „Aber obwohl sie verboten wurden, sind solche Schnüre unter Drachenliebhabern noch immer am verbreitetsten. Man muss nur durch die Geschäfte der Stadtanlage Shahjahanabad gehen, in denen Flugdrachen zum Verkauf stehen. Meist werden die mit Glas bespickten Garnspulen nicht offen zur Schau gestellt, aber wenn man einen Verkäufer danach fragt, wird er ohne großes Zögern eine hervorholen.“
Saud untersucht gerade einen der 20 Schwarzmilane, die an diesem Tag in die Auffangstation eingeliefert wurden. Noch immer ist der verwundete Vogel in den Manja-Faden gewickelt. Am rechten Flügel hat die Schnur den Muskel und ein paar Sehnen durchtrennt. „Die Verletzung muss genau wie bei vier anderen Tieren operativ behandelt werden,“ sagt Saud, „die fünf dort scheinen dagegen nichts Ernstes zu haben. Also bringen wir sie direkt ins offene Gehege auf dem Dach. Wenn sie sich erholt haben, können sie einfach davonfliegen.“
In der Woche um den Feiertag nehmen die Fälle zu und täglich erreichen die Auffangstation zwischen 30 und 40 Vögel, fast alle mit Wunden, die von Manja stammen.“ Manche der Tiere sind nur leicht verletzt und können die Auffangstation gleich nach der Behandlung wieder verlassen. Andere Vögel befinden sich in einem so schlechten Zustand, dass sie nicht mehr zu retten sind. Hier kann die Auffangstation nur noch palliative Hilfe leisten, damit die gefiederten Opfer in der Zeit, die ihnen noch bleibt, so wenig wie möglich leiden müssen.
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Den verletzten Schwarzmilan in den mit chirurgischen Handschuhen geschützten Händen, steigt Saud in einen kleinen Raum hinab. Dort prüft sein Bruder Nadeem gerade die Qualität von Seifenspenderschachteln. Denn um ihren Lebensunterhalt zu sichern und ihre Familien zu ernähren, leiten Nadeem und Saud in ihrem Haus einen Familienbetrieb, in dem sie Seifenspender herstellen. Der Keller befindet sich in einem dreistöckigen Gebäude, das regelmäßig vollläuft, wenn es regnet. Er dient zum einen als Büro und Lagerraum für das Unternehmen, zum anderen ist hier zwischen aufgeplatzten, feuchten Wänden und Kartons der Operationsraum für „Wildlife Rescue“ eingerichtet. Dem Schutz der Raubvögel in Delhi gilt seit mehr als zwei Jahrzehnten die große Leidenschaft der Brüder. In das Projekt fließen große Teile ihrer Zeit sowie erhebliche finanzielle Mittel.
Die Tierliebe der Brüder reicht weit zurück: Als Teenager lasen sie einmal einen Schwarzmilan mit verletztem Flügel auf und brachten ihn zur Jain Charity-Vogelklinik, einer Wohlfahrtseinrichtung in Delhi, die sich seit fast 100 Jahren um verwundete und kranke Vögel kümmert.
„Zu unserem Erstaunen weigerte man sich im Vogelkrankenhaus, den schwer verletzten Vogel zu behandeln, weil er ein Fleischfresser war“, sagt Nadeem. „Sie erklärten uns, dass sie Vegetarier seien und nach den Grundsätzen des Jainismus kein Fleisch anfassen dürften, daher könnten sie ihn während der Behandlung nicht füttern, weshalb er schließlich verhungern würde.“ Ratlos waren die Brüder damals umgekehrt. Zu diesem Zeitpunkt war ihnen noch nichts anderes übrig geblieben, als den Milan dort zurückzulassen, wo sie ihn gefunden hatten.
Die Brüder verleihen ihrer Vision Flügel
Doch als sie Jahre später erneut einen verwundeten Vogel fanden, wollten sie ihn nicht wieder seinem Schicksal überlassen. Nadeem und Saud beschlossen, den Schwarzmilan mit nach Hause zu nehmen und sich um ihn zu kümmern. „Unser Onkel, der im gleichen Haus wohnte, hatte einen Hund, und dessen behandelnder Tierarzt gab uns Hinweise darauf, wie wir die Wunden versorgen konnten. Da es der erste Vogel war, den wir mit nach Hause nahmen, hatten wir noch keine Ahnung, was wir tun sollten“, erinnert sich Saud lachend. „Und so fing alles an. Jedes Mal, wenn wir einen verletzten Vogel fanden, nahmen wir ihn in unsere Obhut und versuchten, ihn gesund zu pflegen.“ Da es zu dieser Zeit keinen anderen Ort in Delhi gab, wo verletzte oder kranke Aasfresser aufgenommen wurden, sprach sich das Projekt der Brüder herum. Bald war das Dach ihres Hauses überfüllt mit den gefiederten Patienten, die ihre Nachbarn aufgegriffen hatten.
Drachenschnüre sind nicht die einzige Gefahr für Vögel: Sie geraten auch in Ventilatoren und herabhängende Stromkabel oder kollidieren mit Fahrzeugen.
Saud und Nadeem sahen sich Videos an und lasen Bücher, um mehr über die Behandlung von Vögeln zu erfahren, und eigneten sich immer mehr Wissen an. Zudem stand weiterhin ein Tierarzt mit Rat und Tat zur Seite und zeigte ihnen, wie man die verschiedenen Wunden versorgen musste. Das meiste lehrte sie jedoch ihre Erfahrung, die sie seit den ersten Versuchen 2003 durch viele Behandlungen sammeln konnten.
Nachdem die Brüder ihre Vogelauffangstation „Wildlife Rescue“ 2010 schließlich als Verein registriert hatten, kamen zu ihrem Eigenkapital einzelne Spenden von Privatpersonen hinzu. Dadurch konnten sie drei Jahre später von Shahjahanabad nach Wazirabad in ein größeres Gebäude umziehen, um mehr Platz zu haben und das Rehabilitationszentrum weiter ausbauen zu können. Denn mit ihrem ehrenamtlichen Engagement für Greifvögel stehen die Brüder in Delhi noch immer recht allein da.
Der Tierklinik sind die Hände gebunden
In der 1927 gegründeten Jain Charity-Vogelklinik landen die meisten Vögel auch während der Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag. Der leitende Tierarzt, Haravtar Singh, steht leicht nach vorne gebeugt und näht den Flügel einer Taube, die sein Assistent mit den Händen fixiert, während im Nebenzimmer ein Junge mit einem Papagei und ein Paar mit seiner Henne warten. „Diese Taube hat Glück gehabt. Keine gebrochenen Knochen, also wird sie sich in etwa 15 Tagen erholt haben“, erklärt Haravtar. „Während der Festtage bekommen wir bis zu 100 Vögel am Tag, normalerweise sind es um die 50.“ In der Klinik sind ein Arzt, zwei medizinische Assistenten und weitere Helfer tätig. Behandelt werden dort kostenlos alle Arten von Vögeln sowie Meerschweinchen, Hamster und jedes andere Tier, das kein Fleischfresser ist.
Hier wurde vor Jahren der Schwarzmilan abgelehnt, den die Brüder in ihrer Jugend gefunden hatten. Heutzutage leistet die Klinik Erste Hilfe und überweist die Greifvögel dann zur Weiterbehandlung an „Wildlife Rescue“.
Das Hospiz ist vom Jainismus geprägt, einer kleinen, aber einflussreichen Religion in Indien. Sie handelt nach der Ahimsa-Lehre, die für Gewaltfreiheit und Respekt gegenüber allen Lebensformen eintritt. Der Glaube verbietet es auch, ein Lebewesen zu erlösen, das sich nicht wieder erholen wird. Diese Tiere verbleiben in der Klinik in Käfigen, bis sie auf natürliche Weise sterben.
Die Greifvögel gut versorgen
Saud und Nadeem tun ihr Möglichstes, um den Schwarzmilanen den Aufenthalt bei ihnen so artgerecht und angenehm wie möglich zu gestalten. Die Käfige, die sie auf dem Dach installiert haben, sind Eigenkonstruktionen. Der größte von ihnen, in dem die Vögel zusammen untergebracht sind, ist nach oben hin offen, sodass die Tiere ihn eigenständig verlassen können, wenn sie sich erholt haben und wieder flugfähig sind. „Für den Bau der Käfige haben wir viele Informationen aus dem Internet zusammengetragen, um zu sehen, wie es in anderen Ländern gemacht wird, denn in Indien weiß man nicht viel über diese Art von Gehegen“, erklärt Nadeem stolz vom Dach aus.
Die beiden Brüder werden von ihrem Cousin Salik Rehman unterstützt, wenn es darum geht, die Tiere zu retten, zu füttern und zu pflegen, die Käfige sauber zu halten und die Milane zu gegebener Zeit wieder freizulassen – wenn sie sich nicht vorher selbst entlassen. Er arbeitet seit sieben Jahren hauptberuflich mit ihnen zusammen, gehört aber eigentlich schon zum Team, seit er in jungen Jahren ehrenamtlich mitgeholfen hat.
„Wir verbrauchen jeden Tag etwa zehn Kilo Hühnerfleisch, um die Vögel zu füttern“, erklärt Salik, während er auf dem Dach mit ein paar Metallschalen voller Hackfleisch hantiert. „Ab und zu bekommen sie auch Büffelfleisch von uns, was teurer ist.“ Während er darauf wartet, dass das Fleisch auftaut, betritt Salik das etwa 20 Quadratmeter große Gehege, in dem sich die rund 70 Vögel befinden. Widerstandslos lassen sie sich von einer Seite zur anderen scheuchen, als Salik den Boden mithilfe eines Druckwasserschlauchs reinigen will. Anschließend stellt er zwei Schalen mit Hackfleisch auf. Die erschöpften Vögel beginnen eher zaghaft zu picken, statt sich auf die leichte Beute zu stürzen.
Preisgekrönte Doku über die Vogelretter
Die Geschichte der Vogelretter weckte das Interesse des indischen Filmemachers Shaunak Sen, der daraufhin einen Dokumentarfilm über das Lebensprojekt der Brüder drehte. Seit „All That Breathes“ bei der Premiere auf dem Sundance Film Festival 2022 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, war die Geschichte von Nadeem und Saud auf 30 weiteren internationalen Festivals zu Gast, wo der Film zahlreiche Nominierungen und Preise erhielt. Er wurde auch bei den Internationalen Festspielen von Cannes und Hongkong ausgezeichnet und letztes Jahr für den Oscar nominiert.
Dank dieses Erfolgs und weil ihre Geschichte weltweit Anklang findet, erhält „Wildlife Rescue“ mehr Spenden als früher. Diese ermöglichen es ihnen, die Rettung und den Schutz der verletzten Tiere weiterbetreiben zu können. „Die meisten Spenden stammen von Einzelpersonen. Sie sind gering, aber dafür sehr zahlreich“, sagt Nadeem, „und HHMI Tangled Bank Studios hat mit einer Spende über 50.000 Dollar unsere laufenden Kosten für zwei Jahre gedeckt.“ HHMI ist Mitproduzent des Dokumentarfilms und hat sich dem Erzählen inspirierender Geschichten aus Wissenschaft und Natur verschrieben. „Mit dem Geld, das wir erhalten haben, können wir mehr Ausrüstung kaufen. Eben erst haben wir eine Gasnarkose-Apparatur aus China bestellt und wir sehen uns noch nach einem Röntgengerät und einem Rettungsfahrzeug um“, fügt er zufrieden hinzu.
Die beiden Brüder führen akribisch Buch über alle Tiere, die jemals in der Auffangstation behandelt wurden. Derzeit erholen sich etwa 100 Vögel im Zentrum, während es in der Brutzeit im Frühjahr bis zu 300 Vögel werden können, die für längere Zeit aufgepäppelt werden müssen. „Pro Jahr kümmern wir uns um etwa 2.500 Vögel. Womöglich sind wir die Auffangstation, die weltweit am meisten Vögel aufnimmt“, sagt Nadeem stolz und ergänzt: „Zweifellos sind Schwarzmilane nicht die beliebtesten Tiere der Stadt, und es ist auch nicht gerade hilfreich, dass sie Unglück bringen sollen. Wären sie eine bedrohte Art, gäbe es vielleicht mehr Organisationen, die sich mit ihrem Schutz befassen würden. Und wer weiß, womöglich würde sich die Sichtweise auf die Vögel auch ändern, wenn sich mehr Menschen darüber im Klaren wären, dass diese Aasfresser Tausende Kilos an Müll fressen und so täglich der Stadt dabei helfen, ihren Abfall zu reduzieren.“ //
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