Tief unter der Erdoberfläche befindet sich ein riesiges, dunkles Reich voller Leben. Zu dieser rätselhaften “tiefen Biosphäre” gehören nicht nur Bakterien und andere primitive Einzeller, sondern auch Tiere, berichten jetzt Forscher um Gaetan Borgonie. In vier südafrikanischen Bergwerken entdeckte das Team mehrere Arten von Fadenwürmern, die dort bei Sauerstoffmangel und hohen Temperaturen ein genügsames Dasein fristen.
Die tiefe Biosphäre ist damit komplexer als bislang angenommen, schreiben die Forscher. Bislang hatten Mikrobiologen hauptsächlich Bakterien und Archäen in der Unterwelt entdeckt. Beide Mikroben gehören zu den primitiven Einzellern ohne Zellkern. Nur vereinzelt waren die Forscher auf Vertreter der wesentlich größeren und komplizierteren Eukaryonten, der Einzeller mit Zellkern, gestoßen, zum Beispiel auf Pilze oder Amöben. Dass dort selbst mehrzellige Tiere überleben können, hatten Experten bislang bezweifelt.
Borgonie und seine Kollegen hatten in Südafrika gezielt nach Fadenwürmern (Nematoden) gesucht, weil diese anpassungsfähigen Kreaturen weit verbreitet sind: Sie leben im Meer, in Seen, im Boden, in heißen Quellen und auch als Parasiten in anderen Lebewesen. Tatsächlich wurden die Forscher in der südafrikanischen Unterwelt fündig. Selbst im tiefsten Bergwerk der Welt, der 3600 Meter tiefen Tau Tona-Goldmine, entdeckten sie einen Wurm.
Die gefundenen Nematoden waren kaum einen halben Millimeter lang und lebten in Felsklüften, die mit Wasser gefüllt waren. Wie die Forscher berichten, grasen sie dort Bakterienmatten auf dem Gestein ab. Einige Exemplare waren im Labor sogar in der Lage, sich durch Jungfernzeugung zu vermehren. Der im Wasser vorhandene Sauerstoff reicht den Forschern zufolge aus, um die Würmer am Leben zu halten.
Unter den Bewohnern der Tiefe war eine bislang unbekannte Art, die die Forscher Halicephalobus mephisto tauften. Das Tier lebte in 1300 Metern Tiefe bei Temperaturen um 37 Grad Celsius. Versuche zeigten: Bis zu einer Temperatur von 41 Grad ging es dem Winzling gut, ein anderer Wurm hielt sogar 48 Grad Celsius aus. Das Grundwasser, in dem die Tiere sich befanden, war zuletzt vor einigen Tausend Jahren in Kontakt mit der Oberfläche.
Gaetan Borgonie, (Universität Gent, Belgien): Nature Bd. 474, S. 79, doi:10.1038/nature09974 wissenschaft.de – Ute Kehse





