Text: Bettina Wurche
Der nördliche Nordatlantik ist besonders stark vom Klimawandel geprägt: Durch die Meereserwärmung geht die Meereisbedeckung zurück, und viele Arten wandern polwärts. Orcas mögen wegen der Nahrungsfülle zwar kühlere Gewässer, nicht aber das Meereis, da sie beim Abtauchen an der Eiskante ihre Rückenflossen verletzen könnten. Arktisbewohner wie Nar- und Weißwale haben keine Finnen und waren am und unter dem Eis bisher gut vor den Killer Whales geschützt. Doch mit dem schwindenden Meereis dringen die Schwertwale immer weiter in die Arktis vor, etwa in die Hudson Bay. Für die kanadische Arktis haben Biologen aus Sichtungen von 2009 bis 2018 einen Bestand von über 160 Orcas berechnet, die über 1000 Narwale pro Saison erlegen könnten. Auch wenn der auf über 200.000 Tiere geschätzte Narwal-Bestand nicht gefährdet ist, wird das Auftauchen der hungrigen Zahnwale langfristige ökologische Auswirkungen haben.
Im europäischen Nordatlantik leben Orca-Bestände um Grönland, Island, die Britischen Inseln und Schottland herum sowie vor Norwegen und in der Barentssee. Viele von ihnen haben unterschiedliche Fressvorlieben: Vor Grönland fressen sie meist Makrelen und Robben, vor Island und Norwegen vor allem Robben sowie Heringe und vor den Färöerinseln Makrelen, Heringe und Robben. Dabei wenden die intelligenten Jäger verschiedene Strategien an.
Für die Fischjagd bilden die Wale größere Gruppen und stimmen sich mit lauten Tönen ab. Zur Meeressäugerjagd sind sie dagegen in kleinen Gruppen und lautlos unterwegs, um die Beute nicht zu warnen. Manchmal fressen sie auch andere Fische oder Meeressäuger als die oben genannten. Fette Happen wie etwa ein Schweinswal werden meist geteilt. Manche Individuen und ganze Gruppen scheinen den Heringswanderungen zu folgen und bewegen sich dabei sowohl küstennah als auch auf dem offenen Meer. Mit dieser Flexibilität unterscheiden sich die Nordatlantik-Orcas von denen des Nordpazifiks, erklärt Orca-Expertin Filipa Samarra, die vor Norwegen und Island forscht.
Die Heringe bilden unterschiedlich große Ansammlungen in verschiedenen Meerestiefen. Entsprechend verändern die intelligenten Orcas ihre Jagdstrategien – etwa wenn sie im Winter bei besserer Sicht im Ozean untereinander nur wenige Echoklicks abgeben. „Verhaltensplastizität“ nennt Samarra diese Anpassung.
Mit den Heringen in den kühleren Norden
Große Heringsschwärme halten sich oft zur Fortpflanzung, zum Fressen und zum Überwintern vor der norwegischen Küste auf. Ein besonderes Schauspiel hat sich dabei bis Anfang der 2000er Jahre am Tysfjord geboten. Tausende Heringe sind diesen jeweils im Oktober hinaufgeschwommen, gefolgt von Hunderten von Orcas. Ein Bild, das immer mehr Touristen angelockt hatte. Doch ab dem Jahr 2010 etwa zogen die Heringe im Zuge der Meereserwärmung plötzlich weiter nach Norden – und die Schwertwale mit ihnen. Der „Whalewatching“-Tourismus im Tysfjord brach zusammen. Heute sind Jäger und Beute vor der nordnorwegischen Vesteralen-Insel Andenes zu beobachten.





