Text: Ralf Stork
Die Hühner sind da. Gerade waren sie noch in dem weißen Lieferwagen, der vorne in der Einfahrt steht. Vier Stück in einer Transportkiste aus Plastik. Daneben das ganze Material, das man für die Hühnerhaltung braucht: Ein Zaun, zwei Säcke mit Heu und Getreideschrot, Tröge für Futter und Wasser und ein mobiler Stall. Gemeinsam mit Jonathan Koch trage ich die Sachen in den hinteren Teil des Gartens, wo die Hühner untergebracht werden sollen.
Es ist Anfang April und nur eine Beziehung auf Zeit. Im Norden von Berlin hat Koch einen Bauernhof mit Direktvermarktung und 500 Legehennen. Seit 2024 hält er noch 40 weitere Hühner, die er in Berlin und im Berliner Umland vermietet. Bei uns im Garten werden die Tiere für zwei Wochen zu Gast sein. Es ist ein Experiment und ein Belastungstest: Was machen die Tiere mit mir und der nachbarschaftlichen Gemeinschaft. Was machen sie mit dem Garten? Wäre es vielleicht sogar möglich, auch in der Stadt dauerhaft Hühner zu halten?
Die Hühner kommen
Es dauert nicht lange, bis der Zaun sicher steht und der Stall aufgebaut ist. Jetzt sind die Hühner dran. Wir heben sie vorsichtig aus der Transportbox – sie sind überraschend groß und trotzdem leicht – und setzen sie erst einmal in den Stall. Sie sollen selbst entscheiden, wann sie ihre neue Umgebung erkunden wollen.
Nach nicht einmal 30 Sekunden streckt das Erste seinen Kopf aus der Klappe und stakt langsam die Treppe herunter. Es ist karamellbraun – ein Lohmann-Huhn –, eine typische, weitverbreitete Legehenne, erklärt Koch. Als Nächstes kommen ein schwarzes Huhn mit einer golden gesprenkelten Brust, ein mattgraues Huhn und zum Schluss ein grau-schwarz geschecktes. Das schwarze ist ein Bovan, das graue ein Königsberger und das gescheckte ein Grausperber, erfahre ich von Koch.
Er stellt die Gruppen für die Vermietung immer aus unterschiedlichen Züchtungen zusammen. So können die Mieter die Tiere leichter auseinanderhalten und merken auch gleich, dass jedes Huhn einen ganz individuellen Charakter mitbringt.
Die Hühner brauchen nicht lange, um sich an ihre neue Umgebung mitten in Berlin-Pankow, auf einem Grundstück mit drei Häusern und 28 Wohnungen, zu gewöhnen. Der Zaun steht auf einem kaum genutzten Teil des Grundstücks: Die Ecke eines zugewucherten Sandkastens gehört zum Gehege und ein Rasenstück, wo im Sommer Hängematten aufgespannt werden können. Ein Baum und ein paar Findlinge gehören auch dazu. Die Hühner beginnen gleich, an Grashalmen, Löwenzahn und anderen frischen Trieben zu zupfen. Sie hüpfen auf die Steine und sie scharren mit Inbrunst. Vor allem das Laub unter dem Baum hat es ihnen angetan: Mit ein, zwei schnellen Tritten legen sie eine Stelle frei und schauen, ob sich dort etwas zu Fressen findet. Sie stürzen sich auf erstaunlich große Engerlinge und rennen schnell mit ihrer Beute davon, damit ihnen keine andere Henne den Happen aus dem Schnabel ziehen kann. Alles wirkt auf eine so selbstverständliche Art natürlich, als hätten dem Garten die Hühner gefehlt, als könne er erst durch sie sein volles Potenzial entfalten.





