Auf den Wind kommt es an. Er bläst meistens aus West bis Südwest, doch das ist die falsche Richtung. Also warten sie ab. Die winzigen Reisenden kauern in Hecken, rasten auf Grashalmen oder tanken Kraftfutter an den letzten Sommerblüten. Es ist Mitte August, das Wetter weiterhin warm, und die südenglische Landschaft hält noch einiges an Nahrung bereit. Aber nicht mehr lange. Der Herbst wird kommen. Für die fliegenden Scharen drängt deshalb bald die Zeit zum Aufbruch – sobald der Wind mitspielt.
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Text: Kurt de Swaaf
Auf den Wind kommt es an. Er bläst meistens aus West bis Südwest, doch das ist die falsche Richtung. Also warten sie ab. Die winzigen Reisenden kauern in Hecken, rasten auf Grashalmen oder tanken Kraftfutter an den letzten Sommerblüten. Es ist Mitte August, das Wetter weiterhin warm, und die südenglische Landschaft hält noch einiges an Nahrung bereit. Aber nicht mehr lange. Der Herbst wird kommen. Für die fliegenden Scharen drängt deshalb bald die Zeit zum Aufbruch – sobald der Wind mitspielt.
Und dann ist es so weit. Eine kühle Brise aus dem Norden gibt das Signal. Innerhalb weniger Stunden heben Millionen Schwebfliegen ab und machen sich auf den Weg in den Süden. Ihre Flugroute führt sie direkt zum Ärmelkanal. Die zum Teil mehr als 200 Kilometer breite Seestraße ist für die Insekten allerdings kaum ein Hindernis. Mit Rückenwind erreichen Schwebfliegen eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 40 Stundenkilometern, wie der Biologe Karl Wotton von der University of Exeter berichtet. Bei günstiger Witterung brauchen sie somit nur wenige Stunden bis zur französischen Küste. Während des Zugs fliegen die Tiere in mehreren Hundert Metern Höhe. Das hilft, schnell größere Distanzen zu überbrücken. Möglicherweise entgehen die Schwebfliegen dadurch auch einigen Fressfeinden, meint Wotton, dazu zählen vor allem Vögel und Fledermäuse. Zu hoch dürfen die Fernwanderer aber nicht hinaus, betont der Forscher. „Die Temperatur setzt ihnen Grenzen.“ Oberhalb von 750 Metern sei es in der Regel schlicht zu kalt.
Tricks und Raffinessen
Die alljährliche Massenmigration ist wohl der spektakulärste Aspekt in der auch sonst überaus faszinierenden Biologie der Schwebfliegen. Weltweit umfasst die auf den zoologischen Namen Syrphidae getaufte Insektenfamilie rund 6.000 bekannte Spezies, wovon 463 in Deutschland vorkommen. Jeder von uns dürfte schon welche gesehen haben. Die Hainschwebfliege (Episyrphus balteatus) etwa schwirrt vor allem zur Sommerzeit gerne in Gärten und über Terrassen herum. Ihre gelb-schwarz gestreifte Färbung ist ein klassischer Fall von Bates’scher Mimikry – der gezielten Täuschung anderer Tiere zum eigenen Schutz. Dieses Streifenmuster ähnelt dem von Wespen und anderen schmerzhaft stechenden Insekten. Fressfeinde, hauptsächlich Vögel, sollen dadurch abgeschreckt werden.
Bei den Syrphiden ist diese Art der Nachahmung weit verbreitet. So verkleidet sich die ebenfalls hierzulande vorkommende Scheinbienen-Keilfleckschwebfliege (Eristalis tenax) recht überzeugend als Honigbiene, während die Wespenschwebfliege (Chrysotoxum cautum) einer echten Wespe zum Verwechseln ähnlich sieht. Doch keine einzige Syrphide kann auch wirklich stechen.
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Dass sie unbewaffnet sind, liegt an der Lebensweise. Adulte Schwebfliegen, auch Imagines genannt, ernähren sich als Blütenbesucher von Nektar und Pollen. Es gibt auch keine Kolonien zu verteidigen, denn Syrphiden leben grundsätzlich solitär. Die Paarung dauert nur wenige Sekunden und findet oft im Flug statt. Schwebfliegen betreiben keine Brutpflege. Der Nachwuchs ist selbst versorgend und benötigt keine proteinreiche Fütterung in Form von Insekten oder Spinnen, die durch ein Elternteil erlegt werden müssten.
Die Larven indes wachsen, je nach Spezies, sehr unterschiedlich auf. Die Brut von Arten der Gattung Eristalis bewohnt Schlamm, organisch verschmutztes Wasser und sogar Jauchegruben – weshalb ausgewachsene Exemplare umgangssprachlich auch als „Mistbienen“ bezeichnet werden. Die Maden fressen Bakterien und allerlei Zersetzendes. Um im Dreck überhaupt bestehen zu können, sind sie mit einem langen Atemrohr ausgestattet. Letzteres hat ihnen den Spitznamen „Rattenschwanzlarven“ eingebracht. Hainschwebfliegen und viele andere Arten dagegen sind im Jugendstadium echte Raubtiere, die hauptsächlich Blattläuse jagen.
Die weiten Reisen der Schwebfliegen
Was aber hat es mit den Fernflügen auf sich? Beobachtet wurde das Phänomen bereits im 19. Jahrhundert. Ein paar Naturkundler berichteten damals über offenbar wandernde Schwebfliegen, doch das wahre Ausmaß der Massenbewegungen wurde erst nach der Jahrtausendwende aufgedeckt. Moderne Technik lieferte den Schlüssel. Eine britische Forschergruppe entwickelte den entomologischen Vertikalradar (VLR), mit dessen Hilfe man nicht nur Schwärme, sondern sogar einzelne Insekten im Flug erfassen kann. Die Forschenden stellten drei solcher VLR-Geräte an verschiedenen Orten in Südengland auf und zählten mehrere Jahre lang automatisch alles, was von Mai bis Oktober über sie hinwegflog. Die 2016 im Fachmagazin Science veröffentlichten Ergebnisse waren sensationell. Den Daten und Hochrechnungen zufolge sind jährlich im Schnitt rund 3,5 Billionen Insekten im Luftraum der Region unterwegs – darunter auch die bis zu vier Milliarden Schwebfliegen, die jeden Spätsommer und Herbst von England aus gen Süden wandern. Zusammengenommen brächten sie über 100 Tonnen auf die Waage. Eine signifikante Verschiebung von Biomasse.
Warmen Temperaturen und Nahrung hinterher
Die Gründe für den Syrphiden-Zug scheinen auf der Hand zu liegen. In kälteren Gegenden gibt es im Winter praktisch nichts für sie zu fressen, weder für die Adulten noch für die Larven. Abgesehen davon droht den Tierchen womöglich der Tod durch Erfrieren. Dann lieber in wärmere Gefilde fliehen, auch wenn der Weg dorthin gefährlich und kräftezehrend ist. So weit, so einleuchtend. Diese einfache Erklärung hat allerdings ein Manko: Schwebfliegen können durchaus überwintern. Sie verkriechen sich, genau wie viele andere Insekten, in schützende Spalten und Löcher, verfallen in eine energiesparende Kältestarre und harren dem Frühling. Auch wanderfreudige Syrphiden-Spezies wie die Hainschwebfliege sind dazu fähig, auch in raueren Klimazonen. Die Migration ist also keine zwingende Notwendigkeit. Und tatsächlich macht sich stets nur ein Teil der Population auf die Reise. „Die Menge variiert, sogar von Jahr zu Jahr“, berichtet der Biologe Myles Menz.
Menz, der mittlerweile an der australischen James Cook University lehrt, hat mehrere Jahre lang am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell gearbeitet und die europäischen Insektenwanderungen, mit Fokus auf Syrphiden, erforscht. Die Witterung und das Nahrungsangebot sind offenbar entscheidend, erklärt er. Bei milden Temperaturen und reichlich Futter neigen mehr Schwebfliegen zum Überwintern. Es trotzen übrigens nicht nur ausgewachsene Exemplare der späteren Kälte, wie Menz erläutert. „Episyrphus balteatus kann sowohl als Ei, Larve, Puppe oder adultes Tier überwintern.“ Auch diese Flexibilität macht sie zu einem Erfolgsmodell der Evolution.
Für die Langstreckenflieger beginnt indes eine Reise ohne Wiederkehr, denn die Lebensdauer von Syrphiden beträgt normalerweise nur wenige Wochen. Wie Forscher festgestellt haben, sind unter den Fliegern deutlich weniger Männchen als Weibchen. Letztere haben sich vor dem Flug gepaart und legen ihre Eier am Ziel ihrer Reise; ihre Brut wird in der Ferne aufwachsen. Den Rückflug können nur die Nachkommen antreten, vermutlich sogar erst in zweiter oder dritter Generation. Es gibt da noch erhebliche Wissenslücken, betont Karl Wotton. „Eine offene Frage ist, wie weit die Schwebfliegen nach Süden wandern.“ Entfernungen von einigen Hundert Kilometern gelten als sicher, doch es könnten auch deutlich mehr sein. Viele der Tierchen überqueren offenbar die Alpen. Myles Menz beobachtete Tausende von ihnen auf dem Col de Bretolet, einem 1923 Meter hohen Pass an der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Bei Rückenwind können sie sich auch in große Höhen aufschwingen; haben sie jedoch ungünstigen Gegenwind, unterfliegen sie diesen in Bodennähe. Menz und seine Kollegen haben so Fangaktionen mit Zählungen durchgeführt. Die Experten schätzen, dass jeden Herbst etwa 60 Millionen Hainschwebfliegen den Col de Bretolet passieren. Und dann kommen noch die anderen Schwebfliegen-Arten hinzu.
Die Effizienz der Schwebfliegen
Die enormen Leistungen der Winzlinge werfen für die Wissenschaft eine Menge Frage auf. Eine Hainschwebfliege wiegt gerade mal 20 Milligramm, erklärt der ebenfalls an der University of Exeter tätige Biologe Will Hawkes. Die Mistbiene, Eristalis tenax, schaffe es immerhin auf gut ein Gramm. Aber auch sie kann leicht zum Spielball der Winde werden. Da hilft nur, mit Kraft dagegenzuhalten. Erstaunlicherweise haben Schwebfliegen, trotz ihres viel schnelleren Flügelschlags, einen geringeren Energieverbrauch als echte Bienen. „Sie sind wirklich effiziente Langstreckenflieger“, betont Hawkes. Die Tierchen seien unter anderem in der Lage, Fette physiologisch direkt zu verbrennen, während die meisten Insekten Glykogen oder verschiedene Zucker als Flugtreibstoff nutzen. Dementsprechend haben gerade wandernde Syrphiden ziemlich viel Fett in ihrem Körper gespeichert, berichtet der Forscher.. Trotzdem kämen auch sie anscheinend nicht ganz ohne Wegzehrung aus. So sah Hawkes zum Beispiel auf Pyrenäenpässen, wie sich die Fernflieger an Distelblüten labten. Diese dienen ihnen wohl als wichtige Nektar-Tankstellen.
Mit Energie allein ist es allerdings nicht getan. Zur Bewältigung der langen Reisen brauchen die Schwebfliegen ein ganzes Paket an Sonderausstattungen – da sind sich die Fachleute sicher. Um derartigen Adaptionen auf die Spur zu kommen, hat ein internationales Forscherteam unter Karl Wottons Leitung die komplette DNA der Hainschwebfliege durchleuchtet und gleichzeitig Unterschiede in den Aktivitätsmustern der Gene analysiert.
Die Experten fanden zahlreiche Auffälligkeiten. Rund zehn Prozent des Erbguts von Exemplaren, die wandern, werden anders reguliert das der standorttreuen Artgenossen. Das müssten die Anpassungen sein. Die mutmaßlich wichtigsten Unterschiede betreffen Gene mit einer Funktion im Muskelaufbau, im Immunsystem oder in der Stressresistenz. Und im Energiehaushalt natürlich. Die genauen Auslöser dieser Umstellungen sind noch unbekannt, sagt Teammitglied Will Hawkes. Sie scheinen aber schon im Larvenstadium stattzufinden und werden vermutlich durch äußere Faktoren wie sinkende Temperaturen und abnehmendes Tageslicht bedingt.
Ein weiteres Rätsel betrifft die Navigation: Woher kennen die Winzlinge den Weg gen Süden und ihre Nachkommen die Route zurück? Schwebfliegen verfügen über eine Art Solarkompass, erklärt Hawkes. So wie wandernde Schmetterlinge auch, orientieren sie sich während des Flugs am Stand der Sonne. Doch der ist bekanntlich kein Fixpunkt. Wenn sie Kurs halten wollen, müssen die Insekten die im Tagesverlauf wechselnde Position des Gestirns berücksichtigen. Und das gelingt ihnen. „Sie verfügen offenbar über eine innere Uhr“, berichtet Will Hawkes begeistert. Die Information dieses Zeitgebers kombinieren die Tierchen demnach mit der visuellen Wahrnehmung der Sonne, um so exakt ihre Flugbahn zu justieren. Ein eventuelles seitliches Abdriften durch den Wind müssen sie ebenfalls miteinkalkulieren. Von wegen Fliegenhirn. Woher dieses aber weiß, wo eigentlich das Ziel der Reise liegt, ist ebenfalls noch ein Rätsel.
Helfer in der Landwirtschaft
Für uns Menschen indes sind Syrphiden sehr viel mehr als nur faszinierende Geschöpfe. Die erwachsenen Schwebfliegen aller Arten brauchen Blüten für ihre Ernährung; das macht sie zu durchaus effizienten Bestäubern von Nutzpflanzen. Aktuelle Studien sehen die Schwebfliegen hier an oberer Stelle, direkt nach Honigbienen, Hummeln et cetera. Aus landwirtschaftlicher Sicht dürften die Syrphiden damit weltweit Leistungen in Wert von mehreren Dutzend Milliarden Euro jährlich erbringen. Ihre Bedeutung bei der Bestäubung von Wildpflanzen und damit für die globalen Ökosysteme lässt sich erst gar nicht in Zahlen fassen. Da sie zudem regelmäßig weite Strecken zurücklegen, können Schwebfliegen Pollenkörner auch über große Distanzen hinweg transportieren. Das begünstigt den Genfluss zwischen Pflanzenpopulationen und beugt so Inzucht-Effekten vor.
Viele Syrphiden-Spezies spielen aber auch als Schädlingsbekämpfer eine wichtige Rolle. Ihr räuberischer Nachwuchs hat nämlich einen gewaltigen Appetit. Eine einzige Hainschwebfliegen-Larve zum Beispiel frisst während ihrer etwa einwöchigen Entwicklung im Schnitt rund 400 Blattläuse, zoologisch Aphiden genannt. Maden der nordamerikanischen Schwebfliegen-Art Eupeodes fumipennis schaffen sogar bis zu 168 solcher Saftsauger am Tag. Jede Fliegenmutter wiederum legt an die 400 Eier. Für die Agrarwirtschaft ist das eine Riesenhilfe. Karl Wotton und seine Kollegen haben berechnet, dass Syrphiden-Larven in Südengland circa 900.000 Blattläuse pro Hektar vertilgen. Auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen dürfte diese Zahl deutlich höher sein. Es profitieren übrigens nicht nur Gemüse- und Obstbauern, auch Getreidefelder werden häufig von Aphiden heimgesucht.
Die hungrigen Maden gehen bei der Jagd äußerst raffiniert vor, wie Will Hawkes berichtet. Sie nähern sich vorsichtig einem Trupp Blattläuse, picken ein Tier heraus, und ziehen sich sofort wieder ein paar Zentimeter zurück. Dann heben sie ihre Beute in die Höhe und saugen sie in Ruhe aus. Dieses Verhalten sichert den Erfolg beim nächsten Angriff, erklärt Hawkes. Würde die Larve zu nah an der Gruppe fressen, könnten Warnpheromone aus der aufgespießten Blattlaus die anderen in Alarm versetzen und sie zur panischen Flucht veranlassen. Blattläuse stürzen sich in solchen Fällen einfach in die Tiefe. Aufgrund ihres minimalen Gewichts nehmen sie dabei keinen Schaden.
Die Schwebfliegen-Larve braucht bei der Futtersuche normalerweise keine weiten Strecken zurückzulegen; die Weibchen spüren die Beutetiere auf Sicht oder anhand ihres Geruchs auf und setzen die Eier in der Nähe ab. Mitunter werden die Fliegenmütter auch von Botenstoffen aus geschädigten Pflanzen angelockt – biochemische Hilferufe sozusagen.
Unabhängig von ihrer großen Bedeutung als Nützlinge sind auch Syrphiden vom allgemeinen Insektenschwund betroffen. Bei systematischen Zählungen an der Forschungsstation Randecker Maar auf der Schwäbischen Alb wurde 2014 bis 2019 bei wandernden Syrphiden im Vergleich zu den 1970ern ein Rückgang von 97 Prozent festgestellt. „Pestizide sind ein großes Problem, aber auch die Homogenisierung der Landschaft“, erklärt Myles Menz. Riesige Ackerflächen mit Monokulturen, ohne Hecken, Büsche und Grünland, bieten den Schwebfliegen kaum noch Nahrung, Ruheplätze und Überwinterungsquartiere. Dazu kommen totgepflegte Gärten mit kurzgeschorenen Rasen. Der für Vielfalt so lebenswichtige Wildwuchs ist längst Mangelware. Wer also das nächste Mal eine Schwebfliege auf dem Kaffeetisch landen sieht, darf sich freuen und die kleine Heldin ruhig auf ein Tröpfchen Zuckerwasser einladen. Sie könnte es brauchen. //
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