Die übliche Behandlung mit einer Halskrause nach einem Schleudertrauma schadet offenbar mehr als sie nützt. Medikamente, Eis und maßvolle Bewegung scheinen besser und schneller zu helfen, meinen Neurologen und Sportmediziner. Dem bisherigen Therapieschema liegen vermutlich falsche Vorstellungen über die Ursachen des Schleudertraumas zugrunde, hieß es beim 9. Neuroorthopädie-Symposion in Koblenz.
Nach vermeintlich harmlosen Auffahrunfällen klagen die Fahrzeuginsassen oft über Schmerzen im Nacken-, Schulter- und Kopfbereich ? Diagnose: Schleudertrauma. Bisher ging man davon aus, dass die Beschwerden durch eine Verrenkung der Halswirbelsäule und Schäden des Bandapparates ausgelöst werden. Mittlerweile setzt sich dagegen bei Ärzten die Meinung durch, dass es sich in erster Linie um eine Überdehnung der Nackenmuskulatur handelt.
Daher sei die Therapie mit der Halskrause verhängnisvoll, meint zum Beispiel der Nervenarzt Bernhard Kügelgen, Leiter des Therapiezentrums Koblenz. Denn durch die Ruhigstellung würden die Schmerzen letztlich verstärkt. Dies führt zur weiteren Bewegungseinschränkung, die ihrerseits wiederum Schmerzen verursacht ? ein Teufelskreis.
In einer Pilotstudie haben Kügelgen und seine Frau, die Krankengymnastin Cecilija Kügelgen, Schleudertrauma-Patienten behandelt, die schon seit längerer Zeit über Beschwerden geklagt hatten. Sie erlernten Techniken der Schmerzdistanzierung sowie nicht-chemischen Schmerzbekämpfung und wurden zu Muskeldehnungs- und Muskelkräftigungübungen angeleitet. Nach dreiwöchigem teilstationärem Programm und dreimonatiger Nachbehandlung waren fast alle Patienten beschwerdefrei. Auch Klaus Baum, Professor an der Sporthochschule Köln, empfiehlt, Schleudertrauma-Patienten, früh wieder in Bewegung zu bringen, statt sie mit einer Halskrause zu behandeln. Voraussetzung sei allerdings, dass vorher Knochen- oder Nervenschäden ausgeschlossen worden sind.
Dr. Thomas Meißner





