Die Ozeane verlieren zunehmend ihre ökologisch wichtigen Top-Räuber: In den vergangenen zehn Jahren haben Meeresbiologen immer wieder vor der Bedrohung der Haibestände durch die Fischerei gewarnt. Bei einem Großteil der getöteten Tiere handelt sich dabei eigentlich nicht um die Primärziele: Die Haie landen neben Thunfisch und Co im Netz und am Haken. Oft ist es allerdings willkommener Beifang, denn die Flossen der Haifische sind vor allem im asiatischen Raum als Delikatesse begehrt. Statt sie wieder freizulassen, werden den Haien deshalb häufig die Flossen abgeschnitten und der restliche Körper über Bord geworfen.
Das Anprangern dieses sogenannten Finnings und die Berichte über die Bedrohung der Haie zeigte in den vergangenen zehn Jahren durchaus erfreuliche Wirkung: Regierungen auf der ganzen Welt haben eine Vielzahl von Vorschriften erlassen, die darauf abzielen, den Haifang und das Finning zu reduzieren. Bisher gab es jedoch keine globale Einschätzung dazu, inwieweit diese Maßnahmen tatsächlich die Verluste einschränken konnten. Dieser Frage hat sich nun ein internationales Wissenschaftlerteam gewidmet. Die Forscher haben dazu umfangreiche Informationen aus 150 Fischereiländern zusammengetragen. Sie untersuchten dabei die Entwicklungen beim Haifang von 2012 bis 2019 – einer Zeit, in der viele neue Vorschriften umgesetzt wurden. Sie führten außerdem Interviews mit Fischereiexperten durch, um aktuelle Trends beim Hai-Finning und bei den Fangpraktiken besser einschätzen zu können.
Was haben die Maßnahmen gebracht?
Wie die Forscher berichten, führten ihre Datenauswertungen zu einem ernüchternden Ergebnis. „Wir zeigen, dass die weitverbreitete Gesetzgebung zwar das Hai-Finning teils erfolgreich eingeschränkt hat, aber die Sterblichkeit insgesamt nicht senken konnte“, resümiert Erst-Autor Boris Worm von der Dalhousie University in Nova Scotia. Konkret ging aus den Auswertungen hervor, dass die durch die Fischerei verursachten Verluste im Untersuchungszeitraum von 76 Millionen auf mindestens 80 Millionen Haie pro Jahr angestiegen ist. Mehr als 30 Prozent der getöteten Haie entfielen dabei auf Hai-Arten, die bereits als vom Aussterben bedroht gelten, berichten die Forscher.
Im Detail zeigte sich: Nur bei der Hochseefischerei machten sich die neuen Gesetzgebungen zur Verhinderung des Hai-Finnings positiv bemerkbar. Insbesondere im Atlantik und im Westpazifik, gingen die Haiverluste um rund sieben Prozent zurück, legen die Datenanalysen nahe. Doch insgesamt fällt die Zunahme des Beifangs in der intensiveren Fischerei in den Küstenbereichen viel mehr ins Gewicht. Unterm Strich haben die neuen Vorschriften damit kaum positive Auswirkungen gezeigt – vielleicht sogar im Gegenteil: Einige haben zur umfassenderen Nutzung von Haien angeregt, wodurch ein neuer Anreiz zum Fang entstanden ist und sich neue Märkte für Hai-Produkte gebildet haben, sagen die Forscher.





