Sie sind vier bis sieben Zentimeter lang, haarig und gefräßig: Die Larven des Nachtfalters Lymantria dispar haben besonders in den letzten Jahren für große Schäden an Bäumen und Sträuchern in Wäldern sowie im Siedlungsbereich gesorgt. Denn der Schwammspinner mag es warm und trocken. Die aktuellen Bedingungen lassen somit befürchten, dass auch 2020 wieder Heerscharen der Raupen den ohnehin schon strapazierten Baumbestand Deutschlands plagen werden. In den Wäldern leiden vor allem die Eichen unter dem Verlust ihres Laubs, aber Schwammspinner-Raupen sind wenig wählerisch: Sie machen sich von Mai bis Juli über viele Gehölzarten her, so auch über die Blätter der Schwarzpappeln (Populus nigra). An dieser Baumart untersuchen die Forscher um Sybille Unsicker vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena die Interaktionen von Bäumen mit ihren Schädlingen.
Lieblingsspeise: Pilzsporen auf dem Blatt serviert
Wie sie berichten, war ihnen aufgefallen, dass die Bäume besonders anfällig für einen Befall mit Schwammspinner-Raupen sind, wenn sie gleichzeitig unter Rostpilzen oder Mehltau leiden. Diese pilzlichen Krankheitserreger bilden im Blattgewebe Geflechte aus, durch die sie der Pflanze Nährstoffe rauben und sie schädigen. Im fortgeschrittenen Stadium bilden diese Pilze dann an der Blattoberfläche Sporenträger aus, um sich zu verbreiten. „Wir konnten beobachten, dass Raupen von den Düften pilzbefallener Pappeln angezogen werden, und fragten uns daher, warum das so ist: Würden die Raupen kranke Pappelblätter auch lieber fressen? Haben sie einen Vorteil davon? Und wenn ja, was für chemische Stoffe sind dafür verantwortlich?“, sagt die Erstautorin der Studie Franziska Eberl.
Experimente, bei denen Schwammspinner-Raupen Blätter mit und ohne Pilzbefall zur Auswahl angeboten wurden, bestätigten die eindeutige Vorliebe der Raupen für die infizierten Blätter. Im frühen Entwicklungsstadium fraßen sie sogar erst die Pilzsporen auf der Blattoberfläche, bevor sie am Blattgewebe nagten. „Egal ob Rostpilz oder Mehltau, vor allem junge Raupen haben sich über die Pilze hergemacht und Blätter mit Pilzbefall lieber gefressen“, berichtet Eberl. Chemische Analysen legen nahe, dass den Raupen vor allem das in den Pilzen enthaltene Mannitol schmeckt. Dabei handelt es sich um eine Substanz, die auch in menschlicher Nahrung als Süßstoff eingesetzt wird.
Kraftfutter der besonderen Art
Weitere Experimente zeigten dann, dass die pilzliche Zusatzkost den Raupen offenbar wichtige Nährstoffe liefert: „Raupen, die Pilze in ihrer Nahrung hatten, entwickeln sich schneller und verpuppen sich auch früher. Sie haben damit einen Vorteil gegenüber ihren Geschwistern, die gesunde Blätter fressen. Hier spielen vermutlich wichtige Nährstoffe, wie Aminosäuren, Stickstoff und B-Vitamine, eine Rolle, die in kranken Blättern höher konzentriert waren“, berichtet Eberl. Für die bisher als Pflanzenfresser klassifizierten Raupen hat also auch pilzliche Kost eine erhebliche Bedeutung, resümieren die Wissenschaftler.





