Text: Susanne Donner
Es war ein besonderer Moment, als im November 2023 verschiedene Ginster und Duftskabiosen auf der Pfaueninsel bei Berlin ins Erdreich kamen. Es sind Arten, die Spaziergängerinnen und Spaziergänger sonst kaum je zu Gesicht bekommen. Die Pflanzen waren zwar einst im Raum Berlin heimisch, sind aber mittlerweile nahezu verschwunden. Sie wachsen nur noch an einem oder zwei Standorten der Region: der Deutsche Ginster nur noch in Köpenick, der Behaarte Ginster im Südosten der Hauptstadt und am Flughafensee Tegel. Die violett blühende Duft-Skabiose, auch Graue Skabiose genannt, ist sogar nurmehr in einem einzigen Dünengebiet im Norden zu finden. Insgesamt 150 nachgezogene Exemplare der bedrohten Arten pflanzte das Team des Botanischen Gartens Berlin sowie der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in den sandigen Boden der Pfaueninsel.
Sie verfolgen damit eine neue Strategie beim Artenschutz der Pflanzen: die gezielte Wiederansiedlung bedrohter Arten. Die Pfaueninsel ist dafür ein idealer Standort, sagt Thomas Borsch, Direktor des Botanischen Gartens in Berlin: Die Insel steht unter Naturschutz. Mehr noch: Gärtnerinnen und Gärtner pflegen den 67 Hektar großen Landschaftspark. „Sie können sich um die gepflanzten Arten kümmern, was besonders zu Beginn sehr wichtig ist“, erklärt Elke Zippel, Kustodin der Dahlemer Saatgutbank des Botanischen Gartens Berlin. Aus dieser Einrichtung stammten die Pflanzensamen, aus denen die Setzlinge zum Auswildern gezogen wurden.
Kaskadensterben der Arten
Ein Drittel der Pflanzen hierzulande gilt als gefährdet – mit weitreichenden Folgen: Mit dem Schwund bröckelt die Grundlage für Nahrung, Medikamente und nachwachsende Rohstoffe für die Menschheit. Und: Die Ursache für den Schwund vieler Tierarten ist der Verlust an Nist- und Futterpflanzen. „Wer über das Insektensterben redet, muss zuerst über das Pflanzensterben sprechen“, mahnte der emeritierte Entomologe Michael Boppré schon vor geraumer Zeit. Denn das fatale Kaskadensterben der Arten fängt bei den Pflanzen an, die am Anfang der Nahrungskette stehen.
Während man Luchs und Lachs schon länger wieder aussetzt, um sie in ihren Ursprungsgebieten wieder anzusiedeln, war diese Strategie bei Pflanzen oft verpönt, berichtet Zippel: „Das wurde belächelt oder als unzulässiger Eingriff in die Natur angesehen.“ Doch der Verlust der Arten schreitet auch bei der Flora immer schneller fort, sodass derzeit ein Umdenken stattfindet, schlicht, um sich dem verheerenden Trend entgegenzustellen. Auch sind die USA und Australien schon länger offen für Wiederansiedlungen von Pflanzen, sodass auch von dort ein Paradigmenwechsel ausgeht. Samen und Pflanzenmaterial sollen nicht nur tiefgefroren in Biobanken konserviert werden. Die Arten sollen möglichst in ihren natürlichen Lebensräumen noch erhalten bleiben – als lebendige Zeugen ihrer Zeit. „Man kann bedrohte Arten nicht nur wieder ansiedeln, sondern bestehende Populationen, die immer kleiner werden, auch mit gezielten Anpflanzungen stützen“, erklärt Zippel.





