Das Eis Grönlands spielt eine Schlüsselrolle für das Klima und die weltweiten Meeresspiegel. Denn wenn dieses zweitgrößte Eisreservoir des Planeten taut, fließen enorme Mengen an Schmelzwasser ins Meer. Schon jetzt gehört die Rieseninsel zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen weltweit. Weil sich die Arktis überproportional erwärmt und veränderte Luftströmungen immer häufiger warme Luft nach Grönland bringen, taut sein Eisschild stellenweise schon exponentiell. Schon jetzt überholt der Eisverlust alle bisherigen Prognosen und im Sommer 2021 fiel auf dem kältesten, höchsten Punkt des grönländischen Eisschilds zum ersten Mal seit Beginn der Beobachtungen Regen statt Schnee. Angesichts der rapiden Gletscherschmelze vor allem im Südwesten Grönlands sehen einige Klimaforscher sogar erste Anzeichen dafür, dass sich die Gletscher dort einem Kipppunkt nähern – einer Schwelle, ab der ein komplettes Abtauen droht.
Akkumulationszone der Gletscher im Blick
Was dies konkret für die Eismassen Grönlands und für die künftigen Meeresspiegel bedeutet, haben Jason Box vom Geologischen Dienst Dänemarks und Grönlands (GEUS) und seine Kollegen nun ermittelt. Anders als viele Vorgängerstudien nutzten sie dafür keine Klimamodelle, sondern basierten ihre Berechnungen allein auf Beobachtungsdaten. “Dies ist ein komplementärer Ansatz, um den Massenverlust zu ermitteln”, erklärt Box. Weil Modelle die komplexen Wechselwirkungen zwischen Eis, Atmosphäre und Ozean bisher nur unvollständig erfassen können, sind Prognosen gerade für einige Regionen Grönlands mit großen Unsicherheiten behaftet. Die Forscher nutzten deshalb stattdessen die in den letzten beiden Jahrzehnten reichlich gesammelten Beobachtungs- und Messdaten zum Zustand des grönländischen Eisschilds und im Besonderen zur Massenbilanz der Gletscher von 2000 bis 2019 entwickelt hat.
Dafür analysierten die Wissenschaftler den Flächenanteil der einzelnen Gletscher, den ihre Akkumulationszone einnimmt. Dieser Teil eines Gletschers liegt oberhalb der sogenannten Schneelinie, dem Bereich, der selbst im Sommer kalt genug ist, um kein Eis zu verlieren. Daher nimmt in diesem Bereich das Eis durch Schneefall allmählich zu – es ist gewissermaßen die Nachschubzone eines Gletschers. Der Anteil dieser Zone verglichen mit der gesamten Gletschergröße gibt Aufschluss darüber, ob der Gletscher genügend Eis hinzugewinnt, um auf Dauer bestehen bleiben zu können. Für ihre Studie ermittelten Box und seine Kollegen, ob die aktuellen Akkumulationsflächen noch ausreichen, um das Gleichgewicht von Verlust und Zugewinn aufrechtzuerhalten – und wie groß die Diskrepanzen sind.





