Mehr als drei Kilometer dick und 1,8 Millionen Kilometer groß: Das Grönlandeis ist nach der Antarktis das zweitgrößte Eisreservoir der Erde. Doch an diesem Eispanzer nagt der Klimawandel. Jedes Jahr verlieren die Grönlandgletscher genug Schmelzwasser, um fünf Mal den Bodensee zu füllen und die großen Küstengletscher fließen immer schneller ins Meer. Doch das ist nicht alles: Schon seit Jahren beobachten Forscher mit Sorge, dass sich im Sommer auf der Oberfläche des Eisschilds tausende von Schmelzwasserseen bilden. Diese können die Gletscher zusätzlich destabilisieren und den Eisverlust so noch weiter beschleunigen. Das Problem: Der verstärkte Einstrom von Schmelzwasser in den Nordatlantik trägt nicht nur erheblich zum Meeresspiegelanstieg bei, er hemmt auch die thermohaline Zirkulation – die große Umwälzströmung des Ozeans, die unter anderem den Golfstrom antreibt und für das Klima Europas entscheidend ist. Wie viel Eis in Grönland abtaut, ist daher von enormer Bedeutung für die Meeresspiegel und die Klimaentwicklung weltweit.
Eisverlust vor allem im Südwesten
Aus diesem Grund haben nun Michael Bevis von der Ohio State University und sein Team näher untersucht, wo und wodurch Grönland in der Zeit von 2003 bis 2015 an Eis verloren hat. Für ihre Studie werteten sie sowohl Daten von Messstationen vor Ort aus als auch Daten des Gravity Recovery and Climate Experiment (GRACE) . Dieser Satellit überwachte lange Jahre die Eismassen der Erde mithilfe von Schwerefeldmessungen. Die Ergebnisse bestätigen erneut, dass Grönlands Eispanzer mit zunehmender Geschwindigkeit an Masse verliert: “Anfang 2003 verloren der grönländische Eisschild und seine ausgelagerten Eiskappen noch 102 Gigatonnen Eis pro Jahr”, berichten die Forscher. “Nur zehneinhalb Jahre später ist die Rate des Eisverlusts um das fast Vierfache angestiegen – auf 393 Gigatonnen pro Jahr.”
Überraschend jedoch: Das meiste Eis war nicht nur an den großen Küstengletschern verloren gegangen, wie eigentlich erwartet, sondern vor allem im Südwesten der Insel. “Das lässt sich nicht durch die Gletscher erklären, weil es dort kaum welche gibt”, sagt Bevis. “Der Schwund muss auf den Verlust von Oberflächeneis zurückgehen – Eis, das weiter im Inland schmilzt.” Die Forscher gehen davon aus, dass diese oberflächliche Schmelze im Sommer erst Schmelzwasserseen, dann ganze Wasserströme entstehen lässt, die dann ins Meer fließen. Das aber bedeutet, dass Südwest-Grönland künftig mehr zum Meeresspiegelanstieg beitragen wird als bisher angenommen. “Das wird einen zusätzlichen Anstieg der Pegel mit sich bringen”, sagt Bevis.
Nordatlantik-Oszillation als Verstärker
Nach Ansicht der Forscher könnte zumindest ein Teil dieser Eisschmelze bereits unumkehrbar sein: “Wir sehen hier ein Eisschild, das sich dem Kipppunkt nähert”, sagt Bevis. “Das einzige, was wir hier noch tun können, ist uns anzupassen und eine weitere Zunahme der globalen Erwärmung zu vermeiden – denn es ist schon zu spät, um den Effekt rückgängig zu machen.” Allerdings: Die neuen Daten belegen auch, dass die Eisschmelze nicht stetig oder gar linear zunimmt. Stattdessen sorgen Wechselwirkungen mit einer natürlichen Klimaschwankung offenbar ab und zu für vorübergehende “Pausen”. Eine solche Pause identifizierten die Wissenschaftler in der Zeit vom Sommer 2013 bis Anfang 2015. In dieser Zeit gab es zwar durchaus noch lokale Eisverluste, insgesamt aber sank die Schmelzrate in dieser Phase deutlich ab.





