Text: Elena Bernard
Einst ein bitter-scharfes Gebräu, serviert zu Ehren der Götter: Die Ursprünge des Kakaos haben wenig damit zu tun, wie wir ihn heute kennen. Erst seit wenigen Hundert Jahren dient er als süße Nascherei – ein verschwindend geringer Zeitraum im Verhältnis zu seiner jahrtausendelangen Kulturgeschichte. Diese Geschichte ist eng mit den Hochkulturen Mittelamerikas verknüpft: Bei den Maya und Azteken war Kakao ein rituelles Getränk, Prestigeobjekt und Zahlungsmittel zugleich. Doch die Anfänge reichen noch weiter zurück – nach Südamerika.
Uralte Spuren
Die ältesten Hinweise auf die Nutzung von Kakaobohnen stammen aus dem Südosten Ecuadors. In 5.300 Jahre alten Artefakten, darunter Steinschalen und Tongefäße, haben Forschende Rückstände von Stärkekörnern und Theobromin nachgewiesen – einem Biomolekül, das nur in domestizierten Arten des Kakaobaums vorkommt. DNA-Spuren bestätigten den Befund. Offenbar haben schon damals Angehörige der Mayo-Chinchipe-Kultur, eine der ältesten bekannten Hochkulturen Südamerikas, im oberen Amazonasgebiet Kakao landwirtschaftlich kultiviert.
Die prähistorischen Kakaogefäße wurden an Kochstellen, in Gräbern hochrangiger Personen und an Zeremonienstätten gefunden. „Das deutet darauf hin, dass die Kakaopflanzen sehr wahrscheinlich als wichtige Quelle für Nahrung, Getränke, Medizin, Stimulanzien und für zeremonielle Zwecke dienten“, erläutert die Archäologin Sonia Zarrillo von der University of British Columbia, die die Fundstücke gemeinsam mit ihrem Team untersucht hat.
Bis heute ist die genomische Vielfalt der Kakaopflanzen im oberen Amazonasgebiet am höchsten. Neben den Kultursorten finden sich hier zahlreiche wilde Arten der zu den Malvengewächsen zählenden Pflanze. Die DNA-Analysen der Überreste an Gefäßen belegen, dass die Mayo-Chinchipe sowohl domestizierte als auch die wilden Varianten parallel genutzt hatten.
In Mittelamerika dagegen, das lange als Ursprungsregion des Kakaos galt, gibt es deutlich weniger wilde Sorten und auch die domestizierten Arten sind weniger vielfältig. Anscheinend brachten Menschen die Pflanzen oder deren Samen bereits Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung über die Anden. Womöglich verbreitete sich die begehrte Art von dort mit Booten in Richtung Mexiko. „Aus archäologischen Funden geht hervor, dass die Mayo-Chinchipe mit Gruppen an der Pazifikküste in Kontakt standen“, erklärt Zarrillo. „Dieser Austausch umfasst zweifellos auch kulturell wichtige Pflanzen.“
Rituelles Getränk der Maya
Die ersten mittelamerikanischen Völker, die nachweislich Getränke aus Kakaobohnen zubereiteten, waren die Mokaya und Olmeken aus Mexiko ab etwa 1900 v. Chr. Von den Olmeken leitet sich wahrscheinlich auch der Name Kakao ab: In der Sprache dieser frühen Hochkultur wurde die Kakaopflanze als „Kakawa“ bezeichnet. Auch die Maya griffen dieses Wort auf. Eingraviert auf zahlreichen ihrer Keramikgegenstände tauchen die Glyphen für „kakaw“ auf, oft begleitet von textlichen Beschreibungen und bildlichen Darstellungen davon, wie die edle Zutat genutzt wurde. Daraus geht hervor, dass hochrangige Persönlichkeiten zu wichtigen religiösen und gesellschaftlichen Anlässen ein aufgeschäumtes Getränk aus den bitteren Bohnen konsumierten. Auch bei Hochzeiten trank das Brautpaar offenbar Kakao. Zudem diente das rituelle Getränk als Opfergabe für die Götter. Mythologischen Erzählungen zufolge sollen diese den Menschen den Kakao geschenkt haben. Darauf nahm viele Jahrhunderte später auch der Naturforscher Carl von Linné Bezug, als er dem Kakaobaum den bis heute gültigen botanischen Namen Theobroma cacao verlieh. Theobroma bedeutet übersetzt so viel wie „Speise der Götter“.





