Säugetiere haben häufiger als gedacht Gift verwendet, um ihre Beute zu töten oder zu betäuben. Kanadische Paläontologen haben fossile Eckzähne eines kleinen, bereits ausgestorbenen Raubtiers entdeckt, die eine nach unten spitz zulaufende Einkerbung aufweisen. Darüber könnte das Gift aus entsprechenden Drüsen direkt in die Beute geleitet worden sein.
Schlangen nutzen häufig Gift, um sich zu verteidigen oder ihre Beute zu töten. Dagegen bedienen sich nur wenige lebende Säugetiere dieser Methode ? darunter einige Spitzmausarten und der auf Haiti und Cuba heimische Schlitzrüssler. Richard Fox und Craig Scott konnten nun zeigen, dass bereits frühe Säugetiere diese Giftstrategie nutzten.
Die Forscher entdeckten in Zentral-Alberta Eckzähne des zu den höheren Säugetieren gehörenden Bisonalveus browni, der vor rund 60 Millionen Jahren lebte und möglicherweise einem Igel oder Maulwurf ähnelte. Die gut erhaltenen oberen Eckzähne sind mit ihrer scharfen Spitze geformt wie ein Dolch. Von der Basis bis an die Spitze des Zahns verläuft eine tiefe, an ihrem unteren Ende V-förmige Rinne, deren Wände mit Zahnschmelz ausgekleidet sind. Dies beweise, dass diese Struktur nicht nachträglich durch Splittern des Zahnes entstanden sei, erklären die Forscher.
Über die Rinne könnte das Gift aus Drüsengeweben an der Basis des Zahns in die Beute gelangt sein. Nur die so genannte Boomslang, eine Trugnatterart, weist ähnliche Giftrinnen in ihren Fangzähnen auf. Die Nordamerikanische Kurzschwanzspitzmaus dagegen hat zwar einen hochgiftigen Speichel, jedoch zeigt keiner ihrer Zähne Spuren eines derartig spezialisierten Giftspritzsystems.
Evolutionsbiologen fragen sich seit langem, warum Säugetiere so selten die Strategie des Giftzahnes nutzen und wann diese Methode in der Evolution entstanden ist. Die Entdeckung von Fox und Scott zeigt, dass zumindest frühe Säugetiere häufiger Gift verwendet haben als bislang vermutet. Das beweist auch ein weiterer Fund von Eckzähnen im Süden Albertas: Diese Zähne sind deutlich größer als die von Bisonalveus browni und enthalten ebenfalls eine tiefe Einkerbung. Von welchem Tier sie stammen ist jedoch unbekannt.
Richard Fox und Craig Scott ( Universität von Alberta, Edmonton): Nature, Bd. 435, S. 1091
ddp/wissenschaft.de ? Stefanie Offermann





