Millionen Fische werden jährlich in tropischen Korallenriffen gefangen. Die meisten von ihnen landen jedoch nicht in Topf oder der Pfanne, sondern im Aquarium: Etwa die Hälfte der knapp 4000 bekannten Korallenfischarten ist im Aquarienhandel zu finden. Der größte Absatzmarkt weltweit ist dabei die Europäische Union, mit steigenden Importen und einem aktuellen Handelswert von 14 Millionen Euro. Deutschland ist nach Großbritannien der zweitgrößte Importeur von Meeres-Zierfischen.
Leichter Fang mit tödlichem Gift
Besonders begehrt in der Meeresaquaristik sind die leuchtend bunten und kontrastreich gemusterten Doktorfische, Falterfische, Kaiserfische und Riffbarsche. Viele dieser Tiere stammen aus Indonesien und den Philippinen. Wie sie jedoch gefangen werden, sorgte schon vor 15 Jahren für eine internationalen Skandal. Denn die Fischer fingen ihre Beute damals nicht mit Netzen, sondern indem sie das hochgiftige Cyanid in Riffnähe ins Wasser gaben.
Das Cyanid lähmt die Muskeln der Fische und lässt sie im Wasser treiben, wo sie von den Fischern mühelos eingesammelt werden können. Der Fang mit Netzen ist hingegen viel schwieriger: “Die Fische fliehen in die kantigen und verwinkelten Korallen hinein, wo man sie kaum mit dem Netz erwischt”, erklärt Sandra Altherr von der Tier- und Naturschutzorganisation Pro Wildlife. “Die scharfen Korallenkanten beschädigen zudem die Netze, die Fische müssen einzeln in das Netz getrieben werden.”
Seit gut 20 Jahren verboten
Nach Schätzungen aus den 1980er Jahren wurden damals allein in den Korallenriffen der Philippinen jährlich 150 Tonnen Natriumcyanid freigesetzt – mit verheerenden ökologischen Folgen. “Viele Fische sterben dabei, andere Riffbewohner inklusive der Korallen werden gleich mitvergiftet und so das gesamte Ökosystem geschädigt”, sagt Altherr. “Weil der Fang mit Cyanid ungleich effektiver ist als die Jagd mit Netzen, lohnt sich der Einsatz für die Fischer trotz der hohen Todesrate.”
Als jedoch diese Praxis für internationale Schlagzeilen sorgte, verboten mehrere Länder den Einsatz des Cyanids im Meer. Importeure und Großhändler kündigten zudem an, auf Tiere aus Cyanidfischerei zu verzichten. Aber wurden diese Verbote und Versprechungen auch umgesetzt? Dies haben nun Marcela Vaz von der Universität von Aveiro in Portugal und ihre Kollegen untersucht. “Dies ist die erste Erhebung, die den Aquarienhandel mit Meeresfischen in der EU auf Indizien für Cyanidfischerei untersucht”, sagen sie.
Giftfischerei hält an
Das erschreckende Ergebnis: Obwohl Cyanid-Fischerei in den beiden Hauptlieferländern Indonesien und Philippinen seit langem verboten ist, ist der Anteil der mit Cyanid gefangenen Fische im Handel gleichgeblieben. “Nahezu 15 Prozent aller untersuchten Fische wiesen physiologische Indizien für einen illegalen Fang durch Cyanidvergiftung auf”, berichten Vaz und ihre Kollegen. Unter anderem konnten sie die Präsenz des Thiocyanat-Ions, eines Abbauprodukts des Cyanids, im Urin der Tiere nachweisen.





