Der Archaeopteryx ist eines der berühmtesten Fossilien der Welt und eine Ikone der Evolution. Denn als das erste Exemplar dieses gefiederten Sauriers im Jahr 1860 im Solnhofener Kalk gefunden wurde, hatte Charles Darwin gerade erst seine Theorie über die Entstehung der Arten veröffentlicht. Die Knochen des 150 Millionen Jahre alten Archaeopteryx schienen ein perfekter Beleg für die evolutionäre Entwicklung zu sein: Sie zeigten ein Tier, das sowohl Merkmale von Vögeln als auch von Dinosauriern besitzt – ein Bindeglied der Evolution. Alle seitdem in der Gegend des heutigen Altmühltals geborgenen Archaeopteryx-Fossilien offenbaren, dass diese Urvögel zwar noch Zähne, Klauen und einen dinosauriertypischen langen Schwanz besaßen, aber eben auch schon fliegen konnten – obwohl unklar ist, wie gut.
Talentierter Flugkünstler
“Der Archaeopteryx gilt damit als ältester bekannter flugfähiger Vogel – und als einziger aus der Epoche des oberen Jura”, erklären Wissenschaftler um Oliver Rauhut von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Doch dieser Titel könnte dem berühmten Urvogel nun streitig gemacht werden, wie ein neuer Fossilfund zeigt. Dort, wo auch der Archaeopteryx einst lebte, haben Rauhut und seine Kollegen die fossilen Überreste eines weiteren flugfähigen Vogels aus der gleichen erdgeschichtlichen Periode entdeckt. Bei dem Fund handelt es sich um die Überreste eines einzelnen Flügels – andere Körperteile des Tieres sind nicht erhalten. Trotzdem lieferten die Knochen den Forschern entscheidende Hinweise auf die Identität seines Besitzers. “Wir hatten erst angenommen, dass auch dieses Exemplar ein Archaeopteryx ist”, berichtet Rauhut. Doch nähere Analysen bestätigten diese Vermutung nicht.
Stattdessen zeichnete sich ab: Das Fossil weist zwar gewisse Ähnlichkeiten mit seinem bekannten Zeitgenossen auf, es gibt aber auch auffällige Unterschiede. Den Ergebnissen zufolge war der Alcmonavis poeschli getaufte Urvogel zum einen größer als Archaeopteryx. Zum anderen besaß er bereits einige moderne Körpermerkmale, die typisch für evolutionsgeschichtlich jüngere Vögel sind. Zu diesen Merkmalen gehören unter anderem bestimmte Anpassungen der Muskelansatzstellen am Flügel – sie deuten nach Ansicht der Forscher darauf hin, dass die neu identifizierte Art besser für den aktiven Flatterflug gerüstet war als Archaeopteryx. Damit bringt Alcmonavis poeschli buchstäblich neuen Schwung in die Debatte über die Entstehung des Vogelflugs: Entwickelte sich dieser wirklich aus dem Gleitflug heraus?





