Biologen unterteilen das Tierreich in Stämme, deren Vertreter jeweils eine Reihe einzigartiger Merkmale aufweisen, die sie von anderen Tierstämmen unterscheiden. Bestimmte Merkmale finden sich über mehrere Stämme hinweg. Beispielsweise gibt es drei Tierstämme, die sich mit Hilfe eines sogenannten Lophophors ernähren, einem ringförmigen, tentakelbesetzten Organ, mit dem sie Wasser und darin befindliche Nahrungspartikel in sich hinein strudeln. Dazu zählen die Armfüßer (Brachiopoda), die äußerlich an Muscheln erinnern; die Moostierchen (Bryozoa), die so heißen, weil sich die winzigen Meereslebewesen so zusammenlagern, dass sie einem Moosteppich ähneln; und die Hufeisenwürmer (Phoronida), die sich in Röhren im Meeresboden verankern. Obwohl die evolutionäre Verwandtschaft dieser Tierstämme noch nicht vollständig geklärt ist, werden sie aufgrund des bei allen Vertretern vorkommenden Lophophors als Lophophorata zusammengefasst.
Fossil aus dem frühen Kambrium
Ein Team um Jin Guo von der Universität Yunnan in China ist nun dem gemeinsamen Ursprung dieser drei Tierstämme einen entscheidenden Schritt nähergekommen. In der Chengjiang-Faunengemeinschaft, einer frühkambrischen Fossilienlagerstätte im Südwesten Chinas, haben sie einen fossilen Wurm entdeckt, der sich als urtümlicher Verwandter der drei Tierstämme herausstellte. „Als mir zum ersten Mal klar wurde, was dieses Fossil war, das ich unter dem Mikroskop betrachtete, wollte ich meinen Augen kaum trauen“, sagt Co-Autor Luke Parry von der University of Oxford. „Über dieses Fossil haben wir oft spekuliert und gehofft, dass wir es eines Tages zu Gesicht bekommen würden.“
Der Wurm, dem die Forscher den Namen Wufengella bengtsoni gaben und der auf ein Alter von rund 518 Millionen Jahren datiert wird, hat einen asymmetrischen Panzer aus sich überlappenden Platten. Darunter befand sich ein fleischiger Körper mit einer Reihe abgeflachter Lappen, die an den Seiten hervorstanden. Zwischen den Lappen und dem Panzer ragten Borstenbündel aus dem Körper heraus. Insgesamt ist der Wurm rund 16 Millimeter lang. „Er sieht aus wie der unwahrscheinliche Nachkomme aus der Kreuzung eines Borstenwurms und einer Chiton-Molluske. Interessanterweise gehört er aber zu keiner dieser beiden Gruppen“, sagt Co-Autor Jakob Vinther von der University of Bristol.

Verwandtschaft mit Ringelwürmern
Stattdessen handelt es sich offenbar um einen Vertreter der Camenellan-Tommotiide, einer Gruppe wirbelloser Tiere, die im frühen Kambrium lebte und als Stammgruppe der Armfüßer und Hufeisenwürmer gilt. Parry erklärt: „Wufengella gehört zu einer Gruppe kambrischer Fossilien, die für das Verständnis der Entwicklung der Lophophorata entscheidend ist. Dank dieser Fossilien verstehen wir nun, wie sich aus Vorfahren mit vielen schalenartigen Platten die Armfüßer entwickelten, die nur noch zwei muschelartige Schalen aufweisen.“





