Der Mensch hat nur doppelt so viele Gene wie Fadenwürmer
Der Mensch hat nur etwa 30.000 Gene. Das ist eins der wichtigsten Ergebnisse der vollständigen Entschlüsselung unseres Erbguts. Craig Venter und seine amerikanische Firma Celera Genomics sowie das von Francis Colins geleitete internationale Human-Genom-Projekt ( HGP) haben die umfangreichen Sequenzdaten jetzt in den Fachzeitschriften Science und Nature veröffentlicht.
Vor der Sequenzierung des menschlichen Genoms hatten Forscher die Anzahl der Gene auf bis zu 140.000 geschätzt. Im Vergleich zur Bäckerhefe mit ihren 6.000 Genen hat der Mensch immerhin fünf Mal so viele Gene, aber nur dreimal so viele wie die Fruchtfliege Drosophila melanogaster. Der Unterschied zum Fadenwurm Caenorhabditis elegans mit 18.000 Genen und zur einzigen vollständig sequenzierten Pflanze, der Ackerschmalwand Arabidopsis thaliana mit 26.000 Genen ist überraschend gering.
Die Anzahl der Gene kann man allerdings noch nicht exakt bestimmen, da die Computerprogramme, die Gene ausfindig machen sollen, fehlerhaft arbeiten. Doch eins ist klar: Der Menschen ist nicht deshalb komplexer als Fliegen und Würmer, weil er mehr Gene besitzt. Woher der Mensch sein umfangreiches Verhaltensreportoire, sein bewußtes Handeln, seine Lernfähigkeit und Gedächtnis schöpft, muß weiter erforscht werden. “Die Frage, was uns menschlich macht, lässt sich nicht beantworten, indem wir auf unser Genom starren,” meint der Nobelpreisträger David Baltimore.
Das Erbgut des Menschen entspricht einer Bibliothek mit 1.000 Büchern, die jeweils 100 Seiten stark sind. Diese Bibliothek ist im Internet öffentlich zugänglich und wird ständig aktualisiert. Etwa ein Viertel der DNS ähnelt einer Wüste, dort liegen nur sehr wenige Gene, die selten abgelesen werden. Andere Bereiche gleichen dem tropischen Regenwald: In den sogenannten “hot spots” liegen besonders viele aktive Gene. 223 Gene des Menschen sind denen von Bakterien sehr ähnlich. Vermutlich sind sie im Laufe der Evolution vom Menschen aufgenommen worden. Etwa 40 Prozent der DNS besteht aus sich wiederholenden Abschnitten. Überraschend ist auch die hohe Übereinstimmung der Gene zwischen zwei zufällig ausgewählten Menschen: 99,99 Prozent der Gene sind identisch.
Nach einer groben Schätzung sind nur etwa zehn Prozent der Gene in Krankheitsprozesse verwickelt. Wenn es also nur 3.000 Kandidatengene für menschliche Erkrankungen gibt, bedeutet das wiederum, dass für jede der 100 großen forschenden Pharmafirmen etwa 30 Gene übrig bleiben, auf die sie sich konzentrieren können. Das wird möglicherweise nur einige Jahre in Anspruch nehmen, meint Jean-Michel Claverie in Science. Die Entwicklung personalisierter Therapien könnte für die Zukunft der Pharmafirmen daher entscheidend sein. (Science, 16. Februar 2001, S. 1251-1255)
Dr. Marianne Diehl





