Die Suchtgefahr wird etwa zur Hälfte durch unser Genom bestimmt
Psychologen erhalten durch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms neue Erkenntnisse darüber, wie Menschen süchtig werden und welche Therapien ihnen am besten helfen könnten. Die genetischen Faktoren, die zum Suchtverhalten beitragen, lassen sich jetzt genauer untersuchen, hält eine Gruppe von Wissenschaftlern der University of Texas in Dallas fest. So wurden neue Genfamilien entdeckt, die offenbar bestimmte Andockstellen für Drogen beeinflussen. Diese Rezeptoren werden durch Suchtmittel wie Alkohol oder andere Rauschgifte aktiviert und geben entsprechende Signale an das Hirn weiter. Dort entsteht schließlich der Rauschzustand.
Beim typischen Suchtverlauf sprechen die Rezeptoren jedoch immer weniger auf das Suchtmittel an. Sie werden toleranter, das bedeutet, es muss mehr eingenommen werden, um die frühere Wirkung zu erzielen. Die bei der Entschlüsselung neu entdeckten Genfamilien regeln diese Veränderung an den Rezeptoren. Dabei ist jedoch noch nicht klar, für welche Rezeptoren sie zuständig sind. In weiteren Studien soll das genauer untersucht werden.
Das Risiko, süchtig zu werden, hängt bei uns Menschen etwa zur Hälfte von unseren Erbanlagen ab. Die Entschlüsselung des Genoms soll auch hier mehr Klarheit bringen. So erhoffen sich die Wissenschaftler eine genaue Identifizierung der entsprechenden Gene, die Menschen anfällig für eine Sucht machen.
Auch die neuen Techniken, die durch die Genom-Entschlüsselung möglich gemacht wurden, tragen dazu bei, Sucht besser zu untersuchen und zu verstehen. So können jetzt mehrere tausend Genprodukte, die nach der Einnahme eines Suchtmittels gebildet werden, gleichzeitig untersucht werden. Dadurch entsteht ein sehr viel genaueres Bild der Veränderungen im Körper.
Vor der Entschlüsselung des menschlichen Genoms waren Wissenschaftler auf Tierversuche angewiesen, um nach den Ursachen von Sucht zu forschen. Da Tiere andere Gene als Menschen haben, blieben die Erkenntnisse begrenzt. (Nature, 15. Februar 2001, S. 834-835)
Gabriele Dinkhauser





