Für Schneeglöckchenliebhaber sind die zarten Frühlingsblüher ein besonderes Highlight. Viele Enthusiasten sammeln verschiedene Sorten und tauschen sich auf Märkten aus. Ein Besuch bei den Schneeglöckchentagen in Knechtsteden.
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Text: Oliver Abraham
Die Schlange der Besucher vor den Toren des Klosters Knechtsteden ist lang an diesem kalten Wintermorgen. Es sind wieder Schneeglöckchentage – und die Leute sind gekommen, um zu gucken und zu kaufen. Die Händler und die Züchter, die Sammler und die Hobbygärtner. Um Neues zu entdecken, sich auszutauschen, um für den Garten oder die eigene Kollektion etwas Schönes zu suchen und ein passendes Schneeglöckchen zu finden. Hinter den Klostermauern werden die Schätze arrangiert, draußen die Wunschlisten gezückt. Wer freut sich nicht über diese feinen, zarten Blüten zum Ende des Winters? Wobei es eine Sortenvielfalt gibt, die über den ganzen Winter Freude bereitet, nicht nur im Februar.
Innerhalb der Klostermauern von Knechtsteden gibt es in diesen Tagen Schneeglöckchen über Schneeglöckchen. Hübsch sind sind sie alle, manche haben sehr ausgefallene Muster. Da stehen Schneeglöckchen im Topf, für die vierstellige Summen aufgerufen werden – oh ja, die gibt es! Und Preisschilder, die für kleine Schönheiten 120, 125, oder 240 Euro annoncieren. Auf anderen Schildern steht aber auch drei Euro, oder sechs oder zehn Euro.
Bei der Vielfalt an Schneeglöckchen beginnt man aufs Detail zu achten und die feinen Unterschiede wahrzunehmen. Und überall begegnet man Leuten mit einem stillen Lächeln im Gesicht. Weil man sich eben über Schneeglöckchen freut, wenn’s draußen dunkel und trübe ist. Die Natur aber schon ausruft: „Es geht wieder los!“ Zumindest bald. Man spürt das irgendwie, wenn man Schneeglöckchen sieht.
Züchter, Sammler und Gartenfreunde
Die ersten Schneeglöckchen-Enthusiasten fanden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in England zusammen, und längst hat diese Leidenschaft auch Schneeglöckchen-Freunde in Deutschland erfasst. Michael Dreisvogt ist Leiter des Arboretum Park Härle in Bonn und interessiert sich seit den 1990er Jahren für die Vielfalt der Schneeglöckchen. Er schätzt die Gemeinde der wirklich ernsthaften Sammler – die tatsächlich vierstellige Summen für ein Schneeglöckchen bezahlen – in Deutschland auf rund 100 Personen; die Zahl der Züchter in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Großbritannien auf knapp zwei Dutzend. Werden es mehr? „Ja, ich würde sagen, dass es einen Schneeglöckchen-Hype gibt und dass er noch zunimmt“, sagt Dreisvogt. „Vor einigen Jahren gab es in Deutschland nur einen Schneeglöckchen-Markt, heute gibt es zahlreiche Märkte in verschiedenen Regionen.“
Martin Pflaum, gelernter Gärtner und studierter Agrarwissenschaftler, ist Veranstalter der Schneeglöckchentage auf dem Gelände des Klosters Knechtsteden am Niederrhein. Den nächsten Termin hat er für das Wochenende des 21. und 22. Februar 2026 geplant.
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Wann genau die Leidenschaft fürs Schneeglöckchen nach Deutschland kam und hierzulande Fahrt aufnahm, vermag er nicht zu sagen, die Begeisterung habe sich nach und nach entwickelt. Auch er hat den Eindruck, dass die Liebe und Leidenschaft fürs Schneeglöckchen nach wie vor anhalte und neben den Sammlern und Züchtern auch zunehmend normale Gartenfreunde zu ausgefallenen Sorten greifen. Schlicht, weil sie Freude daran haben. Längst gibt es bundesweit einschlägige Märkte und Pflanzenbörsen, auf denen alle zusammenkommen. Die Szene professioneller Schneeglöckchen-Züchter sei zwar klein, aber vital. Pflaum schätzt die Zahl der ernsthaft interessierten Schneeglöckchenfreunde auf eine vierstellige Zahl: „Auf meiner Veranstaltung rechne ich mit über 1.000 Besucherinnen und Besuchern, die auch gern etwas mehr Geld in die Hand nehmen, um die eine oder andere ausgefallene Sorte zu kaufen.“
Der Preis besonderer Exemplare
Bei Auktionen im Internet werden bisweilen exorbitant hohe Summen, zuletzt von mehr als 2.200 Euro für ein Schneeglöckchen namens Golden Tears erzielt. „Wir reden hier von einer Blumenzwiebel, an dem einen Stängel hängen zwei Blüten“, sagt Michael Dreisvogt.
„Wenn eine Sorte neu ist und besonders schön, dann will sie natürlich jeder haben. Golden Tears ist nicht die einzige Sorte, die vierstellige Summen erzielte, auch für Golden Fleece wurden so hohe Preise bezahlt.“ Es bleibe auf Dauer jedoch nicht bei diesem Preisniveau für eine Sorte, da das Angebot irgendwann größer werde als die Nachfrage.
Um einen sehr hohen Preis zu erzielen, muss eine Spitzensorte besonders hervorstechen: mit einer besonders schönen Zeichnung auf der Blüte etwa, zum Beispiel einem Herzchen oder einem Gesicht. Oder sie wartet mit einer besonderen Färbung auf, wie dem Gold bei der Sorte Golden Tears. Es muss etwas Neues, noch nie Dagewesenes sein. Gleichzeitig sollte ein Schneeglöckchen auch immer eine gute Gartenpflanze sein, neue Züchtungen müssen sich auch draußen im Garten bewähren.
Die teuren Sorten, erklärt der Veranstalter Pflaum, seien reine Liebhaberobjekte. Für Hobbygärtner gebe es eine Vielzahl an schönen, aber preiswerten Varianten, die zudem robust und vermehrungsfreudig seien – daran habe man laut Pflaum schnell viel Freude und mit verschiedenen Sorten auch einen insgesamt langen Blühzeitraum. Es existiere eine Sortenvielfalt, die eine Blühperiode von Oktober bis April ermögliche.
„Die Sorte Nothing Special war mein erstes gekauftes Schneeglöckchen“, berichtet Pflaum. „Für eine Zwiebel mit einem Stängel und zwei Blüten habe ich damals 10 oder 15 Euro bezahlt“, erinnert er sich. „Bis heute sind daraus bestimmt 50 Pflanzen geworden, die sich in meinem Garten von selbst vermehrt haben und nun ein schönes Polster bilden, in dem sie dicht bei dicht stehen und schön anzusehen sind. Ich bin begeistert. Man fängt am besten mit etwas Preiswertem und Einfachem an – schöne Schneeglöckchen müssen nicht die Welt kosten.“
Ein Zeichen für neues Leben
Schneeglöckchen sind Vorboten des Frühlings, sie künden das neue Jahr an, sind Lichtblicke in der Dunkelheit und wecken Vorfreude beim Betrachter.
Ihre Blüten haben zudem kaum Konkurrenz, außer zum Beispiel Winterjasmin oder Christrosen, da wird der Blick in den winterlichen Garten automatisch auf die Schneeglöckchen fokussiert. Und sie sind als Frühblüher für Insekten die erste Weide. Es seien intensive Momente beim Genauer-Hinsehen. „Solche Kleinigkeiten machen während und kurz nach einem dunklen Winter glücklicher als manch Großes. Sie sind eine schöne Überraschung – das will man doch im Garten haben“, findet Dreisvogt.
Blühende Schneeglöckchen gehören zu den ersten Lebenszeichen des neuen Jahres, meint auch Martin Pflaum: „Das Jahr beginnt, das Leben fängt wieder an! Die Tage werden zwar wieder länger, aber man sieht das nicht wirklich bewusst – Schneeglöckchen zeigen es uns. Sie sind Sympathieträger, ich kenne niemanden, der sie nicht toll findet.“
Aus dem Südwesten
Ursprünglich stammt das Schneeglöckchen aus dem Kaukasus, von der Krim, aus Südeuropa und der Türkei. In Deutschland sind nur sehr wenige natürliche Standorte im Süden bekannt. „Schneeglöckchen stehen in Deutschland unter Naturschutz und dürften aus freier Natur nicht entnommen werden“, warnt Dreisvogt.
Durch eine zufällige natürliche Kreuzung sei die Entstehung einer schönen, neuen Sorte allerdings auch nahezu unmöglich. Auf den Märkten angebotene Schneeglöckchen stammen ausschließlich aus gärtnerischer Vermehrung. Michael Dreisvogt bekomme für das Arboretum Park Härle oft von Züchtern Pflanzen, die sie für ihre Zwecke nicht verwenden könnten, erzählt er, den Begriff Ausschuss mag er dafür nicht verwenden. „Die sind ja trotzdem schön, es sind immer wieder hübsche Überraschungen dabei, immer wieder richtig tolle Sachen.“ Im Arboretum Park Härle wachsen inzwischen mehr als 400 Sorten, die die vielen immergrünen Gehölze und Stauden im Winterhalbjahr gut ergänzen. „Die Sammlung ist in das gestaltete Gelände integriert und lockt jedes Jahr viele Besucher zu der sonst eher ruhigen Zeit in den Park.“
Zierde im Garten
Ralf Becker hat einen 3.300 Quadratmeter großen Naturgarten in Ratingen bei Düsseldorf. Der Hobbygärtner hat diesen Garten selbst angelegt und dabei Hunderte Schneeglöckchen integriert. „2021 bestand dieser Garten bei unserem Einzug nur aus Wiese mit einem Mähroboter. Mein Ziel war die Umgestaltung in einen Naturgarten und von Anfang an habe ich Schneeglöckchen in die Planung integriert“, berichtet Becker, „Ich lasse sie mir von Händlern und Züchtern schicken, gehe aber auch gern auf Pflanzenmärkte – gerade auf solche, auf denen Raritäten zu sehen und zu kaufen sind, wie zum Beispiel hier in Knechtsteden.“
Insektenfest im späten Winter
Becker geht es aber nicht nur um die Optik: „Ich möchte Bienen und Hummeln das ganze Jahr über ein reich gedecktes Buffet anbieten. Die Hummelköniginnen werden schon bei vier Grad plus aktiv, Bienen erst bei zwölf Grad über null“, erklärt er, „Auch die Länge des Tageslichtes spielt im Lebenszyklus von Bienen und Hummeln eine Rolle. Aber ab Anfang, Mitte Februar geht es wieder los.“
Und dann müsse, so Becker, die Hummelkönigin nach der Winterstarre etwas zu Fressen bekommen. Nur sie überlebe den Winter, die Arbeiterinnen sterben im Herbst. „Die Hummel muss sich nach Erwachen sofort stärken“, berichtet er, „um Kraft zur Gründung eines neuen Staates zu sammeln.“ Mit einem Nektarwert von zwei Punkten (von vier) spiele das Schneeglöckchen zwar bestenfalls im Mittelfeld mit, aber es sei neben den wenigen blühenden Pflanzen zum Ende des Winters eine wichtige Ergänzung auf dem Speiseplan.
„Wenn du einen Garten anlegen möchtest, der Hummeln sowie Wild- und Honigbienen auch sehr früh im Jahr die notwendige Weide bietet und nicht nur Möglichkeiten zur Überwinterung, dann kommst du an Schneeglöckchen nicht vorbei. Dabei hilft jede Sorte, auch die günstigen“, sagt Becker, „und genau das ist für mich faszinierend, dass ich mit meinem Naturgarten auf relativ kleinem Grund ein Stück zur Artenerhaltung und Biodiversität beitragen kann.“ Er hat auf den 3.300 Quadratmetern seines Naturgartens viele sogenannter Tuffs, also Nester oder Kissen von 10, 20, 30 oder mehreren Schneeglöckchen gesetzt, die darin zusammenstehen.
„Die stehen im ganzen Garten verteilt, das ist mein Winterbuffet für die Hummeln und die Honigbienen, die sich an den ersten warmen Tagen des Jahres aus ihrem Bienenstock hinaustrauen. Es ist ein Glücksgefühl, wenn sich die Hummelköniginnen teilweise dicht gedrängt um die Tuffs aus Schneeglöckchen, Winterheide oder Krokussen drängen. Die Hummeln können nicht in einen Bienenstock zurückfliegen und dort den Honig aus dem letzten Jahr fressen. Sie sind auf einen reich gedeckten Tisch im Garten angewiesen. Es ist eine pure Freude, zu sehen, wenn die Hummeln den Winter überstanden haben. Eine neue Generation wächst heran, der Frühling steht in den Startlöchern.“ //
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