Babygeschrei versetzt Eltern sofort in Alarmbereitschaft, während es Erwachsene ohne Kinder eher kalt lässt. Diesen Unterschied entdeckten Schweizer Forscher, als sie die Gehirnaktivitäten von Eltern und kinderlosen Erwachsenen untersuchten. Demnach aktivieren weinende Babys die Nervenzellen im Gefühlszentrum des Gehirns bei Eltern deutlich mehr als bei Kinderlosen. Das berichtet der Online-Dienst der Fachzeitschrift Nature (22. Dezember).
Erich Seifritz und seine Kollegen von der Universität Basel spielten Eltern kleiner Kinder und kinderlosen Männern und Frauen Aufnahmen lachender oder weinender Babystimmen vor. Gleichzeitig beobachteten die Forscher die Gehirnaktivität der Versuchspersonen mit der so genannten funktionalen Magnetresonanztomographie, mit der Aktivitäten in verschiedenen Gehirnbereichen sichtbar gemacht werden können.
Bei den Reaktionen der Probanden zeigten sich deutliche Unterschiede in den Gehirnen von Eltern und Kinderlosen: Im Gehirn der Eltern provozierte das Babyweinen hohe Aktivität in der so genannten Amygdalaregion und dem limbischen System, die für die Gefühlsverarbeitung zuständig sind. Eine solche Reaktion fehlte bei den kinderlosen Probanden weitgehend. Lachten die Babys dagegen, reagierten eher die Kinderlosen ? nach Ansicht von Studienleiter Seifritz ein deutliches Zeichen dafür, dass die Gehirnaktivierung erlernbar ist.
Neben dem Gefühlszentrum erregte eine weitere Gehirnregion das Interesse der Forscher: Bei allen Frauen, nicht jedoch bei den Männern, fiel die Aktivität des so genannten präfrontalen Kortex ab, sobald sie die Stimmen der Kinder hörten. Dieser Gehirnbereich fungiert normalerweise als eine Art Filter, der unwichtige Geräusche aus der Vielzahl der täglichen Wahrnehmungen entfernt. Nimmt die Aktivität in diesem Bereich ab, entspricht das einer Öffnung des Filters. Dadurch reagierten die Frauen schneller auf die Babygeräusche. Dabei spielte es weder eine Rolle, ob die Babys lachten oder weinten, noch ob die Frauen Mütter waren oder nicht.
Die Reaktion Erwachsener auf Babystimmen besteht also aus einem erlernten und einem geschlechtsspezifischen, angeborenen Anteil, fassen die Forscher ihre Ergebnisse zusammen. Die Ergebnisse könnten helfen, Menschen mit gestörten Eltern-Kind-Beziehungen oder anderen emotionalen Störungen zu behandeln.
Originalartikel: Biological Psychiatry, Band 54, S. 1367
ddp/bdw – Ilka Lehnen-Beyel





