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Geheimnisvoller Weißer Hai
Um den Weißen Hai (Carcharodon carcharias) ranken sich seit jeher die Mythen. Zudem schürten Filme wie Steven Spielbergs „Der Weiße Hai“ von 1975 das Bild einer blutrünstigen, Menschen jagenden Bestie und führten zu einer unerbittlichen Jagd auf die Jäger. Zuletzt wurde die Art durch Überfischung und veränderte Lebensräume immer weiter dezimiert.
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Text: Bettina Wurche
Um den Weißen Hai (Carcharodon carcharias) ranken sich seit jeher die Mythen. Zudem schürten Filme wie Steven Spielbergs „Der Weiße Hai“ von 1975 das Bild einer blutrünstigen, Menschen jagenden Bestie und führten zu einer unerbittlichen Jagd auf die Jäger. Zuletzt wurde die Art durch Überfischung und veränderte Lebensräume immer weiter dezimiert.
Die verbliebenen Hochseebewohner entzogen sich durch ihre Wanderungen in die Weiten und Tiefen der Ozeane einer genaueren Erforschung. So konnte lange Zeit kaum biologisches Wissen über die großen Jäger und ihre Lebensweise gesammelt werden. Niemand wusste etwa, wann die Tiere geschlechtsreif werden, wo sie sich paaren oder ihre Jungen zur Welt bringen, auch nicht, wie alt die Top-Prädatoren werden und welche Wege sie zu Lebzeiten durch die Weltmeere nehmen.
Erst einige technische Neuerungen ermöglichten tiefere Einblicke in das Privatleben der großen grauen Knorpelfische mit dem perlweißen Bauch.
Ein Babybild aus dem Surfer-Paradies
Dass Drohnen mit hochauflösenden Kameras in den letzten Jahren erschwinglich geworden sind, hat die Beobachtung von Haien in der Natur und damit ihre Erforschung revolutioniert.
Mit solchen Luftaufnahmen ist etwa der Fotograf Carlos Gauna – sein Künstlername ist „The Malibu Artist“ – bekannt geworden. Seine spektakulären Bilder zeigen wesentlich mehr Weiße Haie vor den kalifornischen Küsten, als Wissenschaftler bis dahin angenommen hatten. Meist sind es Jungtiere, die direkt unter den Badenden und Surfern hindurch Rochen jagen.
Mittlerweile arbeitet der Fotoprofi mit Haiforschern wie Phillip Sternes zusammen. 2023 gelang den beiden eine Sensation: Eine Drohne fing ein, wie sich nahe der Oberfläche am Strand von Santa Barbara ein Fisch durch den warmen Pazifik schlängelte. Seine Muskelstränge arbeiten erkennbar unter der Haut und das Sonnenlicht reflektierte auf dem weißlich-grauen Rücken. Es waren die ersten jemals gemachten Aufnahmen eines neugeborenen, erst 1,50 Meter langen Weißen Haies.
Die südkalifornischen Küstengewässer zwischen Malibu und San Diego sind eine bekannte Carcharias-Kinderstube. Im Zeitraum der Drohnenaufnahme waren in der Region bereits einige erwachsene Weiße Haie gesichtet worden – darunter auch potenzielle Haimütter.
Im Körper trächtiger Haiweibchen wachsen innerhalb von 18 Monaten nach bisherigen Erkenntnissen zwischen 2 und 14 Nachkommen in Eiern heran, schlüpfen noch im Leib und kommen schließlich lebend zur Welt. Bis zur Geburt ernähren sie sich durch ihren Dottersack am Bauch.
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Der von Gauna und Sternes entdeckte helle „Winzling“ mit den noch abgerundeten Flossen passte in seiner Länge tatsächlich ziemlich genau zu Embryonen Weißer Haie – die größten bisher nachgewiesenen, die offenbar kurz vor dem Geburtstermin waren, maßen etwa 143 Zentimeter. Einige weiße Gewebestücke, die im Kielwasser des gesichteten Exemplars trieben, interpretieren Sternes und Gauna als Reste der abgestreiften Embryonalhülle.
Kinderstuben und Jugendklubs
Vor der südkalifornischen Küste tummeln sich viele solcher jungen Weiße Haie unter drei Metern Länge. „YOY“ – „Young Of the Year“, also unter einem Jahr alt, nennen Biologen wie Christopher Lowe die kleineren. Die größeren, schon etwas älteren sind „JWS“ – „Juvenile White Sharks“, also heranwachsende Weiße Haie.
Lowe beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit den großen Fischen und leitet das Shark Lab der California State University in Long Beach (CSULB). Zwischen Santa Barbara und San Diego befindet sich einer der beobachteten Horte für Haie, ein weiterer liegt südlich davon in der Vizcaino Bay vor der mexikanischen Halbinsel Baja California. Zwischen den beiden Standorten konnten die Biologen Wanderungen markierter Junghaie nachweisen: Von April bis Oktober sind die YOY und JWS an den US-Stränden unterwegs, doch wenn die Wassertemperatur im Spätherbst unter 15 Grad Celsius fällt, schwimmen die Jungtiere in mexikanische Gewässer. Im nächsten Frühjahr ziehen zumindest einige von ihnen wieder in Richtung der USA. Die flachen Buchten Südkaliforniens, erklärt Chris Lowe, sind für die jungen Haie perfekt: Sie fühlen sich im flachen Wasser sicherer. Denn Fressfeinde wie ausgewachsene Artgenossen oder Makohaie sowie Orcas bleiben in den tieferen Bereichen. Letztere haben eine besondere Vorliebe für die nahrhaften Hailebern. Das wissen die großen Weißen und meiden Gebiete, in denen sie Orcas gesichtet haben, für längere Zeit.
Schon immer war jedoch der Mensch die größte Bedrohung für die Meeresräuber. Seit Weiße Haie in den 90er-Jahren unter Schutz gestellt wurden und parallel jene Arten von Fischereinetzen verboten wurden, in denen die Tiere bis dahin oft als Beifang starben, ist ihre Anzahl im Westen der USA wieder kontinuierlich gestiegen.
Schutz durch Haitracker und Luftüberwachung
Der Hai-Experte hat festgestellt, dass es die Jungtiere – vermutlich nach einem anstrengenden Tag in tieferen Bereichen – vor allem nachmittags in Strandnähe zieht, wo die Sonne das flache Wasser angenehm erwärmt hat. Es gibt dort zudem reichlich Nahrung für Junghaie wie Rochen oder andere Grundfische, die leicht zu fangen sind.
Da diese Beute nur schwer mit Menschen zu verwechseln ist, sind die dort badenden oder Wassersport treibenden Menschen kaum in Gefahr. Um dennoch die Wahrscheinlichkeit von Hai-Mensch-Kontakten möglichst gering zu halten, überwachen die Biologen den kritischen Bereich per Drohne und bieten unter https://sharkeye.org Warnungen per Textnachricht an. Die Gefahr eines Angriffs ist jedoch äußerst gering, erklärt Lowe. Tatsächlich werden laut Haistiftung weltweit wesentlich mehr Menschen von Kokosnüssen erschlagen als von Haien angegriffen. An den Stränden Kaliforniens gab es von 1950 bis Oktober 2024 nur drei Vorfälle. Fast immer dreht der Hai ab, bevor es zu einer Konfrontation kommt. Der Mensch passt nicht in sein Beuteschema, und meist bemerkt ein heranschwimmender Hai seinen Irrtum schnell. Allerdings kann eine einzige Fehleinschätzung bereits fatale Folgen haben: Die Beißkraft eines ausgewachsenen Weißen Hais ist mit bis zu 5.000 Newton die höchste im gesamten Tierreich.
Um mehr über die Lebensweise der Haie in der Region zu erfahren, holen die Forschenden heranwachsende Exemplare unter drei Metern Länge mit einem Kescher ins Boot und implantieren Sender, vermessen die Tiere und nehmen Blutproben. Ist der Fisch zu groß oder die See zu unruhig, bringen sie den Sender aus der Distanz per Stab am Hai an. Gewebeproben werden ebenfalls im Vorbeischwimmen entnommen: Mit einem Speer wird zur Biopsie ein winziges Stückchen Muskelgewebe mit Haut herausgestanzt. Außerdem wird per Unterwasserkamera eine Aufnahme vom Bauch gemacht: Männchen lassen sich an ihren zu Klaspern (Begattungsorganen) umgeformten Bauchflossen erkennen.
Die Hotspots älterer Haie
Die geschlechtsreifen, größeren Carcharodons leben weiter nördlich: Die jahrelange Datenerfassung ergab, dass sich im Meeresgebiet von der Monterey Bay hoch nach San Francisco bis zu den westlich liegenden Farallon-Inseln im Herbst etwa 300 heranwachsende und erwachsene Weiße Haie tummeln.
Die Daten zeigen auch, dass die Männchen mit 26 Jahren und einer Länge über 4,3 Meter ausgewachsen sind. Die Weibchen werden oft über 5,5 Meter lang und sind ab etwa 33 Jahren fortpflanzungsfähig. Das Alter der Tiere lässt sich an Jahresringen in den Wirbelknochen ablesen, allerdings nur bis zu einem Alter von 44 Jahren. Danach wachsen die Haie kaum noch in der Länge, weshalb lediglich Schätzwerte möglich sind. Die Lebenserwartung der Weißen Haie liegt danach bei etwa 70 Jahren. Als Erwachsene legen sie vor allem noch an Körperumfang zu und brauchen dafür energiereiche Nahrung wie junge fette See-Elefanten und andere Meeressäuger.
Ältere Haie haben feste Reviere, die sie in Suchmustern auf der Jagd nach Beute abschwimmen. Da hier die meisten Hai-Unfälle in US-Gewässern passieren, weil es manchmal doch zu Verwechslungen mit Schwimmern oder Surfern kommt, heißt es „Rotes Dreieck“. Bei den insgesamt 201 Vorfällen zwischen 1950 und 2021 kam es zwar nur bei gut der Hälfte überhaupt zu Verletzungen, in den rund 70 Jahren ließen allerdings 15 Menschen ihr Leben nach einem Hai-Angriff.
Mittlerweile vermuten Experten, dass einige der Meeresgebiete dort auch als Orte für das Fortpflanzungsritual der Einzelgänger genutzt werden. Für dieses gibt es bis heute weltweit nur zwei bestätigte Augenzeugenberichte, beide aus den Gewässern vor Neuseeland: Das Weiße Hai-Paar trifft sich Bauch an Bauch und rollt gemeinsam im Wasser. Für die dann folgende innere Befruchtung beißt sich das Männchen mit den Zähnen an seiner Auserwählten fest, bringt sich Kloake an Kloake liegend in Position und überträgt dann mithilfe der Klasper-Bauchflossen sein Sperma in ihre Kloake. Die ruppige Paarung der Raubfische hinterlässt einige Spuren an Kopf und Flossen des Weibchens. Ein Team der unabhängigen Non-Profit-Forschungsorganisation OCEARCH, die mit anderen Haiforschern eng kooperiert, folgt besenderten Haien und liegt auf der Lauer zur Dokumentation dieses „Liebesspiels“. Nach erfolgreicher Fortpflanzung schwimmen die Haie meist getrennter Wege in Richtung Hawaii und verbringen Winter und Frühling dann wieder mit Artgenossen in lockerer Ansammlung um die mitten im Ozean liegende Insel Guadalupe, im sogenannten „White Shark Café“. In solchen Arealen, in denen sich viele Weiße Haie versammeln, wissen sie zwar von der Anwesenheit und den Fressorgien der anderen, schwimmen sich aber meist aus dem Weg. Gelegentlich kommt es aber doch zu Konfrontationen um Rangordnung und Territorium, die ihre Spuren hinterlassen. Weitere sichtbare Narben entstehen im Kampf mit der Beute oder Prädatoren. Außerdem sind Haie oft von Kollisionen mit Schiffspropellern und Fischereinetzen gezeichnet. All diese Narben helfen neben Form und Färbung der Tiere bei ihrer individuellen Identifikation – wie ein Fingerabdruck.
Auf der Spur der großen Weißen im Atlantik
Auf der östlichen Seite des nordamerikanischen Kontinents ist ein anderer der weltweit neun C. carcharias-Bestände beheimatet und ebenfalls zwischenzeitlich gut erforscht. OCEARCH hat zwischen 2012 und 2023 auf 17 Forschungsfahrten im Atlantik 92 Männchen und Weibchen in allen Lebensstadien analysiert und besendert. Dafür werden die Knorpelfische über die hydraulische Plattform des Schiffs M/V OCEARCH aus dem Wasser gehoben. Über einen Schlauch fließt während der gesamten Prozedur sauerstoffreiches Meereswasser ins Maul des Fischs und ein feuchtes Tuch über dem Kopf schützt Augen und Kiemen vor dem Austrocknen. Um Folgeschäden zu vermeiden, werden die Untersuchungen außerdem auf 15 bis 20 Minuten beschränkt. In dieser Zeit müssen alle Daten gesammelt und Proben entnommen sein. Dazu gehören die methodische Messung von Länge und Umfang des Hais, die Blutabnahme aus der Schwanzvene zur Bestimmung des Hormonstatus, des Stresslevels und der Schadstoffbelastung sowie verschiedene Gewebeproben für DNA- und Isotopenanalysen, die Aufschluss über seine Ernährungsgewohnheiten geben. Einige der Biologen nehmen Abstriche von den Kiemen und anderen Körperstellen für Informationen zum Mikrobiom, während andere mit langen Pinzetten Parasiten aus Maul und Kiemen picken. Männliche Haie müssen noch eine Samenprobe abgeben, bei Weibchen klärt ein Ultraschall, ob sie trächtig sind. Die Knorpelfische bleiben bei dieser Prozedur erstaunlich ruhig, auch die tierärztliche Überwachung zeigt keinerlei Stresssymptome.
Der Haiproband wird auch noch besendert, um in seinen Bewegungen nachverfolgbar zu sein: Ein akustischer Sender kommt als Implantat in die Bauchhöhle, seine Signale werden im Wasser von Hydrophonen aufgefangen. Dazu erhält der Hai noch einen Satelliten-Transmitter: Der sogenannte SPOT-Sender an der Rückenflosse sendet beim Auftauchen ein Signal, das von Satelliten empfangen wird und die Wanderroute aufzeichnet – diese ist über den OCEARCH-Global Shark-Tracker öffentlich zugänglich unter https://www.ocearch.org/tracker/.
Ein anderer Satellitensender, PSAT genannt, sammelt je nach Einstellung bis zu einem Jahr lang Daten wie Wassertemperatur oder Schwimmtiefe eines Hais. Damit können Biologen den Tagesablauf des jeweiligen Fisches anhand eines dreidimensionalen Bewegungsschemas rekonstruieren. Am Ende löst sich der Sender vom Tier und steigt an die Oberfläche, wo der gesammelte Datenschatz per Satellit übermittelt wird. Manchmal werden die PSAT-Tags auch an der Wasseroberfläche oder an einem Strand geborgen und liefern den Forschern dann zusätzlich die hochaufgelösten Rohdaten der Bewegungen des Hais– modernste Technologie zur Erforschung einer 450 Millionen Jahre alten Tiergruppe.
Die aus den Sendern, der Fischerei und Augenzeugenberichten gewonnenen Daten zeigen: Auch vor der nordamerikanischen Atlantikküste gibt es wieder mehr Weiße Haie. Und die vielen Jungtiere vor New York und New Jersey deuten auf eine dortige Kinderstube der Jüngsten hin.
Erwachsene Exemplare schwimmen im Sommer im tieferen Wasser bis vor die Küsten Neufundlands in Kanada und fressen sich dort an Robben und Thunfischen satt. Die frischen Temperaturen um 15 Grad Celsius machen ihnen nichts aus, denn sie erzeugen und speichern ihre eigene Körperwärme durch ein spezielles Netz von Blutgefäßen – auch bei Tauchgängen in bis zu 1.200 Meter Tiefe bleiben ihre Muskeln dadurch leistungsfähig. Im Herbst wird es ihnen dann aber im Norden doch zu kühl. Außerdem wandert ihre Beute ab. Dann ziehen offenbar auch die weißbauchigen Prädatoren südwärts in ihr Winterquartier vor Nord- und Süd-Carolina oder bis in den Golf von Mexiko, wo sie ein breiteres Beutespektrum erwartet.
Einer dieser Haie ist Bob. „In den drei Jahren, in denen wir Bob bisher verfolgt haben“, erzählt der leitende Wissenschaftler von OCEARCH, Robert Hueter, über den nach ihm benannten Hai, „bewegte er sich zwischen Kanada und dem Golf von Mexiko. Er bringt uns immer noch Neues über die Bewegungen erwachsener männlicher Weißer Haie bei. Derzeit ist er auf dem Weg nach Süden zu seinen Winterfutterplätzen vor der Küste der USA.“
Mittlerweile haben Hai-Experten einen guten Überblick über einige Meeresregionen und können Aussagen darüber treffen, wo die Großen Weißen sich in welchem Alter und um welche Jahreszeit herumtreiben und welche ozeanografischen Parameter sie bevorzugen. Diese Daten sind ein wichtiger Beitrag für das Bestandsmanagement und zur Vermeidung von Unfällen mit Menschen.
Gerade in US-Gewässern ist die Umsetzung des Artenschutzes dieser ikonischen Jäger eine Erfolgsstory, gleichzeitig hat ihre Erforschung ihr Image positiv beeinflusst – Menschen sehen sie mittlerweile als legitime Meeresbewohner und nicht mehr als Horror-Haie an. So wurde beispielsweise im August 2024 ein in Nantucket gestrandeter Carcharodon von Strandspaziergängern gerettet: Der zwei Meter lange Jungfisch zappelte hilflos auf dem Rücken liegend im Wellensaum, doch die Menschen schoben ihn wieder zurück ins tiefere Wasser. Jetzt hat er eine Chance, alt zu werden – und das Fortbestehen seiner Art zu sichern. //
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