In Sachen Pünktlichkeit macht man ihnen nichts vor – solange das Wetter halbwegs mitspielt. Dann setzen sich jeden Morgen, just 45 Minuten vor Sonnenaufgang, die Amselmännchen der Nachbarschaft auf ihre Singwarten und begrüßen klangvoll den beginnenden Tag. Es ist eines dieser ganz normalen Naturwunder, die wir meist viel zu wenig beachten. Dabei ist der Amselgesang für menschliche Ohren besonders wohlklingend. Die Lieder der schwarzen Vögel wirken melodischer und sanfter als beispielsweise die oft eher dahingeschmetterten Arien der berühmten Nachtigallen. Zudem sind Erstere viel weiter verbreitet. Egal, ob Großstadt oder urwüchsiger Wald: Turdus merula, der gefiederte Sänger, tritt fast überall auf. So kann jeder von uns in den Genuss seiner Stimme kommen.
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Text: Kurt de Swaaf
In Sachen Pünktlichkeit macht man ihnen nichts vor – solange das Wetter halbwegs mitspielt. Dann setzen sich jeden Morgen, just 45 Minuten vor Sonnenaufgang, die Amselmännchen der Nachbarschaft auf ihre Singwarten und begrüßen klangvoll den beginnenden Tag. Es ist eines dieser ganz normalen Naturwunder, die wir meist viel zu wenig beachten. Dabei ist der Amselgesang für menschliche Ohren besonders wohlklingend. Die Lieder der schwarzen Vögel wirken melodischer und sanfter als beispielsweise die oft eher dahingeschmetterten Arien der berühmten Nachtigallen. Zudem sind Erstere viel weiter verbreitet. Egal, ob Großstadt oder urwüchsiger Wald: Turdus merula, der gefiederte Sänger, tritt fast überall auf. So kann jeder von uns in den Genuss seiner Stimme kommen.
Zu verdanken ist dies einer besonders ausgeprägten Anpassungsfähigkeit. „Die Amsel ist ein Allerweltsvogel, der in verschiedensten Habitaten vorkommt“, erklärt Jesko Partecke, Forscher am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie (MPIAB) in Radolfzell und international anerkannter Experte für diese Spezies. Ihre Flexibilität zeigt die Art unter anderem bei der Ernährung. Amseln sind echte Omnivoren; sie fressen sowohl pflanzliche wie auch tierische Kost. Das Spektrum reicht von Beeren und allerlei Samen über Würmer und Insektenlarven bis hin zu Kaulquappen. Menschengemachtes nehmen sie ebenfalls gerne an. Brotscheiben werden beharrlich so lange herumgeschüttelt und zerhackt, bis irgendwann nur noch die Kruste übrig bleibt.
Eroberung der Städte
Die Nähe zwischen Turdus merula und Homo sapiens ist jedoch ein recht neues Phänomen. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts scheinen die Vögel als scheue Waldbewohner gegolten zu haben. Älterer Fachliteratur zufolge stammen die frühesten Berichte über städtische Amseln aus dem Zeitraum 1820 bis 1850, die Tiere sollen damals zuerst in Bamberg, Augsburg, Stuttgart und Frankfurt am Main sesshaft geworden sein. Über die Zuverlässigkeit dieser Angaben herrscht allerdings keine Einigkeit. Auch Jesko Partecke hat seine Zweifel. Die Quellenlage ist unklar, meint der Wissenschaftler.
Wahrscheinlich sei aber, dass die Besiedlung der jeweiligen Städte durch Amseln unabhängig voneinander erfolgte, bis sie irgendwann flächendeckend war. Ein umfassender Siegeszug.
Heute sind die Vögel in Europa praktisch allgegenwärtig. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von Irland bis an den Rand der kasachischen Steppen und von Südlappland bis Sizilien. Kleinasien und Nordafrika zählen ebenfalls dazu. Den Gesamtbestand schätzt die Weltnaturschutzorganisation IUCN auf bis zu 500 Millionen Exemplare. In manchen Regionen ist Turdus merula gar der am häufigsten vorkommende Brutvogel.
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Die gelungene Anpassung an urbane Lebensräume trägt mit Sicherheit zum Erfolg der Amsel bei, wobei sie nicht wirklich eine Ausnahme ist, meint Jesko Partecke. Auch Kohlmeisen, Rotkehlchen und Ringeltauben seien solche erfolgreiche Stadtkolonisten – von den inzwischen fast weltweit verbreiteten Haussperlingen (Passer domesticus), Spatzen genannt, mal ganz abgesehen.
Im nördlicheren Skandinavien, zum Beispiel in der Universitätsstadt Uppsala, hat sich die mit der Amsel nah verwandte Wacholderdrossel (Turdus pilaris) als die erfolgreichere urbane Siedlerin erwiesen, erklärt Partecke. Das liege vermutlich am kälteren Klima dort.
Die fliegenden Stadtbewohner profitieren gleich mehrfach von ihrem eigentlich untypischen Habitat. Zum einen ist das Nahrungsangebot in menschlichen Siedlungen oft größer, vor allem durch Abfälle und die gezielte Fütterung von Gartenvögeln durch Tierliebhaber. Zweitens liegen die Temperaturen innerhalb der Städte im Winter stets einige Grad über den Werten des Umlands. Für frierende Vögel kann dies im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden. Des Weiteren lauern zwischen Häusern und Straßen meistens nicht so viele Prädatoren wie in freier Wildbahn – trotz der durchaus ernsthaften Bedrohung seitens der Katzen. Mehrere mit Amseln durchgeführte Studien haben zudem gezeigt, dass die urbanen Amseln weniger von Blutparasiten und Zecken heimgesucht werden. Das dürfte die Tiere stärken.
Ruhig Blut bewahren
Natürlich gibt es auch eine Kehrseite der Medaille. Ähnlich wie beim Menschen, kann das Stadtleben für Turdus merula potenziell mehr Stress bedeuten. Lärm, Kunstlicht und Luftverschmutzung sind durchaus belastend. Wie gehen die Vögel damit um? Jesko Partecke ist dieser Frage schon vor knapp 20 Jahren nachgegangen. Der Biologe zog jeweils 22 Amselküken aus dem Münchner Stadtzentrum und aus einem stillen Wald von Hand auf. Nachdem sie ausgewachsen waren, führte Partecke mit ihnen regelmäßig Stresstests durch und entnahm dabei Blutproben.
Deren Zusammensetzungen ergaben einen hochinteressanten Befund: Die aus der Stadtpopulation stammenden Tiere wiesen fast immer eine niedrigere Konzentration des Stresshormons Corticosteron auf als ihre im Wald geschlüpften Artgenossen – obwohl sie in der gleichen Umgebung aufgewachsen waren. Offenbar sind die urbanen Amseln in der Lage, ihre Corticosteron-Ausschüttung herunterzuregulieren. Partecke sieht hierin eine Anpassung an den städtischen Lebensraum. Ein dauerhaft erhöhter Stresshormonspiegel würde den Vögeln wahrscheinlich Gesundheitsschäden zufügen und damit ihre Überlebensfähigkeit verringern. Also müssen sie ruhig Blut bewahren.
Neuere Untersuchungen einer internationalen Forschungsgruppe scheinen Parteckes Ergebnisse zu bestätigen. Dieses Team fand, im Vergleich zu urbanen Populationen, durchweg höhere Corticosteron-Konzentrationen in den Federn waldbewohnender Amselmännchen. In Bezug auf zwei weitere physiologische Stressindikatoren konnten die Wissenschaftler keine Unterschiede feststellen. Demzufolge dürfte das Stadtleben längerfristig wohl kaum negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Turdus merula haben – vorausgesetzt, die Tiere sind von ihrer Anpassung her schon darauf eingestellt. Aus populationsökologischer Sicht ist die Lage jedenfalls klar: Stadtamseln erreichen deutlich höhere Bestandsdichten als ihre Verwandten auf dem Land. Ihr Ernährungszustand ist oft besser; sie können im Jahr zwei bis drei Bruten großziehen anstatt nur eine, und es gibt sogar Hinweise auf eine höhere Lebenserwartung der urbanen Vögel. Alles handfeste biologische Vorteile.
Amseln auf Wanderschaft
Jesko Partecke widmet sich inzwischen vorrangig einem anderen faszinierenden Thema: dem Wanderverhalten von Turdus merula. Zusammen mit seinem ehemaligen Doktoranden Nils Linek verfolgt der Wissenschaftler im Rahmen des Projekts „Icarus“ die Flugbewegungen von mehreren Tausend Amseln. Die Art gehört zu den sogenannten Teilziehern, erklärt Linek. „Sie hat verschiedene Strategien.“ Manche Populationen sind standorttreu; andere dagegen wandern jeden Herbst geschlossen in wärmere Gefilde. In vielen weiteren Gebieten wiederum zieht nur ein Teil der Vögel über den Winter weg, während der Rest vor Ort ausharrt. Das ist auch in Deutschland die Regel. Ob die Tiere wandern, und wie viele von ihnen, hängt hauptsächlich vom regionalen Klima ab. In Russland brütende Amseln gehen praktisch alle auf Reisen, die von der Iberischen Halbinsel normalerweise gar nicht. Manchmal aber, bei einem ungewöhnlich heftigen Kälteeinbruch, müssen auch „Daheimbleiber“ kurzfristig fortziehen. Fachleute bezeichnen dieses Phänomen treffend als Winterflucht.
Die Flugüberwachung Hunderter Amseln gelingt den Icarus-Experten nur dank modernster Technik. Dazu werden wild lebende Vögel mit Netzen eingefangen und anschließend mit Miniatursendern ausgestattet. Diese, weniger als drei Gramm wiegenden Geräte lassen sich mit verschiedenen Antennentypen und Empfängern orten; neuere Modelle melden ihre Positionen sogar an Satelliten. Ein Teil der Tiere bekommt zudem winzige Datenlogger in die Bauchhöhle eingepflanzt. Diese zeichnen jede halbe Stunde die Herzfrequenz und Körpertemperatur ihrer Träger auf, was Einblicke in deren Stoffwechsel und Gesundheitszustand ermöglicht. So kommt ein wahrer Schatz an wissenschaftlich verwertbaren Daten zusammen.
Die Intensivbeobachtung der Amseln hat bereits mehrere interessante Erkenntnisse hervorgebracht. So war zum Beispiel lange unklar, wie Zugvögel den Zeitpunkt ihres Abflugs festlegen. Jesko Partecke und seine Kollegen konnten diese Frage nun zumindest für Turdus merula weitgehend beantworten. Die Forscher werteten die Bewegungsprofile von insgesamt 610 in Deutschland, Polen, Russland und Südfinnland brütenden Amseln in Kombination mit den dort regional aufgezeichneten Wetterdaten und den jeweiligen Tageslängen aus.
Den Ergebnissen zufolge orientieren sich alle vier Populationen am Zusammenspiel mehrerer Faktoren. „Die Tageslänge ist das wichtigste Signal“, betont Nils Linek. Das überrascht nicht, schließlich zeugen gerade die kürzer werdenden Tage sehr zuverlässig vom nahenden Winter. Europaweit machen sich die meisten ziehenden Amseln deshalb im Oktober auf den Weg, doch es gibt deutliche Unterschiede.
Anpassung an Distanzen und nachts unterwegs
Russische und polnische Amseln starten im Schnitt bis zu anderthalb Wochen früher als ihre finnischen und deutschen Artgenossen. Der mutmaßliche Hintergrund: Die Angehörigen der beiden ersten Popula-
tionen stammen aus Gebieten mit rauem Klima und sind obligate Zieher. In ihre weit südlich gelegenen Winterquartiere haben sie längere Distanzen zurückzulegen. Anscheinend berücksichtigen die Tiere das.
Doch die Amseln haben nicht nur die Tageslänge im Blick; auch die Wetterverhältnisse spielen offenbar eine wichtige Rolle. Wolkenbedeckung, Luftdruck, Windrichtung und Temperatur beeinflussen die Vögel in ihren Entscheidungen. Das trifft vor allem auf die Langstreckenzieher zu, berichtet Nils Linek, weil sie stärker von guten Flugbedingungen abhängig sind. Hochdruckwetter mit Rückenwind und ein klarer Himmel werden für den Reisebeginn bevorzugt. Wahrscheinlich navigieren Amseln während ihres Flugs mithilfe der Sterne, meint Linek. Dies sei aber noch nicht eindeutig bewiesen. Dass Turdus merula und viele andere Zugvögel überwiegend nachts unterwegs sind, hat womöglich auch physiologische Gründe, erklärt der Biologe. Die Tiere könnten dadurch Hitzestress beim anstrengenden Fliegen vermeiden. Ein weiterer Vorteil: Gefährliche Greifvögel wie der Wanderfalke jagen nicht im Dunkeln.
Viele Männchen bleiben vor Ort
Von Deutschland aus zieht gleichwohl nur rund ein Viertel der hier brütenden Amseln über den Winter fort. Es bleiben vor allem die Männchen. „Das hat mehrere Vorteile“, sagt Nils Linek. Die Amselherren, leicht erkennbar an ihrem schwarzen Gefieder und dem orangegelben Schnabel, können, wenn sie ausharren, im Frühling schnell die besten Territorien besetzen – noch bevor eventuelle Konkurrenz eintrifft. Die Ortstreuen vermeiden zudem die Risiken der Wanderschaft. Männliche Exemplare, erklärt Linek, sind im Vergleich zu den tarnbraun gefärbten Weibchen etwas größer und robuster und daher den winterlichen Entbehrungen besser gewachsen.
Wohin die ziehenden Amseln reisen, ist mittlerweile bekannt. Vögel der hiesigen Brutpopulation überwintern hauptsächlich in Südfrankreich, wie Nils Linek berichtet. Einige wandern allerdings auch zur Iberischen Halbinsel, manche sogar nach Nordafrika. Gut möglich, dass sie dabei auf langer Strecke das offene Mittelmeer überqueren, eventuell mit einem Zwischenstopp auf den Balearen, meint Linek. Amseln sind offenbar flinke Flieger. Vor einigen Jahrzehnten gelang es ihnen, nach und nach Island zu besiedeln. Die Tiere müssen dafür Hunderte Kilometer weit über den offenen Atlantik geflogen sein – eine beeindruckende Leistung.
Auch auf dem regulären Herbstzug ist Turdus merula recht flott unterwegs. Den Icarus-Daten zufolge brauchen in Südwestdeutschland startende Amseln durchschnittlich nur vier Flugnächte, um an ihr Ziel zu gelangen. Gesamtflugdauer: 19 Stunden. Zwischendurch legen die meisten von ihnen jedoch tagelange Pausen ein, erklärt Jesko Partecke. So kann die Reise insgesamt bis zu 43 Tage dauern.
Fliegen oder bleiben?
Partecke und sein Team haben zudem einen neuen Einblick in einen zentralen Aspekt in der Vogelzugforschung ermöglicht. Das zeitweilige Abwandern in mildere Klimazonen helfe den Tieren, Energie zu sparen, glaubten Fachleute bisher. Der Flug dorthin beanspruche zwar auch Kraftressourcen; in der Summe aber dürfte der Zug weniger Energie kosten als der Verbleib vor Ort, wo Nahrungsmangel und Kälte den Organismus belasten. Nun zeigt sich: Zumindest für Turdus merula stimmt diese Überlegung nicht.
Die Wissenschaftler analysierten die mittels implantierter Logger gesammelten Daten von 83 wandernden und standorttreuen Amseln aus der Bodenseeregion. Die Herzfrequenz ist ein guter Stellvertreterwert für den Energieverbrauch, erläutert Nils Linek. „Das kennt man auch aus der Humanmedizin.“ Als weiteren Indikator haben die Forscher die Aufzeichnungen der Körpertemperatur miteinbezogen.
Die Ergebnisse der im vergangenen September veröffentlichten Studie liefern keine Hinweise auf einen Vorteil für ziehende Amseln. Ihre Energiebilanz unterscheidet sich nicht wesentlich von der standorttreuer Artgenossen. Zudem stellten die Forscher fest, dass die wandernden Vögel vier Wochen vor Abflug im Herbst in einen physiologischen Sparmodus übergehen. Dazu werden Herzrate und Körpertemperatur nachts abgesenkt, was zu einem geringeren Energieverbrauch führt: Reserven aufbauen für die Reise.
Doch welche Vorteile bietet der Zug dann? „Das ist eine Wette“, meint Nils Linek. Wandernde Amseln haben meist eine höhere Überlebensrate, vor allem in strengen Wintern. Das Ausweichen vor der Kälte spart Energie, diese investieren sie möglicherweise in ihre körperliche Kondition, erklärt der Wissenschaftler. „Zugvögel im Süden haben zum Beispiel einen stärkeren Druck aufs Immunsystem, weil sie mit anderen Krankheitserregern in Kontakt kommen.“
Die Heimattreuen indes könnten als Ausgleich für ein größeres Mortalitätsrisiko einen höheren Fortpflanzungserfolg haben, unter anderem wegen der schon erwähnten frühen Revierbesetzung. Für die später zurückkommenden Zieher sind die besten Plätze dann schon weg.
Insgesamt aber dürften sich die Chancen der beiden Gruppen die Waage halten. Sonst würden die unterschiedlichen Verhaltensweisen nicht parallel existieren, betont der Wissenschaftler Linek. Da wäre die Evolutionsbiologie vor.
Die ziehenden Amseln kehren übrigens auch gern nach Hause zurück, berichtet der Forscher. Im Frühling treffen sie zuverlässig, auf rund 500 Quadratmeter genau, wieder an ihren Stammplätzen ein. Kurz danach bauen die Vögel ihre Nester, versteckt in Büschen und Hecken oder an dicht mit Efeu bewachsenen Mauern. Und abends künden die singenden Männchen vom Beginn der besten Jahreszeit. //
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