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Gefahr für die grünen Lungen
Neue Begehrlichkeiten nach Öl und Gas gefährden im zentralafrikanischen Kongobecken Ökosysteme, die für das Weltklima wichtig sind. Und auch in anderen ökologisch empfindlichen Regionen der Welt liefert der Krieg in der Ukraine Argumente für neue Explorationspläne
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Text: Roman Goergen
Bart Crezee kennt sich auf den Flüssen des zentralen Kongobeckens gut aus. Zwischen 2018 und 2020 war der Ökologe mit seinen Kollegen per Einbaum-Kanu auf dem Kongo, dem Ruki und dem Ikelemba unterwegs. Auf den insgesamt drei Expeditionen trotzten die Forscher von der Universität von Leeds der schwülen Hitze, Moskitos und schwer durchdringbarer Vegetation, um genauere Daten über die Torfmoore von Cuvette Centrale zu ermitteln. Sie sammelten Hunderte von Torf- und Wasserproben, ermittelten die Tiefe des Torfs und seine genaue geografische Ausdehnung, um ihn schließlich zum ersten Mal auf Landkarten einzeichnen zu können. Denn bis 2017 war das gewaltige Feuchtgebiet der Wissenschaft weitgehend unbekannt.
In diesem Jahr veröffentlichte Crezees Kollegin Greta Dargie eine richtungsweisende Studie, die zum ersten Mal auf die enorme Bedeutung von Cuvette Centrale hinwies. „Ich las damals darüber in der Zeitung und war fasziniert davon, dass ein solch wichtiges Ökosystem für so lange unbekannt war. Ich wollte an der Erforschung teilnehmen und so auch meinen Beitrag gegen den Klimawandel leisten“, erinnert sich Crezee. Die Studie von 2017 befasste sich nur mit dem Teil des Moorgebiets, der in der Republik Kongo im Westen liegt. „Doch die Annahme war, dass zwei Drittel des Ökosystems in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo (DRC) liegen. Um das zu beweisen, brauchten wir mehr Daten“, so der Niederländer.
Ständig hohe Wassermengen halten in Mooren den Boden sauerstoffarm und verhindern die vollständige Zersetzung der Pflanzenreste. Diese werden stattdessen als Torf abgelagert, der enthaltene Kohlenstoff bleibt gebunden und entweicht nicht als CO2 in die Atmosphäre. Aufgrund dieser Vorgänge sind diese Gebiete ideale Karbonspeicher. Obwohl sie nur rund drei Prozent der Erdoberfläche einnehmen, binden Torfmoore doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Bäume des Planeten. Im Kampf gegen den Klimawandel sind somit genaue Erkenntnisse über ihren Zustand enorm wichtig.
Im Juli 2022 veröffentlichte Crezee mit seinen Kollegen aus Leeds schließlich weitere Details über Cuvette Centrale. „Zu unserer Überraschung reicht der Torf in diesen Mooren in eine Tiefe von bis zu 6,5 Meter. Wir sind daher zuversichtlich, dass es hier wirklich um einen der wichtigsten Kohlenstoffspeicher der Welt geht“, betont Crezee. Laut der neuen Studie bemessen sich die Moorgebiete von Cuvette Centrale auf 167.600 Quadratkilometer – mehr als Bayern, Niedersachsen und Baden-Württemberg zusammen. Die Wissenschaftler berechneten, dass sie fast 30 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern. „Das entspricht etwa den weltweiten Emissionen aller fossiler Brennstoffe von drei Jahren. Wenn diese Moore zerstört oder beeinträchtigt werden, würde die gleiche Menge an CO2 in die Atmosphäre gelangen und die Erde zusätzlich erwärmen“, warnt der Ökologe.
Dass genau dies passieren könnte, befürchten nun Forscher und Aktivisten. Seit Ende Juli läuft in Kinshasa, der Hauptstadt der DRC, eine Auktion, auf der Lizenzen an internationale Energiekonzerne versteigert werden sollen, um in 30 dafür ausgewiesenen Parzellen nach Erdöl und Erdgas zu suchen und bei Erfolg diese Brennstoffe zu erschließen – in teils hochsensiblen ökologischen Gebieten wie eben der Cuvette Centrale. Zunächst sollten es nur 16 Parzellen sein, doch die Regierung des Landes witterte eine Chance angesichts der gegenwärtigen Stimmung auf den internationalen Energiemärkten: „Der Kontext hierfür ist auch, dass die Versorgung mit Rohöl und Erdgas entscheidende Punkte sind für globale Themen wie Frieden und Stabilität im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine“, sagte DRC-Präsident Felix Tshisekedi während der Eröffnungszeremonie für die Auktion in Kinshasa.
Kongolesische Politiker vermuten unter diesen Parzellen bis zu 16 Milliarden Barrel Erdöl mit einem gegenwärtigen Marktwert von etwa 650 Milliarden Dollar. Stellt man die Entscheidung in Frage, verweisen sie darauf, dass die DRC eines der ärmsten Länder der Welt sei und im internationalen Vergleich praktisch keine nennenswerten Treibhausemissionen aufweist. Dennoch, so klagen sie, gönne das Ausland der DRC keine Einnahmen aus der Erschließung fossiler Brennstoffe. Demgegenüber stehen jedoch Statistiken, die belegen, dass der Staatsapparat einer der korruptesten der Welt ist und die einfache Bevölkerung schon von dem regen Handel mit Diamanten, Kupfer oder Kobalt nicht profitieren konnte. „Hier geht es vor allem um beispiellose Kriegsprofite für die großen Ölkonzerne. Dafür ist die DRC bereit, gewaltige Teile von Torfmooren und Regenwald zu zerstören“, warnt Irene Wabiwa, bei Greenpeace Afrika als Projektleiterin für das Kongobecken zuständig.
Schlechte Zeiten für den Naturschutz
Die DRC beherbergt auch die bei weitem größten Anteile des zweitgrößten Regenwaldes der Welt, der sich über eine Breite von 2500 Kilometern im Kongobecken ausbreitet und dessen delikate meteorologische Balance selbst Regen im weit entfernten Ägypten reguliert. Es ist der einzige größere Regenwald der Welt, der mehr Kohlenstoff bindet als er abgibt. Aber der Wald ist bedroht. Schon jetzt werden die Entwaldungsraten der DRC nur von Brasilien übertroffen. Wissenschaftler schätzen, dass die auf der Auktion angebotenen Parzellen auch etwa elf Millionen Hektar dieses Regenwaldes umfassen. Und nach Kalkulation der Universität von Leeds kommen noch eine Million Hektar des Cuvette-Centrale-Torfmoors in drei Parzellen dazu.
Wenn diese Gebiete gerodet und erschlossen würden, erwarten Wissenschaftler einen Ausstoß gewaltiger CO2-Mengen aus den zerstörten Böden und gefällten Bäumen. „Das verdreifacht die Verschmutzung durch spätere Ölemissionen selbst. Damit wären hier gewonnenes Öl oder Gas die schmutzigsten fossilen Brennstoffe, die jemals auf der Erde gefördert worden wären“, warnt Crezee.
Versicherungen von Präsident Tshisekedi, dass moderne Drilltechnik und strenge Regulationen genau das verhindern sollen, will der Ökologe nicht gelten lassen: „Torfmoore müssen nass bleiben. Jede kleine Störung kann dazu führen, dass sie austrocknen und ihren Kohlenstoff abgeben. Das kann schon durch den Bau von Zugangsstraßen verursacht werden – selbst wenn gar kein Öl gefunden oder gefördert wird.“ So gebe es schlicht keinen Weg, hier Öl umweltverträglich und sicher zu fördern.
Noch bei der UN-Klimakonferenz in Glasgow im November 2021 unterzeichnete der damalige britische Premier Boris Johnson im Namen der Central African Forest Initiative (CAFI) ein 500 Millionen Dollar schweres Abkommen zum Schutz genau dieses Regenwaldes mit Tshisekedi. Demnach soll diese Summe von einer Reihe von Geberländern vertraglich garantiert und dann dafür eingesetzt werden, sechs Anrainerstaaten des Kongobeckens zu helfen, ihre Emissionen niedrig zu halten und ihren Regenwald zu schützen. „Aber nicht ein einziger der damaligen Unterzeichnerstaaten, die so ihre Steuergelder für den Regenwald einsetzen wollten, hat diese Auktion der DRC bislang kritisiert“, klagt Greenpeace-Vertreterin Wabiwa. Zu diesen Geldgebern zählen auch Deutschland, Großbritannien und die EU.
Doch es geht nicht nur ums Klima, es geht auch um die Artenvielfalt, die durch die Bohrungen gefährdet wird. Die neu hinzugefügten Konzessionen in der DRC umfassen auch zwei Parzellen im Virunga Nationalpark, der zum Unesco-Weltnaturerbe zählt. Internationaler Druck nach Enthüllungen des Dokumentarfilms „Virunga“ von 2014 hatte seinerzeit dazu geführt, dass sich Ölkonzerne von Projekten im Nationalpark zunächst zurückgezogen hatten. Dort, aber auch in der benachbarten Republik Kongo, macht sich die Weltnaturschutzunion IUCN vor allem wegen dieser Entwicklung Sorgen um die Primaten der Region.
„Diese Konzessionen werden wahrscheinlich erheblichen Einfluss auf alle hier vorkommenden Menschenaffenarten haben – Bonobos, Östliche Flachlandgorillas, Berggorillas und Schimpansen. Wegen ihrer langsamen Reproduktion können schon kleine Beeinträchtigungen diese Populationen langfristig gefährden“, sagt Dirck Byler, der stellvertretende Vorsitzende der IUCN-Spezialistengruppe für Primaten. Seine Kollegin Genevieve Campbell von der Artenschutzgruppe Re:wild betont zudem, wie wichtig es für diese Tiere bislang war, dass ihre Gebiete schlicht schwer zugänglich waren. „Wenn für die geplante Exploration Straßen gebaut oder verbessert werden, kommen mit ihnen auch mehr Wilderei, Abholzung und andere Umweltzerstörung in die Primatengebiete“, so Campbell.
Da diese Primatengruppen die politischen Grenzen der Menschen nicht kennen und in den verschiedenen Naturschutzgebieten der Virunga-Region über die Grenzen der DRC hinaus verteilt sind, kommen zudem Bedenken aus den Nachbarländern hinzu. So warnt Fidele Ruzigandekwe von der grenzübergreifenden Greater Virunga Transboundary Collaboration, zu deren Mitgliedern neben der DRC auch Ruanda und Uganda zählen, vor „Sicherheitsrisiken durch eine von den Ölprojekten verursachte Zuwanderung von Menschen in einer politisch instabilen Region mit unkontrollierbaren Grenzen“. Der Ruander fürchtet, dass Streit rund um die Auktion die Zukunft der Kooperation der drei Staaten, etwa beim Schutz der gefährdeten Berggorillas, in Frage stellen könnte.
Ein gefährlicher Trend
Doch auch im übrigen Afrika wollen viele Nationen angesichts der gegenwärtigen Energienachfrage von Naturschutz oft nur noch wenig wissen. „Die Entwicklungen im Kongobecken scheinen ein Teil eines größeren Trends zu sein, in dem Öl- und Gaskonzerne versuchen, in neue Gebiete zu expandieren“, bestätigt Joe Eisen, Geschäftsführer der Rainforest Foundation UK. Experten haben eine zeitliche Lücke in der Energiepolitik vieler westlicher Nationen ausgemacht, seitdem sie sich auf den Ukraine-Krieg eingestellt haben. Während langfristig erneuerbare Energien stärker erschlossen werden sollen, werden kurz- und mittelfristig mehr Öl und Gas gebraucht. So richtet sich ihr Blick auch nach Afrika.
Nach Kalkulationen der Nachrichtenagentur Reuters planen internationale Energiekonzerne in Afrika Projekte in einem Gesamtwert von über 100 Milliarden Dollar, um die verlorene Versorgung aus Russland auszugleichen. Auch in Namibia, Südafrika, Uganda, Kenia, Mosambik und Tansania sollen solche Explorationen zum Teil auch in empfindlichen Ökosystemen stattfinden. „Für Afrika ist das eine gewaltige Gelegenheit. Wegen der Krise in der Ukraine hat sich der globale Kontext für Energiemärkte und Versorgung radikal verändert“, sagte Luca Bertelli vom italienischen Ölriesen Eni auf einem Energiegipfel in London im Mai 2022. Auch Deutschland mischt bei diesem neuen Werben mit. Als Bundeskanzler Olaf Scholz im Mai den Senegal besuchte, ging es auch um dessen große unerschlossene Erdgasreserven.
Afrikanische Politiker werfen Stimmen aus dem globalen Norden eine gewisse Doppelmoral vor, wenn diese fordern, solche Projekte zum Wohle des Weltklimas bleiben zu lassen. Denn diese neu entfachte Suche nach fossilen Brennstoffen findet nicht nur im fernen Afrika statt. „Diese Regierungen können berechtigterweise die Glaubwürdigkeit solcher Forderungen anzweifeln, wenn sie aus Ländern kommen, die selbst wieder ihre eigenen Projekte zur Gewinnung fossiler Brennstoffe anschieben – auch in ökologisch hoch sensiblen Regionen, wie es zum Beispiel Norwegen in der Arktis tut“, betont Joe Eisen. Gerade im empfindlichen Polarmeer mit zahlreichen gefährdeten Arten hoffen die Anrainerstaaten auf erfolgreiche Explorationen. Es wird geschätzt, dass sich in der Arktis 22 Prozent der weltweit unerschlossenen, aber technisch erreichbaren Reserven fossiler Brennstoffe verbergen. So will Norwegen erste Lizenzen zur Exploration neuer Gebiete bereits Anfang 2023 vergeben haben.
Auch etwas weiter südlich in der Nordsee wird seit Kriegsbeginn in der Ukraine wieder verstärkt nach Erdgas gesucht. In Großbritannien bekämpft Greenpeace derzeit die Genehmigung eines neuen Erdgasprojekts vor der Küste Schottlands. Gleichermaßen klagen holländische und deutsche Umweltschützer in Den Haag gegen ein ähnliches Vorhaben in der Nähe der Inseln Juist und Borkum.
Überall auf der Welt sind die Energiekonzerne in großer Eile, da ihnen klar ist, dass solche Projekte unrentabel werden, wenn die Regierungen erst einmal ihre Energiewende-Projekte in einem relevanten Maße vorangetrieben haben. Das gilt auch für das Kongobecken: „Der Ölpreis ist im Moment hoch, aber es würde einige Jahre dauern, ehe hier etwas zu Tage gefördert würde. Dann könnte der Preis längst wieder niedrig sein“, warnt der Wissenschaftler Bart Crezee. Das gesamte Kongo-Projekt könne dann sehr leicht zu einer gewaltigen Altlast verkommen, von der weder die Kongolesen noch die europäischen Verbraucher profitieren würden. Der Schaden an der Natur aber wäre nicht mehr gutzumachen.
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